Nicht einmal der Champagner hat den Abend spritziger gemacht

Camilla Nylund darf nicht nur als Ersatz für Anja Harteros gelten – sie hat jeden Ton genau so intoniert, moduliert, geatmet, wie es sein muss – bei einer unglaublichen Textverständlichkeit. Und doch: Ein bisschen so wie beim späten Karajan hätte ich mir gewünscht, es hätte etwas Gebrochenes durchgeschimmert. Es hätte etwas weniger geglänzt. Es wäre ein wenig mehr zu Herzen gegangen.

Deutsche Oper Berlin, 4. Dezember 2021

Foto: Camilla Nylund (c) Anna S. /Deutsche Oper Berlin

4. Sinfoniekonzert: Richard Wagner, Richard Strauss
Camilla Nylund

von Sandra Grohmann

„Nu is se dod“, bemerkte meine Begleitung im Stil der Ribbeck’schen Dorfjugend trocken, als die letzten Töne von Isoldes Liebestod verklungen waren. In der Tat: Nichts regte sich außer etlichen in die Stille klatschenden Händen. Dabei war alles perfekt gewesen. Camilla Nylund, die beim 4. Sinfoniekonzert der Deutschen Oper Berlin für Anja Harteros eingesprungen war und weiß Gott nicht nur als Ersatz gelten darf, hat jeden Ton genau so intoniert, moduliert, geatmet, wie es sein muss – bei einer unglaublichen Textverständlichkeit. Und doch: Ein bisschen so wie beim späten Karajan hätte ich mir gewünscht, es hätte etwas Gebrochenes durchgeschimmert. Es hätte etwas weniger geglänzt. Es wäre ein wenig mehr zu Herzen gegangen. Mit dieser leicht erdigen, warmen Stimme muss das doch drin sein! War es heute nicht. Nicht einmal das Glas Champagner vor der Aufführung hat die Sache spritziger gemacht. „4. Sinfoniekonzert: Richard Wagner, Richard Strauss, Camilla Nylund,
Deutsche Oper Berlin, 4. Dezember 2021“
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27. Galakonzert für die Deutsche Aids-Stiftung: große Oper für eine gute Sache

Fotos: Galakonzert für die Deutsche AIDS Stiftung © Marcus Lieberenz  

Nachdem im vergangenen Jahr die Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin pandemiebedingt nicht stattfinden konnte, war es eine große Freude nun wieder an diese Tradition anknüpfen zu können. Die zahlreichen renommierten Sängerinnen und Sänger bereiteten mit kurzen Arien und Ensembles einen wirklich großen und festlichen Opernabend!

Max Raabe (Moderation)

Keri-Lynn Wilson (Dirigentin)
Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin, 27. November 2021

von Tony Kliche

In seiner Begrüßungsrede vor Beginn des Konzerts beteuerte Intendant Dietmar Schwarz, wie wichtig der Schutz und der Umgang mit Infektionskrankheiten hinsichtlich der aktuellen Lage für unsere Gesellschaft sind. Privates Engagement sei dabei ebenso unerlässlich wie Verordnungen seitens der Regierung. Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, untermauerte, wie sehr die Coronapandemie den Kampf gegen HIV und Aids weltweit erschwert. Müller betonte aber auch das große Engagement der Stiftung hinsichtlich Prävention und Antidiskriminierung in Afrika. Kristel Degener, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung, vergegenwärtigte mit Fallzahlen, wie sehr HIV und Aids unserer heutigen Gesellschaft immer noch vertreten sind und bedankte sich bei allen Mitwirkenden des Konzerts  die an diesem Abend zugunsten der Deutschen Aids-Stiftung auftraten. „27. Galakonzert für die Deutsche Aids-Stiftung,
Deutsche Oper Berlin, 27. November 2021“
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Weißt Du, wie das ward? Symposium 70 Jahre Neu-Bayreuth in Berlin

 Foto: Bayreuther Festspiele 

Symposium in der Deutschen Oper Berlin, 16. bis 21. November 2021

von Peter Sommeregger

Der Richard-Wagner-Verband Berlin-Brandenburg und sein rühriger Vorsitzender Rainer Fineske luden zu diesem Symposium ein, das in den Foyers und unter Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper Berlin und dessen Förderkreis stattfand.

