Volksbühne goes West: Frank Castorf fremdelt mit Verdis "Forza del Destino"an der Deutschen Oper Berlin

Foto: © Thomas Aurin
Frank Castorf inszeniert an der Deutschen Oper Giuseppe Verdis „Die Macht des Schicksals“. Er verlegt die Handlung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Es ist ein kein Ende nehmen wollender, zäher und freudloser Abend!

Deutsche Oper Berlin, 8. September 2019
Giuseppe VerdiForza del Destino

von Peter Sommeregger

Schon der Beginn des Abends verheißt nichts Gutes: das wild bewegte Vorspiel zur Oper wird ziemlich trocken und undifferenziert dargeboten, die Bühne ist vollgestellt mit Gerümpel, an ihrem oberen Rand wird eine Video-Leinwand entrollt, auf der die Bühnenaktion verdoppelt gezeigt wird. Das kann nur eines bedeuten: Frank Castorf ist am Werk!

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich dieser Miterfinder der neuen, destruktiven Theaterästhetik treu geblieben ist: man meint, sich auf einer Zeitreise in die Berliner Volksbühne der 1990er-Jahre zu befinden. Da werden stückfremde Texte optisch eingeblendet oder gesprochen, die gezeigten Videos lassen keinerlei Bezug zu der Handlung erkennen, eine markante Personenregie ist nicht erkennbar, die Sänger, solcherart allein gelassen, flüchten sich ins Rampensingen. „Giuseppe Verdi, Forza del Destino,
Deutsche Oper Berlin, 8. September 2019“
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Anna N. in Berlin: ein grandioses Opernfinale, wie man es sich glanzvoller nicht wünschen kann

Foto: Anna Netrebko. Foto: Instagram

„Adriana Lecouvreur“ mit Anna Netrebko an der Deutschen Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin, 4. September 2019
Francesco Cilea: Adriana Lecouvreur

von Peter Sommeregger

Die 1902 uraufgeführte Oper „Adriana Lecouvreur“ des Komponisten Francisco Cilea entstand zwar in der Blütezeit des Verismo, orientiert sich stilistisch aber eher an älteren Vorbildern wie Massenet. Sie ist das einzige Werk Cileas, das sich dauerhaft auf den Opernbühnen halten konnte.

Die Titelrolle ist höchst dankbar, sie galt einst als Paraderolle Renata Tebaldis, später der Caballe und Angela Georghius. Aktuell tourt Anna Netrebko damit durch Europa und hat auch die Deutsche Oper Berlin erreicht. „Francesco Cilea: Adriana Lecouvreur,
Deutsche Oper Berlin, 4. September 2019“
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Sehr viele freie Plätze bei der Premiere: Zwiespältiger "Hamlet" an der Deutschen Oper Berlin

Foto: Diana Damrau, © Jiyang Chen
Deutsche Oper Berlin
, 24. Juni 2019
Ambroise Thomas,  Hamlet, konzertante Premiere

von Peter Sommeregger

Ambroise Thomas‘ große Shakespeare-Oper „Hamlet“ konnte auf deutschen Bühnen nie so recht heimisch werden, was erstaunt, ist es doch ein ausgesprochen wirkungsvolles Werk, das außerdem noch über dankbare Aufgaben für Sänger verfügt.

Es ist ein Verdienst der Deutschen Oper Berlin, wenn schon keine szenische Realisierung, so doch wenigstens drei konzertante Aufführungen anzubieten. Enttäuschend, dass schon am Premierenabend viele, sehr viele Plätze frei blieben. Dabei hatte man an der Bismarckstraße doch eine sehr respektable Sängerbesetzung aufgeboten. Allen voran den Bassbariton Florian Sempey, der mit seinem schönen, runden Bassbariton aus dem Vollen schöpfen kann. Schade nur, dass er mehr das Raubein in der Person Hamlets hervorkehrt – die grüblerische, gebrochene Natur des unglücklichen Dänenprinzen bleibt er uns weitgehend schuldig. Ein wenig mehr geschmeidige Eleganz hätte dieser Interpretation gut getan. „Ambroise Thomas,  Hamlet, konzertante Premiere,
Deutsche Oper Berlin, 24. Juni 2019“
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"Don Quichotte" vergaloppiert sich an der Deutschen Oper Berlin

Foto: © Deutsche Oper Berlin/ Thomas Aurin
Deutsche Oper Berlin
, Premiere am 30. Mai 2019
Jules Massenet, Don Quichotte

Emmanuel Villaume, Musikalische Leitung
Jakop Ahlbom, Inszenierung
Alex Esposito, Don Quichotte
Seth Carico, Sancho Pansa
Clementine Margaine, Dulcinee

von Peter Sommeregger

Der musikalisch schmissig beginnende Abend offenbart sein größtes Manko schon in den ersten fünf Minuten: die spanische Fiesta im Hause Dulcinees findet hier in einer Autobahn-Raststätte statt – in der Dulcinee Kellnerin ist. Damit könnte man diese Kritik eigentlich schon beschließen, denn besser wird eine Sache nicht, die schon mit dem falschen Ansatz begonnen hat.

