Fotos: Copyright by Tibor-Florestan Pluto
Benjamin Britten
Sinfonia da Requiem op. 20
Leonard Bernstein
Sinfonie Nr. 2 „The Age of Anxiety“
Piotr Iljitsch Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 6 h-moll op. 74 „Pathétique“
London Symphony Orchestra
Denis Kothukhin, Klavier
Sir Antonio Pappano, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 30. April 2026
von Dirk Schauß
An diesem Abend in der Alten Oper Frankfurt ahnte vermutlich keiner, dass ein Programm bevorstand, das mit gemütlichem britischen Understatement wenig zu tun haben würde. Unter der Leitung von Sir Antonio Pappano präsentierte das London Symphony Orchestra (LSO) drei Werke, die das Thema Angst in radikal unterschiedlichen Facetten ausleuchteten: von der existenziellen Erschütterung bis zur lähmenden Leere moderner Sinnsuche. Ein Abend für Kenner, die wissen, dass große Musik selten bequem ist.
Den Auftakt machte Benjamin Brittens Sinfonia da Requiem. Die Geschichte hinter dem Werk ist legendär: Der junge Pazifist Britten sollte für das kaiserliche Japan eine Festmusik zum 2600-jährigen Dynastiejubiläum schreiben – und lieferte stattdessen ein Requiem ab. Dass die Auftraggeber das Stück empört zurückwiesen, war der wohl ehrlichste Ritterschlag, den ein Komponist je erhalten hat.

Pappano und das LSO machten vom ersten Takt an klar, warum diese Musik für staatstragenden Pomp ungeeignet ist. Die eröffnenden Paukenschläge – mit enormer Präzision und Wucht von Altmeister Nigel Thomas ausgeführt – trafen wie ein Schlag in die Magengrube. Britten klang hier rau, aufgewühlt und überraschend unenglisch. Die ersten beiden Sätze entfalteten sich als dramatisches Mahnmal, bevor das abschließende Requiem aeternam einen zerbrechlichen, glasartigen Trost spendete. Ein intensiver, packender Einstieg.
Noch tiefer in die Abgründe der menschlichen Seele führte Leonard Bernsteins zweite Sinfonie The Age of Anxiety. Inspiriert von W. H. Audens gleichnamigem Gedicht, ist das Werk im Kern ein Klavierkonzert der besonderen Art. Denis Kozhukhin am Flügel erwies sich als idealer Interpret: sensibel in den lyrischen Holzbläser-Einleitungen, brillant und rauschhaft in den jazzigen Passagen. Das LSO folgte ihm mit einer stupenden dynamischen Differenzierung und einer Farbigkeit, die besonders im „Masque“-Abschnitt beeindruckte – man glaubte beinahe, den Zigarettenrauch und das neurotische Treiben der vier New Yorker Bar-Besucher zu riechen und zu spüren.

Kozhukhin gestaltete mit enormer Eloquenz und einem Anschlag, der sowohl intime Zerbrechlichkeit als auch virtuose Attacke beherrschte. Der Epilog der Sinfonie geriet breit und filmisch, doch der Gesamteindruck blieb: eine nuancierte, berührende Seelenschau. Kozhukhins kurze romantische Zugabe in Moll danach ließ den Saal regelrecht den Atem anhalten.

Nach der Pause sollte Tschaikowskys sechste Sinfonie, die Pathétique, den emotionalen Höhepunkt bilden. Genau hier brach der Abend auseinander.
Was Sir Antonio Pappano aus diesem Werk machte, blieb merkwürdig distanziert und äußerlich. Wo man existenzielle Verzweiflung, innere Zerrissenheit und schließlich erdrückende Resignation erwartet, blieb vieles an der Oberfläche. Das berühmte Cantabile-Thema des ersten Satzes wirkte kühl und seltsam geschäftsmäßig, die große Durchführungskulmination geriet zu einem unstrukturierten lärmenden Getümmel statt zu einem echten emotionalen Zusammenbruch.
Auch der zweite Satz im elegischen Fünfvierteltakt verlor seine innere Spannung und klang allzu gefällig, wie eine schöne, aber harmlose Salonmelodie. Der dritte Satz, der Marsch, krankte vor allem an rhythmischer Ungenauigkeit und fehlender artikulatorischer Schärfe. Besonders das für die Balance so wichtige Becken ging im Orchesterklang nahezu unter – ein schmerzliches Manko, das man beim LSO nur selten hört. Wo Witz, Biss und Ironie sein sollten, blieb vor allem Lautstärke.

Das finale Adagio lamentoso schleppte sich mit merkwürdig bemühten Tempi dahin. Zwar war das Tamtam deutlich präsenter als üblich, doch bloße Lautstärke kann keine interpretatorische Tiefe ersetzen. Es fehlte schlicht die innere Dringlichkeit, jene musikalische Überzeugungskraft, die Tschaikowskys letztes Werk zu einem der erschütterndsten Abschiedszeugnisse der Musikgeschichte macht. Keine Sekunde berührte diese Darbietung wirklich.
Dass das Orchester als Zugabe die Polonaise aus Eugen Onegin plötzlich wieder mit Pointiertheit und mitreißendem Elan spielte, wirkte fast wie ein stiller Kommentar: Als hätte man die Pathétique nur pflichtschuldig abgehakt, um dann endlich wieder frei atmen zu können.

Das London Symphony Orchestra bleibt ein Orchester von außerordentlichem Format – die satte, dunkle Fülle der Streicher, besonders der Celli und Kontrabässe, beeindruckt immer wieder. Die Strahlkraft der Blechbläser und die Sensibilität der Holzbläser bleiben eine Klasse für sich. Umso deutlicher fiel an diesem Abend auf, wie sehr selbst ein solcher Klangkörper von der interpretatorischen Vision am Pult abhängt.
Ein Abend der zwei Gesichter: Vor der Pause visionär, intensiv und berührend – danach kühl, laut und seltsam leer.
Dirk Schauß, 01. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Vilde Frang Violine, London Symphony Orchestra, Sir Antonio Pappano Musikverein Wien, 27. April 2026
LSO Sir Antonio Pappano/Lisa Batiashvili Alte Oper Frankfurt, 2. Juni 2025
London Symphony Orchestra, Sir Antonio Pappano, Janine Jansen Tonhalle Düsseldorf, 24. April 2024