Die Referate wurden terminlich um den Besuch der Neuinszenierung des Nibelungen-Ringes durch Stefan Herheim an diesem Haus gruppiert, die just zum 70. Jahrestag der Neugründung der Bayreuther Festspiele stattfand. Es gelang den Veranstaltern, einen illustren Kreis von Zeitzeugen der Ära Wieland Wagners für die Teilnahme zu gewinnen, die das Publikum auf diese Zeitreise der speziellen Art mitnahmen. „Symposium 70 Jahre Neu-Bayreuth in Berlin,
Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper Berlin, 21. November 2021“
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„Siegfried“ an der Deutschen Oper Berlin: Herheims Gespür für Feinripp

Mit einigem Grausen von solcherart Nabelschau verlässt man nach insgesamt sechs Stunden das Haus an der Bismarckstraße erschöpft, ohne sein Missfallen Herheim ausdrücken zu können, der sich beim Schlussapplaus nicht zeigt. Man sollte an der Deutschen Oper Götz Friedrichs „Ring­“ exhumieren!

Deutsche Oper Berlin, Premiere am 12. November 2021
Foto: Deutsche Oper Berlin/Bernd Uhlig

Richard Wagner, Siegfried

Siegfried  Clay Hilley
Brünnhilde  Nina Stemme
Der Wanderer  Iain Paterson
Mime  Ya-Chung Huang
Fafner  Tobias Kehrer
Alberich  Jordan Shanahan
Erda  Judit Kutasi
Ein Waldvogel  Sebastian Scherer
Inszenierung  Stefan Herheim
Dirigent  Sir Donald Runnicles

von Peter Sommeregger

Wenn man bereits die ersten drei Opern dieser „Ring“-Neuinszenierung gesehen hat, so hofft man, der „Siegfried“ könnte so schlimm nicht mehr werden. Aber Stefan Herheim, dem offenbar auch die Reste seines ursprünglichen Regie-Talents abhanden gekommen sind, toppt noch einmal alle Schwächen und Absurditäten der bisherigen „Ring­“-Teile.

Nachdem  immer noch die Musik das Wichtigste an einer Opernaufführung ist, lieber darüber zuerst. Der „Siegfried“ stellt im „Ring“ so etwas wie das Scherzo dar, wenige handelnde Personen, eine übersichtliche Handlung. Mit Iain Paterson als Wanderer erlebt man bereits den dritten Wotan dieses Ringes, und er hinterlässt einen überzeugenden Eindruck. Textdeutlich und souverän porträtiert er den resignierenden Göttervater, seinem Bass stehen durchaus weiche, warme Töne zur Verfügung, ohne dass er im Forte Abstriche machen müsste. Er bietet die vielleicht ausgewogenste Leistung des Abends. Sein Gegenspieler Alberich wird von  Jordan Shanahan mit der verlangten Bitter- und Bösartigkeit ausgestattet. Als dritter Bass gibt Tobias Kehrer dem Wurm Fafner das notwendige Format und Volumen. „Richard Wagner, Siegfried
Deutsche Oper Berlin, Premiere am 12. November 2021“
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"Götterdämmerung" in Berlin: Einige Stimmen strahlen, Herheims Inszenierung ist indiskutabel

„Götterdämmerung“ an der Deutschen Oper Berlin: Stefan Herheim verzwergt Wagner

Deutsche Oper Berlin, Premiere am 17. Oktober 2021
Richard Wagner, Götterdämmerung

Siegfried  Clay Hilley
Gunther  Thomas Lehman
Hagen  Gidon Saks
Brünnhilde  Nina Stemme
Gutrune  Aile Asszonyi
Waltraute  Okka von der Damerau
Inszenierung  Stefan Herheim
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Dirigent  Sir Donald Runnicles

von Peter Sommeregger

Die Covid 19- Pandemie hat auch das timing für die Ring-Neuinszenierung an der Deutschen Oper völlig durcheinander gebracht. So hatte am Sonntag noch vor dem „Siegfried“ die abschließende „Götterdämmerung“ Premiere. Man darf aber bereits vor der letzten Premiere feststellen, dass Stefan Herheim mit seinem Ring krachend gescheitert ist. In Ermangelung eines tragfähigen Konzeptes verliert sich der Regisseur in immer abstruseren Mätzchen und Geschmacklosigkeiten.

