WPHIL Nelsons Mahler 8 © Antonia Wechner
Vier Wochenenden, drei Mahler-Sinfonien, dreimal Weltspitzenklasse: Sowas gibt es auch nur bei den Wiener Philharmonikern! Zum krönenden Abschluss dieses Mahlerfests stand die monumentale Achte Symphonie unter Andris Nelsons auf dem Programm. Ein Gast fand die beiden Konzerte am Wochenende so großartig, dass er sich dieses Werk auch am dritten Tag in Folge nochmal anhörte. Nach dieser Mahler-Sternstunde kann ich nur sagen: Das hätte ich Hals über Kopf sofort auch getan!
Mahler Symphonie Nr. 8 Es-Dur
Wiener Philharmoniker
Andris Nelsons, musikalische Leitung
Wiener Singverein, Wiener Singakademie & Wiener Sängerknaben
Jacquelyn Wagner, Sarah Wegener & Ying Fang, Sopran
Beth Taylor & Tamara Mumford, Alt
Benjamin Bruns, Tenor
Michael Nagy, Bariton
Tareq Nazmi, Bass
Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 11. Mai 2026
von Johannes Karl Fischer
In den letzten Jahren gab es gewiss keinen Mangel an guten Aufführungen dieser nahezu alle Orchesterkräfte sprengenden Sinfonie, mit der die Berliner Philharmoniker zuletzt in Salzburg stehende Ovationen geerntet hatten. Völlig vom Hocker hauten einen dieses Mal aber die drei Chöre.
Schon mit den ersten Tönen des Veni Creatur Spiritus schallten die über 200 Sängerinnen und Sänger ihre Partien kraftvoll in den Saal und ließen einen überwältigenden Mahler-Chorklang im Konzerthaus resonieren. Man fühlte sich wie inmitten eines prächtigen Kirchenschiffs in den Orgelakkorden schwimmend. Fast wollte man sich dieser riesigen Singgemeinschaft selbst anschließen und seine Leidenschaft für diese Musik in die Höhen dieses Klanguniversums aufsteigen lassen.
Das Wiener Mahlerfest wird zum Chorfest
Eine weitere Sternstunde war der Schlusschor, in dem die zuvor zu Klangmassen fähigen Riesenchöre ins kaum hörbare Pianissimo abtauchten und die magische Kraft der Musik langsam in den Saal aufstiegen ließen. Auch die Wiener Sängerknaben waren wieder fleißig am Werk und erledigten ihre Partie mit viel Brillanz. Insgesamt gingen die Chöre klar als musikalische Sieger von der Bühne.

Nagy und Bruns singen in eigener Liga
Michael Nagy als Pater Ecstaticus war ein weiterer Showstopper. Sein Bariton brillierte mit glühender Leidenschaft durch seine Monologe, kunstvoll formte er die Melodien und stürzte sich mit emotionalem Vibrato in die Noten. Tareq Nazmi sang den Pater Profundus insgesamt solide, war allerdings an der einen oder anderen Stelle nicht ganz textverständlich.

Der Tenor Benjamin Bruns lieferte bereits zum dritten Mal innerhalb eines Jahres eine Spitzenleistung als Doctor Marianus. Völlig unermüdbar sang er sich in die strahlenden Höhen seiner Melodien, seine sauberen, kraftvoll geformten Töne waren wie eine erstklassige Gesangslehrstunde. Zwischen den Chören hervortretend brillierte seine Stimme mühelos und musikalisch ausgewogen, als würde er auf einer sonnigen Alpen Aue zur freien, majestätischen Aussicht spazieren.
Beth Taylors Mezzo verzaubert im Konzerthaus
Ein weiteres Highlight des Abends war Beth Taylors Auftritt als Mulier Samaritana. Ihr blühender, leidenschaftlicher Mezzo berührte die Herzen des Publikums und ließ Mahlers Klagemonologe mit viel stimmlichen Volumen im Saal emporsteigen.
Ganz wie in Salzburg fiel die Sopranistin Jacquelyn Wagner (Magna Peccatrix) durch ein recht intensives Vibrato auf, doch strahlte auch ihre Stimme mit viel Leuchtkraft wunderbar in die Ohren des Publikums. Auch Sarah Wegener (Una Poenitentium) knüpfte nahtlos an ihren Salzburg-Erfolg an, während Tamara Mumford mit leidenschaftlichem Mezzo als Maria Aegyptiaca brillierte und Ying Fang die wenigen Worte der Mater Gloriosa zauberhaft in einem großen musikalischen Bogen in den Saal segeln ließ.

Nelsons lässt das Mahler-Universum aufleuchten
Die Wiener Philharmoniker schmückten diesen glorreichen Gesangstriumphzug mit ihrem edlen, satten Mahler-Klang.
Dirigent Andris Nelsons lenkte die Musiker in großen Dirigatszügen durch die monumentale Partitur und ließ insbesondere das Veni Creater Spiritus wuchtig, fast schon stürmisch, durch den Saal fegen. Beinahe wäre man zu stehenden Ovationen schon nach diesem Satz geneigt … Das Wiener Publikum kennt seinen ehemaligen Hofoperndirektor scheinbar sehr gut und verzichtete auf den in manchen Häusern mittlerweile üblichen zwischensätzlichen Applaus.
Zu einer der sensationellen Sternstunden der jüngeren Wiener Konzertszene wurde der zweite Satz, welcher mit einem differenzierten, ausdrucksvollen Klang den Saal in die Sphären dieser höchsten musikalischen Liebe erhob. Jede Note schwebte mühelos an ihren Platz und ließ dieses Wunderwerk wie eine Sinfoniesonne am Mahler-Himmel leuchten. Wie in einem langen, durchdachten musikalischen Bogen schwebte die Musik durch ihre verzaubernden Melodien und schickte das Publikum am Ende völlig verwandelt in den kühlen Wiener Frühlingsabend.
Stehende Ovationen gab es diesmal für alle Beteiligten.
Das Mahler-Universum wollte es so!
Johannes Karl Fischer, 12. Mai 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons, Mahler Symphonie Nr. 8 Wiener Konzerthaus, 9. Mai 2026
Gustav Mahler, Symphonie Nr. 8 in Es-Dur Wiener Konzerthaus, 7. November 2024