Foto: Ioan Holender (c) Clemens Fabry
„Jenen, die heute Opern inszenieren, fehlt jede Nähe zur und das Wissen über Musik. Mehr noch, die Arien und Liebesduette stören sie. Allein das Konzept des Regisseurs oder der Regisseurin zu verwirklichen ist wichtig. Dafür werden unverhältnismäßig lange Regieproben angesetzt, bei denen alle Sänger stets anwesend sein müssen. Noch werden komponierte Noten nicht verändert, doch die Zuseher sind verwirrt, denn sie sehen etwas anderes, als es der Text und die Musik ausdrücken. In dieser Art und Weise wird die Gattung Oper nicht überleben. Schade um das viele Steuergeld.“
Ioan Holender
Ioan Holender (*1935 in Timișoara, Rumänien) war von 1992 bis 2010 Direktor der Wiener Staatsoper.
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Kommentar von Herbert Hiess zu Ioan Holländers Frage: Opera quo vadis?
Der Gastkommentar von Ioan Holender in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ vom 10. Juni 2026 hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Einerseits beinhaltet er viele Wahrheiten, andererseits erscheint vieles eher fragwürdig; vor allem wenn man die Person des Autors betrachtet.
https://www.diepresse.com/29150487/so-wird-die-oper-nicht-ueberleben
Ioan Holender war 18 Jahre Direktor von der Wiener Staatsoper (von 1992 bis 2010); angedacht war eine Doppeldirektion mit Kammersänger Eberhard Wächter, die durch dessen vorzeitiges Ableben letztlich zu einer Alleindirektion von Holender führte.
Nun muss man Holender zu Gute halten, dass er als Sängeragent sehr wohl Stimmen und Persönlichkeiten beurteilen kann; andererseits durch die politische Rückendeckung führte das zu einer gewissen Laschheit, die sich im gesamten Repertoire bemerkbar machte.
Was ich ihm persönlich vorwerfe, dass unter ihm die Oper letztlich zu einer bis heute anhaltenden Mittelmäßigkeit ihren Betrieb aufrechterhält. Natürlich kann man da Sparsamkeit als Gegenargument ins Rennen werfen – ob das allerdings die Qualität auch aufrecht erhielt, sei dahingestellt.
Dieser Qualitätsabfall rechtfertigt auf alle Fälle das „Stagionesystem“, das Lorin Maazel installierte. Diesem gelang es in nur wenigen Saisonen seiner Tätigkeit an der Wiener Staatsoper nach vielen Jahren wieder Produktionen von Weltrang auf die Bühne zu bringen.

Lorin Maazel war vom 1. September 1982 bis zum 31. August 1984 Direktor der Wiener Staatsoper. Seine Amtszeit war jedoch von Konflikten mit der österreichischen Kulturpolitik geprägt und endete vorzeitig durch seinen Rücktritt, nachdem Pläne zur Umstrukturierung des Spielbetriebs auf Widerstand gestoßen waren.
Seine Amtszeit gilt in der Rückschau als glücklos, da sie durch schwere Differenzen zwischen Maazel und der Wiener Politik und Bürokratie belastet war.
Sein Niveau wurde in der Doppeldirektion Claus Helmut Drese / Claudio Abbado weitergeführt, um später nach und nach zur Mittelmäßigkeit abzufallen.
Konnte man in dieser Zeit noch von einer Produktion zur nächsten tatsächlich Weltstars erleben, die auf allerhöchstem Niveau musizierten, muss man heute froh sein, wenigstens halbwegs vernünftige Aufführungen zu erleben.
Und mit dem gegenwärtigen Intendanten Bogdan Roščić – er war Manager im Klassik-Bereich von diversen Platten-Labels, was den damaligen Unterrichtsminister Drozda bewog, ihn als Intendanten eines der führenden Opernhäuser der Welt einzusetzen – muss man froh sein, wenn man Mittelmäßigkeit erleben kann.

Ich habe das Gefühl, dass zur Zeit die Inszenierungen vorrangig sind und die Musik zweitrangig ist. Dann wird das eine Spielwiese für Künstleragenten, die frei Haus ihre Künstler liefern können – einer von denen wird sogar spöttisch als „Schattendirektor“ bezeichnet.