Aber den höheren Stellenwert sollte man nach wie vor der Musik in der Oper einräumen, die Dominanz der Regie ist die chronische Krankheit des aktuellen Opernbetriebes. Leider fehlte an diesem Abend aber Einiges zum ungetrübten Wagner-Glück. Dass GMD Donald Runnicles bei Wagner gerne schleppt, ist bekannt und wäre zu verkraften, schwerer verzeiht man schon die Kickser und Unsicherheiten bei den Blechbläsern. Das Orchester der Deutschen Oper präsentierte sich nicht gerade in Bestform. Souverän dagegen der Chor, der in Mannschaftsstärke den einzigen Chorszenen des gesamten „Ringes des Nibelungen“ Wucht und Präzision verlieh. „Richard Wagner, Götterdämmerung
Deutsche Oper Berlin, Premiere am 17. Oktober 2021“
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Die Deutsche Oper Berlin stellt Rumpf-Spielplan vor

Jahres-Pressekonferenz am 23. Juni 2021

Deutsche Oper Berlin © Foto: Leo Seidel

von Peter Sommeregger

Im März 2020, bei der letzten Pressekonferenz dieser Art, überwog noch die Hoffnung, den geplanten Spielplan trotz der Corona-Pandemie realisieren zu können. Nur Tage später kam das Aus für alle schönen Pläne.

Um eine solche Situation nicht noch einmal heraufzubeschwören, setzte das Leitungsteam der Deutschen Oper Berlin diesmal auf vorsichtigen Optimismus, eine detaillierte  Programmvorschau reicht vorerst nur bis Oktober 2021. Lediglich die geplanten Premieren werden bereits für die gesamte Spielzeit angekündigt

Im Vordergrund steht erwartungsgemäß die Vollendung des neuen „Ring des Nibelungen“, dessen Timing besonders hart von der Pandemie betroffen war. Statt die vier Opern in der richtigen Reihenfolge herauszubringen, ist die Chronologie nun völlig auf den Kopf gestellt. Die „Götterdämmerung“ soll nun am 17. Oktober ihre Premiere erleben, der „Siegfried“ erst im Rahmen eines kompletten Ring-Zyklus am 12. November. Dies wird die Sinnhaftigkeit der ohnehin problematischen Deutung durch Stefan Herheim noch erschweren. „Die Deutsche Oper Berlin stellt Rumpf-Spielplan vor
klassik-begeistert.de“
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„Rheingold“ an der Deutschen Oper Berlin – 1:0 für die Musik

DAS RHEINGOLD, Regie: Stefan Herheim, Premiere: 12.6.2021, Foto: © Bernd Uhlig

„Zur Halbzeit dieses neuen „Ringes“ ist noch nicht klar, ob es Herheim gelingen wird, zu einer überzeugenden Linie zu finden. Verdienter Jubel für die Sänger, neben Applaus auch Buhrufe für das Leitungsteam.“

Richard Wagner, „Das Rheingold“
Deutsche Oper Berlin, Premiere am 12. Juni 2021

von  Peter Sommeregger

Vor exakt einem Jahr hätte diese Premiere an der Bismarckstraße stattfinden sollen, aber dann kam die Pandemie. Im September öffnete sich ein Zeitfenster, in dem die Produktion der „Walküre“ gezeigt werden konnte. So ist die Chronologie des neuen „Ring des Nibelungen“ etwas durcheinander geraten. Durcheinander ist auch das passende Wort für die Inszenierung Stefan Herheims. Aber davon später, es ist höchste Zeit, der Musik und dem Gesang in der Oper die gebührende erste Position auch in der Kritik wieder einzuräumen. „Richard Wagner, „Das Rheingold“,
Deutsche Oper Berlin, Premiere am 12. Juni 2021“
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Zandonais „Francesca da Rimini“: Saftiger Verismo an der Deutschen Oper Berlin

Riccardo Zandonai, Francesca da Rimini
Livestream aus der Deutschen Oper Berlin, 14. März 2021

Deutsche Oper Berlin © Foto: Leo Seidel

Francesca  Sara Jakubiak
Paolo  Jonathan Tetelman
Giovanni lo Sciancato, genannt Gianciotto  Ivan Inverardi
Malatestino dall’Occhio  Charles Workman
Musikalische Leitung  Carlo Rizzi

Inszenierung  Christof Loy

Bühne  Johannes Leiacker

Kostüme  Klaus Bruns

Livestream aus der Deutschen Oper Berlin, 14. März 2021

von Peter Sommeregger

 Riccardo Zandonais 1914 uraufgeführte Oper „Francesca da Rimini“ erscheint nach ursprünglicher Popularität inzwischen immer seltener auf den Spielplänen der großen Opernhäuser. Das mag zum Teil daran liegen, dass für die Titelrolle zwingend eine Sopranistin zur Verfügung stehen muss, die abgesehen von den erheblichen stimmlichen Anforderungen auch schauspielerisches Talent und Charisma mitbringen muss. „Riccardo Zandonai  Francesca da Rimini
Livestream aus der Deutschen Oper Berlin, 14. März 2021“
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Meine Lieblingsoper 54: Engelbert Humperdinck – Hänsel und Gretel: Hokus pokus Hexenschuss

Warum eigentlich Weihnachten? Gingen die Kinder nicht Erdbeeren sammeln – und zwar im Wald, nicht im Gewächshaus? Das soll Weihnachten sein? Oder gab es während des Engelballetts etwa einen Zeitsprung? Jedes Jahr nimmt mich das und noch vieles mehr wunder in dieser wundersam vielfältig lesbaren Oper.