Massenet hat dieses Spätwerk für das kleine und intime Opernhaus von Monte Carlo und dem weltberühmten Bass Schaljapin in die Kehle geschrieben. Die Voraussetzungen für die aktuelle Aufführung sind völlig andere: hier spielt man in Berlins größtem Opernhaus und besetzte den Titelhelden mit dem eher kleinen und schmalen Alex Esposito. Eines der vielen Missverständnisse des Abends. „Jules Massenet, Don Quichotte, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 30. Mai 2019“ weiterlesen

Tolle Stimmen fragwürdig besetzt: „Turandot“ an der Deutschen Oper Berlin

Foto: © Leo Seidel

Giacomo Puccini, Turandot
Deutsche Oper Berlin, 23. Mai 2019

Musikalische Leitung: John Fiore
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Bühne: Paul Zoller
Kostüme: Katharina Gault
Chöre: Jeremy Bines
Kinderchor: Christian Lindhorst

Turandot: Anna Smirnova
Altoum: Clemens Bieber
Calaf: Stefano La Colla
Liù: Meechot Marrero
Timur: Andrew Harris
Ping: Samuel Dale Johnson
Pang: Gideon Poppe
Pong: Michael Kim
Ein Mandarin: Byung Gil Kim
Erste Damenstimme: Cornelia Kim
Zweite Damenstimme: Amber Fasquelle

Chor der Deutschen Oper Berlin
Kinderchor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

von Gabriel Pech

Giacomo Puccinis letztes Werk kam erst nach seinem Tod zur Aufführung und vereint alles, wofür der Maestro steht: komplexe Frauenrollen, Musik, die sofort unter die Haut geht, und schließlich alles, was sich Puccini musikalisch und thematisch unter dem Orient vorstellte. Vieles davon gibt es auch in der Deutschen Oper Berlin zu sehen und zu hören, ein paar Dinge dieser Liste fehlen aber. „Giacomo Puccini, Turandot,
Deutsche Oper Berlin, 23. Mai 2019“
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Die Perfektion gibt es nicht nach Hause geliefert

Foto: LOHENGRIN von Richard Wagner, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 15. April 2012, copyright: Marcus Lieberenz

Richard Wagner, Lohengrin
Deutsche Oper Berlin, 12. Mai 2019

Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Kasper Holten
Bühne, Kostüme: Steffen Aarfing
Licht: Jesper Kongshaug
Chöre: Jeremy Bines

Heinrich der Vogler: Andreas Bauer Kanabas
Lohengrin: Daniel Johansson
Elsa von Brabant: Camilla Nylund
Friedrich von Telramund: John Lundgren
Ortrud: Anna Smirnova
Der Heerrufer des Königs: Derek Welton
1. Brabantischer Edler: Ya-Chung Huang
2. Brabantischer Edler: James Kryshak
3. Brabantischer Edler: Paull-Anthony Keightley
4. Brabantischer Edler: Bryan Murray
1. Edelknabe: Rosemarie Arzt
2. Edelknabe: Angelika Nolte
3. Edelknabe: Kristina Häger
4. Edelknabe: Saskia Klumpp

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

von Gabriel Pech

Vier frühe Wagneropern aus dem Repertoire zusammenstellen und schon hat man eine „Wagner-Woche“. Schön und gut: ein bisschen Bayreuth in Berlin, ein bisschen Festival, ein bisschen Touri-Attraktion. Auch schön und auch gut: top Solisten, teils die ganz großen Wagnerstimmen aus aller Welt, teils die hauseigenen Starbesetzungen. Weniger schön und weniger gut: die anscheinend mangelnde Probenzeit. Und leider hört man das.

„Richard Wagner, Lohengrin,
Deutsche Oper Berlin, 12. Mai 2019“
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„Tannhäuser“ in Berlin: Ein wahres Sängerfest auf der Wartburg

Foto: Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel
Deutsche Oper Berlin, 11. Mai 2019
Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, Richard Wagner

von Gabriel Pech

Die „Wagner-Woche“ an der Deutschen Oper Berlin geht weiter – und mit dieser Aufführung hat sie sich ihren Namen wirklich verdient. Es ist ein Ohrenschmaus der Extraklasse, diesem fantastischem Fest an schönem Gesang beizuwohnen.