Eine Oper von Antonio Salieri heißt „Prima la musica e poi le parole“ (frei übersetzt heißt das, dass die Musik vor allen anderen Faktoren Vorrang haben sollte).
Dem ist an der Wiener Staatsoper nicht der Fall, denn es werden zunehmend Aufführungen vorgeführt, die sich öfter als „ein Schuss in den Ofen“ zeigten. Als übelstes Beispiel kann man den vieldiskutierten „Parsifal“-Abklatsch von Kirill Serebrennikov nennen. Dieses Machwerk hat mit allem zu tun, nur nicht mit der Grals-Geschichte.

Mit herausragenden Sängern und Dirigenten von Weltrang wurde diese Produktion in den Medien hochgelobt und dem Publikum eine Sensation vorgegaukelt. Dabei lässt Richard Wagner gerade bei diesem Werk recht wenig Interpretationsspielraum.
Nun genug gelästert: „Das Versäumnis vieler Intendanten besteht darin, Orchester und Dirigenten zu wenig als unverwechselbare künstlerische Marken zu etablieren.“
Es spielt keine Rolle, dass die Wiener Staatsoper mit ihrem Orchester (vulgo Wiener Philharmoniker) eines der besten Ensembles zur Verfügung hat. Auch das beste Orchester verliert sein künstlerisches Niveau, wenn es nicht genug gefördert und gefordert wird.
Bei mir persönlich entstehen dann Frustmomente und das ist einer der Gründe, warum ich mich leider zum Selbstschutz immer mehr vom Betrieb der Wiener Staatsoper distanzieren muss.
Die wenigen genialen Produktionen wie „Lohengrin“, „Arabella“ unter Christian Thielemann oder „Iolanta“ unter Tugan Sokhiev machen das Kraut auch nicht fett.
Aus diesem Grund muss auch ich Ioan Holenders Frage „Opera – Quo Vadis“?
zu Recht stellen.
Wenn er sich zu Recht beklagt, dass die Sängerinnen und Sänger bei allen Proben anwesend sein müssen, zeigt leider, dass die Künstler zu völlig hilflosen Ausführungspersonen degradiert werden.
Gerade als ehemaliger Sängeragent und Intendant sollte er wissen, wie sehr diese Künstler ständig unter Druck und Existenzängsten leben.
Wer von ihnen traut sich schon ernsthaft zu widersprechen? Wenn sich das einer tatsächlich traut, gibt es die berühmten Rundrufe zu allen möglichen Intendanten. Landen die Künstler dann auf einer imaginären „schwarzen Liste“, haben sie im wahrsten Sinne des Wortes „keinen Auftritt“ mehr.
Das Publikum wird auch zunehmend zu Konsumenten von oftmals fragwürdigen Produktionen erzogen. Und mangels Interesse und Vergleichsmöglichkeiten werden solche Aufführungen noch begeistert akklamiert.
Die derzeitige queere „Fledermaus“ ist ein übles Beispiel dafür.
Das geniale Werk, das ursprünglich von den „Carmen“-Librettisten Meilhac/Halévy verfasst wurde, wurde zu einem rosaroten Spektakel in der Wiener Volksoper umfunktioniert. Natürlich war die Community hellauf begeistert davon; in Social Media lobte jeder die szenische Umsetzung – fast keiner die Musik.
Und das hat sich der geniale Johann Strauss (Sohn) absolut nicht verdient!
Nun, um den Kreis zu schließen. Holender hat hier in vielen Punkten recht; nur hat er zeitweise und unbewusst mit den Grundstein für diese Auswüchse geschaffen.
Jetzt habe ich mir hier den Frust von der Seele geschrieben; war ich früher unter Lorin Maazels Zeiten oft drei bis vier Mal in der Staatsoper, gehe ich nun eher zu selten gespielten Werken ins Theater an der Wien, die bis jetzt erstklassig waren.
Vielleicht wird sich das alles noch bessern; da bin ich aber eher skeptisch….
Presse Gastkommentar vom 10. Juni 2026 von Ioan Holender
So wird die Oper nicht überleben
Sänger und musikalische Leiter sind sekundär, Regisseure dominant. Viele hören heute mit geschlossenen Augen zu. „Noch werden komponierte Noten nicht verändert, doch die Zuseher sind verwirrt, denn sie sehen etwas anderes, als es der Text und die Musik ausdrücken. In dieser Art und Weise wird die Gattung Oper nicht überleben“, schreibt Ioan Holender.
