© Diana Hillesheim
Joseph Haydn
Die Jahreszeiten
Cäcilienchor Frankfurt
Figuralchor Frankfurt
Frankfurter Kantorei
Frankfurter Singakademie
Karolina Bengtsson, Sopran
Magnus Dietrich, Tenor
David Steffens, Bass
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Thomas Guggeis, musikalische Leitung
Alte Oper, 18. Mai 2026
von Dirk Schauß
Joseph Haydns weltliches Oratorium „Die Jahreszeiten“ balanciert traditionell auf dem schmalen Grat zwischen herrlicher Naturmalerei und moralischer Erbauung. Beim Frankfurter Museumskonzert im Großen Saal der Alten Oper erwies sich die Befürchtung einer zähen ersten Hälfte jedoch als unbegründet.
Unter der Leitung von Thomas Guggeis gerieten „Frühling“ und „Sommer“ zu einem kurzweiligen, farbenreichen Auftakt voller scharfer Kontraste. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester musizierte von den ersten Takten an stilsicher und kultiviert, sodass die pastorale Heiterkeit das Publikum nicht ermüdete, sondern das Fundament für ein packendes musikalisches Ereignis legte.

Die Entstehungsgeschichte des Werks beleuchtet das interpretatorische Dilemma. Haydn komponierte das monumentale Oratorium um 1800 unmittelbar nach dem triumphalen Erfolg der „Schöpfung“. Während dort das Werden der Welt nach dem biblischen Genesis-Bericht im Zentrum steht, verhandeln die „Jahreszeiten“ die Existenz des Menschen im zyklischen Ablauf der Natur. Dem gealterten Meister fiel die Arbeit schwer.
Er rieb sich an der Textvorlage des Barons van Swieten, die auf James Thomsons englischem Gedicht basiert. Die kleinteilige Naturmalerei empfand er bisweilen als Zumutung für seinen Künstlerehrgeiz. Die geforderte Vertonung von „Froschgequake“ oder das musikalische Loblied auf den bürgerlichen Fleiß liefen seinem Ideal von Musik zuwider. Umso bemerkenswerter, wie Dirigent Thomas Guggeis und seine Mitstreiter in Frankfurt diesen Widerspruch auflösten: Sie luden die scheinbare Banalität der ersten Teile mit rhetorischer Schärfe und musikalischer Italianità auf.

Mit dem Einzug des „Herbstes“ erlebte der Saal dann jenen mächtigen Aufschwung, der die kontemplative Naturbetrachtung in pure Energie verwandelte. Wenn die Früchte der Arbeit eingebracht werden und die Jagdgesellschaft das Dickicht stürmt, bricht die freimaurerische Philosophie des Werks vollends durch. Haydn, Mitglied der Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“, lässt das Zentralgestirn nicht nur als meteorologisches Phänomen, sondern als aufklärerisches Symbol der erleuchteten Menschheit leuchten.
Der große Sonnen-Chor zitiert unüberhörbar die Priesterchöre aus Mozarts „Zauberflöte“. Der Fleiß, der das menschliche Herz von Lastern reinigt, wird hier zum Motor des gesellschaftlichen Fortschritts. Mit typisch Haydn’schem Humor krönt der Komponist das Ganze: Die finale Fuge auf den Rebensaft nannte er im privaten Kreis seine „besoffene Fuge“ – ein genialer musikalischer Taumel, den die Ausführenden in der Alten Oper mit sichtbarer Lust und rhythmischer Präzision zelebrierten.

Dieses gewaltige Unterfangen verlangte nach enormer personeller Schlagkraft. Vier renommierte Ensembles – Cäcilienchor, Figuralchor, Frankfurter Kantorei und Frankfurter Singakademie – verschmolzen zu einem Riesenchor von rund zweihundert Sängerinnen und Sängern. Diese Masse erwies sich als eigentliches Zentrum des Abends. Statt in einem undifferenzierten Klangteppich zu versinken, agierte der Chor stupend textverständlich, artikulatorisch wendig und intonatorisch makellos. Dynamisch perfekt ausbalanciert und schlagkräftig zugleich lieferte er den vielleicht stärksten Chorabend der Saison.
Thomas Guggeis erwies sich am Pult als unermüdliches Energiezentrum. Souverän leitete er die Massen, setzte markante Kontraste und scharf gezeichnete Akzente. Dass er die Rezitative selbst am Hammerklavier begleitete und die Chöre mit sichtbarem Körpereinsatz mitsang, verlieh der Aufführung eine wunderbare Unmittelbarkeit. Das Orchester belohnte ihn mit farbiger, pointierter Tonmalerei – von schmetternden Jagdhörnern bis zu plastisch aufheulenden Stürmen.

Das solistische Dreigespann zeigte feine Unterschiede. Bassist David Steffens gab dem Simon eine kultivierte, fundamentierte Stimme, blieb jedoch im Ausdruck eher fade. Vor allem sein Deutsch war oft wenig verständlich, was der Textverständlichkeit spürbar schadete. Ganz anders Karolina Bengtsson als Hanne: Ihr Sopran leuchtete mühelos über das Orchester, getragen von klarer, intelligenter Artikulation. Den stärksten Eindruck hinterließ Magnus Dietrich als Lukas. Mit enormer dynamischer Vitalität und feinsinnig differenzierter Phrasierung gestaltete er seine Partie zum interpretatorischen Höhepunkt des Trios.

Am Ende triumphierte das Prinzip der Gemeinschaft über herbstliche Melancholie und drohenden Winterfrost. Das Frankfurter Publikum feierte ein Fest der Chöre und bewies einmal mehr: Haydns „Jahreszeiten“ haben nichts von ihrer Kraft und ihrer aufklärerischen Freude eingebüßt.
Dirk Schauß, 19. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Joseph Haydn, Die Jahreszeiten Wiener Konzerthaus, 8. März 2025
Gewandhausorchester Leipzig, Andris Nelsons Alte Oper Frankfurt, 17. Mai 2026
London Symphony Orchestra, Denis Kothukhin, Sir Antonio Pappano Alte Oper Frankfurt, 30. April 2026