Peter Seiffert singt auf Weltklasse-Niveau. Er ist kompromisslos textverständlich und emotional authentisch. Sein Heldentenor glänzt ohne Brüche durch alle Register. Ein besonderer Moment ist seine Schilderung der Pilgerfahrt im letzten Akt. Innerhalb einer Arie durchlebt Tannhäuser eine komplexe Gefühlswelt, die bei seiner Reumütigkeit zum Beginn der Reise anfängt und mit seiner ungebändigten Leidenschaft endet. Vor allem dieser Bruch überrascht, weil Seiffert hier alle guten Belcanto-Traditionen über Bord wirft und mit einer rohen, inbrünstigen Energie singt. „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, Richard Wagner,
Deutsche Oper Berlin, 11. Mai 2019“
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"Der fliegende Holländer" in Berlin: Thomas Blondelle glänzt in einer Nebenrolle

Foto: Der fliegende Holländer, Premiere am 7. Mai 2017 in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Thomas Jauk

Richard Wagner, Der fliegende Holländer 
Deutsche Oper Berlin,
09. Mai 2019

Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Christian Spuck
Bühne: Rufus Didwiszus
Kostüme: Emma Ryott
Licht: Ulrich Niepel
Chöre: Jeremy Bines

Daland: Falk Struckmann
Senta: Catherine Foster
Erik: Thomas Blondelle
Mary: Maiju Vaahtoluoto
Steuermann: Gideon Poppe
Holländer: Iain Paterson

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

von Gabriel Pech

Die »Wagner-Woche« an der Deutschen Oper Berlin wartet mit einem hohen sängerischen Potential auf. Der fliegende Holländer soll mit einer »Spitzenbesetzung« zu hören sein – die Erwartungen sind dementsprechend hoch. Wer aber hoch hinauf fliegt, kann umso tiefer fallen. Leider fliegt auch dieser Holländer nicht ganz so hoch, wie man sich das gewünscht hätte. Am Ende des Tages ist es eine sonst eher wenig beachtete Rolle, die diese Aufführung vor dem Sturz bewahrt. „Richard Wagner, Der fliegende Holländer,
Deutsche Oper Berlin, 09. Mai 2019“
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Warum?

Foto 2014 © Bettina Stöß
Richard Wagner, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg, Deutsche Oper Berlin, 5. Mai 2019

Ulrich Poser berichtet aus der Deutschen Oper Berlin

Die Vorstellung fing vielversprechend an: Der amerikanische Tenor Stephen Gould startete fulminant mit einem grandiosen „Dir töne Lob!“. Auch den Rest der Partie meisterte der „Bär aus Virginia“ mühelos. An manchen Stellen hätte man sich gewünscht, dass er sich etwas zurücknimmt; weniger wäre hier mehr gewesen. So hatte man doch zu oft den Eindruck, als hätte sich der fiebernde Tristan in die Wartburg verirrt. Eines ist aber sicher:
Es macht Freude, diesem Weltklassesänger mit Bayreuth-Festanstellung zuzuhören; er verfügt derzeit einfach über eine der stärksten und sichersten Wagnerstimmen.   „Richard Wagner, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg, Deutsche Oper Berlin, 5. Mai 2019“ weiterlesen

Lebt Birgit Nilsson? Johohohe!

Foto: Premiere 2017 ©  Thomas Jauk
Richard Wagner, Der fliegende Holländer
Deutsche Oper Berlin, 4. Mai 2019

Ulrich Poser aus der Deutschen Oper Berlin  

Der Star des Abends war Catherine Foster als Senta. Bereits mit ihrem ersten Johohohe! bewies die britische Paradebrünnhilde eindrucksvoll, wer die Chefin im Ring war.

Wikipedimedia Commons © Catherine Foster

Diese Stimme, diese Stimme, diese Stimme! Mit ihrer aus vergangener Zeit kommend scheinenden Stimmkraft bot sie eine durchwegs sehr präsente, aber zu keiner Zeit übersteuerte vokale Darbietung. Die Spitzentöne kamen punktgenau, aber nie schrill. Die dramatischen Passagen sang sie mit gebotener Lautstärke, wobei sie dabei allenfalls 80 % ihrer vorhandenen Stimmkraft  aktivieren musste. Dieses Kraftpaket aus Nottingham scheint über schier unendliche Kraftreserven zu verfügen. Und genau dieser Umstand ließ beim  Rezensenten irgendwann die Frage aufkommen, ob da nicht vielleicht die legendäre Birgit Nilsson auf der Bühne steht. Wenn man kurz die Augen schloss, konnte man sich gut vorstellen, dass La Nilsson in etwa so gesungen haben muss: Gewaltig, aber nie schrill, überaus präsent, weich in den lyrischen Passagen, magisch in der Phrasierung und Dynamik, wunderbar textverständlich, akzentfrei, schlicht: An jedem Abend ein Gesamtkunstwerk schaffend. Frau Foster sang mit eineinhalb Ausnahmen alle anderen Protagonisten an diesem Abend glatt an die Wand. „Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Deutsche Oper Berlin, 4. Mai 2019“ weiterlesen