Dieser von Dirigent und Orchester so wunderbar gespielter Schluss erinnert wieder einmal daran, warum man sich dieses 14-stündige, größenwahnsinnige Opernprojekt antut – und es bei jeder Aufführung mehr verehrt.
Deutsche Oper Berlin, 25. Mai 2026
Fotos: Copyright: Bernd Uhlig
Mit einer wirkungsvoll düster aufgeladenen „Götterdämmerung“ endet der „Ring des Nibelungen“ an der Deutschen Oper Berlin. Während Stefan Herheims Inszenierung erneut zwischen starken Bildern und rätselhaften Ideen schwankt, tragen Sänger und Orchester den Abend zu einem überwältigenden musikalischen Finale.
Richard Wagner, Götterdämmerung (1876)
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Deutsche Oper Berlin
Inszenierung: Stefan Herheim
von Arthur Bertelsmann
Mit gemischten Gefühlen geht man zum großen Ring-Finale Richtung Deutsche Oper: Beseelt aufgrund der Weltklasse-Sänger und des experimentierfreudigen Dirigats, genervt wegen der miserablen Organisation – und angesichts der Tatsache, einen der ersten wunderschönen Sommertage überwiegend im dunklen Opernsaal zu verbringen.
Eine Tatsache, die Regisseur Stefan Herheim dem Zuschauer gleich zu Beginn nochmal überdeutlich macht, denn die Inszenierung verräumt die unseligen Kofferberge nun endlich in den Hintergrund. Gibichungenhalle ist stattdessen das nachgebaute Foyer der Deutschen Oper. Das ergibt zwar in Bezug auf das mystische Feuerwerk der vorigen Opern gar keinen Sinn; es macht jedoch deutlich, wie fremd und provinziell der mit blonder Heldenmiene ausgestattete Siegfried den als Operngäste gekleideten Gibichungen sind. Richtig sehenswert wird es, wenn beim Auftritt Waltrautes die allwissende Walküre plötzlich aus der ersten Reihe aufsteht und mit dem grimmigen Hagen den Platz tauscht, der selbstsicher lümmelnd den Rest des Aufzugs beobachtet.

Ein netter Einfall, ist der Nibelungensohn schließlich der Architekt der große Tragödie. Wie fast jedes Mal, vergeigt die Inszenierung auch diesmal nach kürzester Zeit die gute Idee. Hagen und Siegfried ringen ständig mit einem unspektakulären weißen Stofftuch, dessen Bedeutung wohl irgendwo zwischen Rhein und einem unklaren Objekt der Begierde liegen soll. Erneut ein sinnloses Rätselraten, dass erneut von den genialen Sängern ausgebügelt werden muss. Hinreißend selbstbesoffen von den Erfolgen aus dem vorigen Abend singt Clay Hilley von den Heldentaten Siegfrieds, aus Gier widersteht er den oberflächlichen Reizen der Rheintöchter (Nina Solodovnikova, Karis Tucker, Stephanie Wake-Edwards) und wandelt sich in seinem herzzereißenden Abschied zum bedingungslos liebenden Ehegatten.
Bei der Interpretation Catherine Fosters ist das schon schwer zu glauben. Denn im Gegensatz zum komplex angelegten Siegfried ist Fosters Brünnhilde ein Adern gefrierender Eisschrank. Außer sich vor Wut walzt sie über die leider etwas blasse Gutrune (Felicia Moore) und den jammervollen Gunther (Thomas Lehman) hinweg, mühelos füllen ihre hasserfüllten Verzweiflungsschreie den großen Opernsaal. Bei der ehrfurchtserbietenden Ausdauer und Brillanz bleibt allerdings die charakterliche Ambivalenz dieser Frauenfigur auf der Strecke. Ja, das ist Jammern auf hohem Niveau, andererseits wird die fehlende Differenzierung durch die von Annika Schlicht verkörperte Waltraute wirklich deutlich. In ihrem großen Monolog zeigt Schlicht alle Schattierungen der Rolle, sie fleht, brüllt die Schwester an, schleimt sich ein und resigniert angesichts der von Rache getriebenen Dickköpfigkeits Brünnhildes.

Es ist an diesem Abend eine besonders dunkle Tragödie, nicht nur wegen Fosters außerordentlich hasserfüllter Interpretation, sondern auch und vor allem wegen Albert Pessendorfer. Der glatzköpfige Hüne ist kein kluger Stratege, kein geschickter Manipulator, sondern schlicht und ergreifend ein Mörder. Die kleinste Provokation lässt ihn brüllend den Speer erheben. Sein größter Trumpf ist nicht Intelligenz, sondern völlige Moralfreiheit gepaart mit einer ordentlichen Menge Wahnsinn.
Donald Runnicles und sein Orchester helfen bei der düsteren Atmosphäre eifrig mit, mitfühlend finster und hart quillt es da aus dem Graben, allerdings leidet die bisher so hervorragende Dynamik des routinierten Wagner-Dirigenten an einigen Stellen. Der Hier-sitz’-ich-zur-Wacht-Monolog Hagens wird langsamer und kommt zum Schluss fast zum Stillstand, während über den ohnehin schon überforderten, weil asynchronen Chor in der großen Gibichungenszene geräubert wird. Im finalen Aufzug gelingt Runnicles dann plötzlich ein sensationeller Wagnerklang. Plastisch und transparent erzählt das Orchester die Taten Siegfrieds nach, lässt es im Trauermarsch markerschütternd krachen und dekonstruiert die unendlich vielen Leitmotive im großen Finale.
Eben dieser von Dirigent und Orchester so wunderbar gespielter Schluss erinnert wieder einmal daran, warum man sich dieses 15-stündige, größenwahnsinnige Opernprojekt antut – und es bei jeder Aufführung mehr verehrt.
Arthur Bertelsmann, 26. Mai 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Siegfried Clay Hilley
Gunther Thomas Lehman
Alberich Michael Sumuel
Hagen Albert Pesendorfer
Brünnhilde Catherine Foster
Gutrune, Dritte Norn Felicia Moore
Waltraute Annika Schlicht
Erste Norn Lauren Decker
Zweite Norn, Wellgunde Karis Tucker
Woglinde Nina Solodovnikova
Floßhilde Stephanie Wake-Edwards