Der Dirigent Muti wird gespiegelt durch Urteile und Erinnerungen von Weggefährten

Kirsten Liese,  Maestro Muti  klassik-begeistert.de, 18. August 2026

Buchbesprechung:

Kirsten Liese
MAESTRO MUTI
EIN MUSIKALISCHES LEBEN IN REZENSIONEN UND INTERVIEWS
Zweisprachig Deutsch / Englisch
284 Seiten, Verlag edition karo, 2026

Beleuchtet durch die zahlreichen Kommentare und Schilderungen von Künstlern, die mit dem Dirigenten nicht nur fachliche, sondern auch persönliche und private Momente verbinden, entstand ein Buch, das den Ausnahmedirigenten in vielen Facetten zeigt, und eine Würdigung in ungewöhnlicher Form darstellt.

von Peter Sommeregger

Der 85. Geburtstag, und parallel das 55. Jubiläum des Dirigenten bei den Salzburger Festspielen sind der äußere Anlass für diese Publikation, die keine Biographie im konventionellen Sinne ist.

Die Journalistin Kirsten Liese, ein bekennender Fan des Dirigenten, hat zu einer ungewöhnlichen Form der Hommage gegriffen. Wo Muti selbst zu Wort kommt, ist es in Zitaten von Künstlern, zumeist Instrumentalisten aus den von ihm geleiteten Orchestern in London, