Huelgas Ensemble (Foto Andreas Ströbl)
„Ars moriendi“, also die „Kunst des Sterbens“, bezeichnet eine spätmittelalterliche Literaturgattung, durch die die Menschen lernen sollten, sich auf einen guten Tod vorzubereiten. Doch was ist ein „guter Tod“? Für die Menschen früherer Jahrhunderte hing das richtige Sterben immer mit einer entsprechenden Lebensführung zusammen. Vor allem wurde der Tod als das Tor zu einem besseren Leben verstanden. Wie das musikalisch vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit funktioniert hat, machte das Huelgas Ensemble unter seinem Leiter Paul Van Nevel am 20. Mai 2026 im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie beeindruckend erlebbar.
„Memento mori”, Werke vom hohen Mittelalter bis zum Barock
Internationales Musikfest Hamburg
Huelgas Ensemble
Paul Van Nevel, musikalischer Leiter
Elbphilharmonie, Hamburg, 20. Mai 2026
von Dr. Andreas Ströbl
„Das Leben ist der Beginn der Ewigkeit“
Auf wunderbar sympathische und humorvolle Art erklärte Paul Van Nevel, Gründer und musikalischer Leiter des Huelgas Ensembles, wie das denn war mit dem Leben und dem Sterben vor vielen Jahrhunderten. In der Einführung ging es darum, wie man früher den Tod begriff: „Das Leben ist der Beginn der Ewigkeit“, so Van Nevel, und der Tod eben nur eine Übergangsstation. Vielleicht klingen deswegen all die Klagelieder und Begräbnisgesänge dieser Zeit nie depressiv, sondern tragen etwas in sich, was uns heute fremd geworden ist: Schicksals- und Gottergebenheit, verbunden mit der Hoffnung auf ein besseres „Danach“.
„Wer sterben gelernt hat, ist ein freier Mensch“, schrieb der französische Philosoph und Essayist Michel de Montaigne, der von 1533 bis 1592 lebte, also in der Zeit, aus der ein Großteil der an diesem Abend gesungenen Stücke stammen. Die Erlösung liegt im Nicht-Verdrängen, und „memento mori“ bedeutet ja: „Bedenke, dass du sterben musst“.
Van Nevel versucht stets, den Komponisten „in den Kopf zu dringen“, um zu ergründen, wie sie dachten und wie ihre Musik damals geklungen haben mag. Man müsse mit ganz anderen Dynamik- und Tempo-Praktiken rechnen; die Kraft der Musik bestünde zudem darin, dass die Melodie über den bloßen Takt hinausginge, und damit die Musik über die messbare Zeit.
Wer sich an diesem Abend auf den klaren, reinen Klang des weltberühmten Ensembles einließ, mochte sich immer wieder der Zeit enthoben fühlen und konnte, trotz Sanatoriums-reifer Husterei, das Gelärme des Tages immer wieder vergessen.
Unvergleichlicher Wohlklang der Stimmen
Nicht umsonst genießt das Huelgas Ensemble Weltruf, denn die vielfältigen Stimmfarben, von Cantus über Tenor und Bariton bis Bassus, ziehen die Zuhörer sofort in ihren Bann, gleichwohl, ob in lateinischer, italienischer oder französischer Sprache. Es sind Stimmen, die sich wie farbige Schlieren ineinander mischen, aber im eigenen Charakter doch stets erkennbar bleiben, sich solistisch zeitweise wieder lösen, um dann wieder ins Miteinander zu tauchen. Selbst bewusst eingesetzte Dissonanzen geraten hier schmiegsam und bereits vor der Auflösung aushaltbar.

Mit samtweichem Ansatz, den Inhalten angemessen, entweder in feinster Zartheit oder ergreifender Stärke, füllen die 16 Sängerinnen und Sänger den Großen Saal der Elbphilharmonie, in dem sie zum ersten Mal auftreten. Schwer verständlich, dass fast ganze Blöcke leergeblieben sind. In betont lässiger Kleidung scheinen sie das Mönchisch-Sakrale bewusst hinter sich zu lassen, und die Musik ins weltliche „heute“ zu bringen. Dennoch wird die „Elphi“ immer wieder zur Kathedrale, zumindest vor dem inneren Auge.
Das geschieht gleich zu Beginn bei Antoine Brumels „Agnus Dei“, einer Bitte um den Beistand Gottes. Dann wird, typisch für die Elbphilharmonie, erstmal geklatscht, aber Van Nevel wicht das mit einer Handbewegung in ruhiger Autorität einfach weg. Zum Ende des ersten Konzertteils wird sich ein Teil des Publikums dann doch noch einen Zwischenapplaus ertrotzen; Leiter und Ensemble nehmen es mit Fassung.
Ist “Hora non dominus Jesus expiravit” aus Loyset Compères Karfreitagsmesse dem sakralen Duktus verpflichtet, sind zwei Lamentationes, also Klagegesänge, von Andreas Pevernage und Guillaume Dufay, weltlichen, gesanglich aber sehr meditativen Charakters. Ein Glöckchen strukturiert Dufays melancholisches Wahrnehmen der Endlichkeit und der Ergebenheit; das Weltliche ist ohne das Göttliche hier gar nicht zu denken.
Zwischen diesen beiden Gesängen erklingen Pietro Antonio Tamburinis gesungene Gebete. Aus den Texten sprechen tiefe Trauer und Abschiedsschmerz sowie eine Erkenntnis der Unentrinnbarkeit, die Stimmen streben aber immer wieder aufwärts.
Michel-Charles de Buissons „Mortem qui stravit” beschwört einen unerschütterlichen Glauben, der als Kanon gesungen wird; die Gewissheit, in Gottes Obhut zu ruhen, tröstet die Gläubigen.
„Per non mi dir ch’io moia” ist ein weltliches Madrigal von Michelangelo Rossi, und diese Weltlichkeit ist sehr lebensnah, denn in diesem, mit entschiedener Dynamik gesungenen Stück geht es um enttäuschte Liebe. Giovanni Gabrielis „Exaudi me, domine“ entstammt wiederum dem rein religiösen Bereich. Eine überwältigende Polyphonie verbindet das Ensemble mit großartiger Raumwirkung, denn jeweils vier Mitglieder sind in vier Gruppen auf der Bühne verteilt. Wechselgesänge und Unisono-Partien schaffen eine spannungsreiche Bewegung, die dem Jüngsten Tag durch gesangliche Schönheit seinen Schrecken nimmt.
Vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit
Der zweite Teil des Konzerts beginnt mit einer Prozession einiger Sängerinnen und Sänger durch den Saal. „Brumans est mort“ eines unbekannten Komponisten ist das älteste Stück des Abends; ein mittelalterlicher Klageruf gerät zum Straßenfest für einen Verstorbenen, Hickser-Interjektionen geben dem Gesang etwas Archaisch-Volkstümliches.

Ein Handy-Ton bringt den Leiter zum kurzen, strafenden Seitenblick. Das genügt. Und dann geht es gleich weiter mit „Vox in Rama audita est“ von Giaches de Wert, einer wehmütigen Klage um die toten Kinder Rahels in berückender Chromatik.
Auch bei Jean Richaforts „Si ambulem“ arbeitet das Ensemble virtuos mit der Raumwirkung durch Verteilung auch auf den Rängen; das Stück zitiert voller Hoffnung Verse aus dem 23. Psalm. Cipriano de Rores „Calami sonum ferentes“ hingegen ist der antiken Dichtung Catulls verpflichtet. Lediglich durch Männerstimmen gesungen, schraubt sich der Gesang aufrecht in die Höhe; es ist ein Auf- und Abschwellen, in dem besonders die Bässe durch virile Fülle und enorme Tiefenauslotung beeindrucken.
Ein klassisches Vanitas-Motiv bedient „Media in vita in morte sumus“ von Nicolas Gombert. Dem harten Text mit der klar geäußerten Todesangst steht der warme, klare Klang der Stimmen entgegen, die das Stück sanft ausgleiten lassen.

Pompeo Cannicciaris „Terra tremuit“ beschließt als jüngstes Werk von 1726 den eigentlichen Konzertteil. Das Beben der Erde am Jüngsten Tag wird phantastisch greifbar im Zittern der Stimmen; es verbleibt eine eindringliche Mahnung, denn der Richtspruch wird alle treffen. Da helfen weder Status noch Macht oder Reichtum.
Während des jubelnden Beifalls bedankt sich Paul Van Nevel bei allen Mitwirkenden und nimmt den Applaus bescheiden entgegen. Es ist auch ein Abschied von einem halben Jahrhundert als Leiter, denn er wird den Stab sukzessive an Achim Schulz weitergeben. Der bereitet auf der Plaza dem Publikum mit einigen Ensemblemitgliedern ein ganz besonderes Geleit in die Nacht, nämlich mit Orlando di Lassos „Lamentationes feria sexta in Parasceve“. Nacheinander an drei verschiedenen Stellen, mitten im Publikum, erklingen Jeremias Klagegesänge.
Ein sehr unmittelbares, nahes Erlebnis dieser großen Kunst und eines phantastischen Ensembles.
Dr. Andreas Ströbl, 21. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal, Elektra Elbphilharmonie, Hamburg, 13. Februar 2026
Klaus Mäkelä, Dirigent, Koninglijk Concertgebouworkest Elbphilharmonie, Hamburg, 11. Februar 2026
5. Philharmonisches Konzert, Olivier Messiaen und Mahler Elbphilharmonie, Hamburg, 12. Januar 2025