Foto: Archiv, Gewandhaus zu Leipzig, Andris Nelsons © Gert Mothes
„Was der Politik oft verwehrt bleibt, gelingt der Musik mühelos: Sie verbindet die Menschen“
Im Musikverein Wien wurden an zwei Abenden sowohl russische als auch deutsche Meisterwerke gespielt. Jedes in singulärer Qualität. Geleitet von Andris Nelsons, der aus der ehemaligen Sowjetrepublik Lettland stammt – auf historisch heiklem Boden
Sergej Rachmaninow:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 in c-moll, op.18
Solistin: Yuliana Adeeva, Klavier
Dmitrij Schostakowitsch:
Symphonie Nr. 10 in c-moll, op. 93
Musikverein Wien, 18. Mai 2026
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Robert Schumann:
Symphonie Nr. 1 in B-Dur, op.38 „Frühlingssymphonie“
Richard Wagner:
Die Walküre 1. Aufzug
Sarah Wegener, Sopran (Sieglinde)
Klaus Florian Vogt, Tenor (Siegmund)
Vitalij Kowaljow, Bass (Hunding)
Musikverein Wien, 19. Mai 2026
Gewandhausorchester Leipzig
Andris Nelsons, musikalische Leitung
von Herbert Hiess
Andris Nelsons ist am Höhepunkt seiner Karriere.
Im Gegensatz zu jüngeren Kollegen setzt er nicht auf oberflächliche Effekte, sondern respektiert die Komponisten und die Orchester. Was in seinem Dirigat deutlich hörbar ist.
So jetzt im Wiener Musikverein bei dem russischen Programm am ersten Abend. Im Rahmen einer Europatournee gingen die Leipziger mit diesen komplexen Werken von Rachmaninow und Schostakowitsch auf Tournee.
Beide Werke interessanterweise in c-moll, begann das Konzert mit Rachmaninows zweitem Konzert; man kann sagen ein Werk mit ewigen Melodien. Es ist auch das bekannteste und am häufigsten gespielte Klavierkonzert des russischen Komponistin.

Russisch ist auch die Pianistin Yuliana Adeeva; mit einem massiven und doch hochmusikalischen Anschlag begeisterte die Dame mit Rachmaninows Melodien mit den ausufernden Akkordzerlegungen. Andris Nelsons schuf ihr auch einen Klangteppich vom Allerfeinsten – das war keine Begleitung, sondern viel mehr eine Symphonie mit Klavier und Orchester. Mit ihrem Spiel bewies Frau Adeeva, dass sie eine Weltklassepianistin ist.

Mit dem hochvirtuosen Orchester konnte man die 10. Symphonie Schostakowitschs auf Weltklasseniveau verfolgen. Hier zeigte sich, dass Nelsons ein Schostakowitsch-Dirigent besonderer Art ist. Ein Beispiel ist der zweite Satz Allegro, den man dieses Mal in besonderer Wildheit hören konnte.
Schostakowitsch war durch Stalin mehr oder minder traumatisiert, was in vielen seiner Werke zu hören ist. Vor allem mit den schon fast pervers anmutenden Marschrhythmen. Nicht umsonst hat diese Symphonie den Beinamen „In Stalins Schatten“.
Die Leipziger machten daraus ein Klangfest; in den elegischen Sätzen begeisterten vor allem die Holzbläser – schwer beeindruckend.
Das Konzert am darauffolgenden Tag brachte einen Ausflug in die deutsche Romantik – und zwar mit Robert Schumanns „Frühlingssymphonie“. Die Leipziger unter ihrem Chefs brillierten aufs Allerfeinste; man hörte hier klar bei Schumanns Komposition, wie Freude durch Frühlingsgefühle entstehen können. Der zweite Satz, das „Larghetto“, erfreute allgemein mit dem lockeren und leichten Stil, ohne oberflächlich zu wirken.
Und wieder Hut ab vor dem gesamten Orchester.
Die Holzbläser setzen hier die besonderen Akzente, doch auch Blechbläser und Streicher überzeugen auf ganzer Linie.
Nach der Pause kam dann die Sensation des Abends, nämlich der 1. Akt der Oper „Die Walküre von Richard Wagner. Leider vom Publikum eher schwach besucht – Grund dafür dürfte gewesen sein, dass in der Staatsoper parallel ein Ringzyklus aufgeführt wurde.
Die drei großartigen Sänger waren jeder für sich Weltklasse; sie machten das Podium geradezu zu einer Bühne.
Klaus Florian Vogt war der strahlende Held als Siegmund. Vogts Stimme klingt ein wenig kopfstimmenlastig, nach einiger Zeit der Gewöhnung klingt die Stimme wunderschön. Seine Diktion und Wortdeutlichkeit ist beispielgebend.
Seine Sieglinde war die deutsche Sopranistin Sarah Wegener, die erst vor ein paar Wochen in Mahlers 8. unter Andris Nelsons brillierte. Ihr wunderschöner Sopran strahle und sie sang mit einer natürlichen Kraft als ob sie unerschöpfliche Energiereserven besitzt.

Detail am Rande: Bei dem Schwertmotiv im Duett mit Siegmund machte Frau Wegener tatsächlich den berühmt berüchtigten „Rysanek-Schrei“. (Anm. die weltberühmte Sängerin Leonie Rysanek platzierte immer an der gleichen Stelle dieser Partitur diesen gänsehautverschaffenden Schrei).
Eine wahrhafte Freude ist der ukrainische Bassist Vitalij Kowaljow. Mit einer extrem sonoren Stimme und einer wahrhaften Flexibilität brillierte er hier als Hunding in „Die Walküre“. Er ist eine der seltenen Erscheinungen, denen man sofort die schwierigsten Partien bei Wagner-Opern anvertrauen kann und nicht nur dort.
Dieses Konzert gelang als eine Sternstunde hauptsächlich durch Andris Nelsons und seinen Leipzigern. Es war ein hochvirtuoses Klangtheater, von Anfang an bis zum Schluss ein richtiges Spektakel. Als Beispiel sei erwähnt das unendlich spannende Streichertremolo bei Siegmunds „Wälsungen“ Rufe.
Ein glanzvoller Abend, der unterstreicht, dass Nelsons auf die ganz großen Bühnen wie die der Wiener Staatsoper gehört – ob es ihn allerdings dorthin zieht, bleibt sein Geheimnis.
Herbert Hiess, 21. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Mahler 8 Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 11. Mai 2026
Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Mahler Symphonie Nr. 8 Wiener Konzerthaus, 9. Mai 2026
Gustav Mahler, Symphonie Nr. 3 d-Moll, Andris Nelsons, Dirigent Musikverein Wien, 2. Mai 2026
Felix Mendelssohn, Oratorios & Symphonies, Andris Nelsons klassik-begeistert.de, 23. April 2026