Seit rund 400 Jahren gibt es – anfangs in den fürstlichen Palais, meist im Freien – gesungene Aufführungen musikalischer Werke. Von begabten, bewunderten und begehrten Sängern – vornehmlich Männer mit einer ungewohnt hohen Stimme, Kastraten genannt – wurden alte Fabeln und Geschichten von Homer bis Pilatus singend vorgetragen. In üppigen Kostümen und die Geschichte illustrierenden Dekorationen wurde das Werk wiedergegeben. Mit der Zeit wurden die Darbietungen von privaten Adeligen in deren Palais und auch an öffentlichen Orten, bereits Theater genannt, dargeboten. Kaiser und Königshäuser bauten und erhielten Opernhäuser und engagierten Musiker, die Opernwerke komponierten.
Von Cesti, Mozart bis Rossini, von Donizetti, Verdi bis Wagner nähern wir uns der Gegenwart. Neben den Komponisten waren Sänger und Dirigenten die ausschlaggebenden Persönlichkeiten der Wiedergabe, bewundert, bekannt, hoch bezahlt: von Enrico Caruso bis Mario del Monaco, von der Patti bis zu Callas und von Arturo Toscanini bis Herbert von Karajan.
Szenische Arrangeure, anfangs des 20. Jahrhunderts auch „in Szene gesetzt von“ und später Regisseure genannt, wirkten – oft namentlich nicht genannt – natürlich mit. Wer diejenigen waren, die das Opernwerk auf der Bühne arrangierten, wer die Bühnenbilder kreierte und die Kostüme aussuchte, wusste man namentlich nicht. Bis heute weiß kaum einer den Namen eines Opernregisseurs bis zum 21. Jahrhundert.
Von Hunderten komponierten Opernwerken spielen wir mehr oder weniger immer dieselben etwa 40 Werke von Mozart, Verdi bis Wagner, wobei Sänger und musikalische Leiter sekundär und Regisseure dominant geworden sind. Diese ändern die Vorgaben der gegebenen Geschichte, sprich das Libretto, auf dessen Grundlage die Komponisten die Musik komponierten und für deren Umsetzung sie engagiert wurden. Nachhaltigkeit und soziale Kompetenz sollen in der Aussage der Inszenierung sein. Die Fantasie und Erfindung, die Gedanken und Einfälle des Regisseurs sind heute entscheidend. Das Publikum versteht die Geschichten nicht mehr, es lehnt das optische Spektakel ab. Viele Opernliebhaber hören mit geschlossenen Augen zu, gut bekannte Dirigenten wollen unter diesen Umständen nicht mehr Oper dirigieren. Auch bestimmen die Regisseure die Sängerbesetzung, wobei nicht die stimmliche Qualität zählt, sondern der Sängertypus.
Kritische Medienberichte in der Wiedergabe werden als konservativ und gestrig abgetan, und ablehnende Publikumsreaktionen freuen nahezu die Regisseure, die begleitet von unzähligen Dramaturgen, Videokünstlern, Lichtdesignern und unzähligen Assistenten vor dem Vorhang erscheinen. Diese Truppe erscheint vor dem Publikum als geschlossene, auffällig salopp gekleidete Gemeinschaft, sodass man nicht erfährt, wer von ihnen der Regisseur ist.
Jenen, die heute Opern inszenieren, fehlt jede Nähe zur und das Wissen über Musik. Mehr noch, die Arien und Liebesduette stören sie. Allein das Konzept des Regisseurs oder der Regisseurin zu verwirklichen ist wichtig. Dafür werden unverhältnismäßig lange Regieproben angesetzt, bei denen alle Sänger stets anwesend sein müssen. Noch werden komponierte Noten nicht verändert, doch die Zuseher sind verwirrt, denn sie sehen etwas anderes, als es der Text und die Musik ausdrücken. In dieser Art und Weise wird die Gattung Oper nicht überleben. Schade um das viele Steuergeld.
Zum Autor: Ioan Holender (*1935 in Timișoara, Rumänien) war von 1992 bis 2010 Direktor der Wiener Staatsoper.
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