Fotos: (c) Bettina Stöß, Deutsche Oper Berlin

von Sandra Grohmann, Berlin

Meine Lieblingsoper? Ach herrje! Wer Oper liebt, wird häufig Lieblingsopern hören – gern auch jeden Abend eine andere. Je nach Stimmung, je nach Prägung. Apropos Prägung. Mit welcher Oper haben Sie denn angefangen? Und welche Opern haben Sie für Ihre Kinder ausgewählt?

Mir war es zum Beispiel sehr wichtig, das Frauenbild meiner Kinder nicht schon früh mit dem Leiden romantischer Heroinnen zu verderben. Für derartigen Unfug ist, finde ich, später im Leben immer noch genügend Zeit, und großartige Musik gibt es auch ohne weibliche Märtyrer. Daher war für mich immer glasklar, dass meine Kinder mit der selbstbewussten Susanna aufwachsen sollten. Jetzt sagen Sie nicht: Aber die Gräfin! Denn immerhin stirbt die Gräfin bei allem Liebeskummer nicht, und wenn Violetta jemand wie Susanna gehabt hätte (statt Annina), hätte sie auf den alten Germont vielleicht anders reagiert. Augen auf bei der Wahl des Personals, kann ich da nur sagen.

Wie auch immer. Der Figaro wurde dann doch nicht die erste Oper meiner Kinder, denn – wie hätte es anders sein können – als allererste Oper gab es einen meiner all-time-favourites, ein Stück, das viele Häuser trotz seines eigentlich gar nicht kindertauglichen Inhalts ganz ausdrücklich für die Kleinen und Allerkleinsten auf die Bretter bringen: Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck mit dem zauberhaften und zugleich sehr alltagsnahen, zuweilen verschmitzt-komischen Libretto von Humperdincks Schwester Adelheid Wette. Jeden Dezember steht es als unbedingtes Muss im Kalender, die Karten werden stets zu Saisonbeginn geordert, denn jede Aufführung ist im Nu ausverkauft. „Meine Lieblingsoper 54: Engelbert Humperdinck – Hänsel und Gretel
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„Alles ist Spaß auf Erden“: Die Deutsche Oper Berlin verabschiedet sich mit "Falstaff" imposant in Coronapause

Giuseppe Verdi, Falstaff
Deutsche Oper Berlin, 31. Oktober 2020

Copyright Deutsche Oper Berlin
Annette Dasch war als intrigante Alice Ford zu sehen.

von Lukas Baake

Als sich Ensemble und Orchester schon das zweite Mal vor dem Publikum verbeugt hatten und sich bereits einige Besucher in Richtung Ausgang bewegen wollten, trat der Dirigent Ivan Repušić an den vorderen Rand der Bühne. Mit einer Lächeln auf dem Gesicht und mit erhobener Hand brachte er den mit Beifallsbekundungen erfüllten Saal zur Ruhe. Er bedankte sich für die Treue des Publikums in den für den Kulturbetrieb schwierigen Zeiten. In dem Wissen, dass das Opernhaus an der Bismarckstraße in den kommenden Wochen nicht von Musik erfüllt sein wird, kündigte er eine Zugabe an. Erneut sammelte sich das Sängerensemble auf der Bühne und intonierte die große Schlussfuge aus Verdis Alterswerk, die einige Minuten zuvor bereits erklungen war: „Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ein geborener Thor.“

Diese unerwartete Zugabe wurde zum unverhofften Höhepunkt eines mehr als gelungenen Opernabends. Physisch spürbar und akustisch wahrnehmbar wurde plötzlich die pure Freude an der Kunst. In das makellose Zusammenspiel des ganzen Ensembles mischte sich aber auch der Ausdruck von Unsicherheit und Trauer um die Ungewissheit darum, wann der Opernbetrieb wieder aufgenommen werden kann. „Giuseppe Verdi, Falstaff
Deutsche Oper Berlin, 31. Oktober 2020“
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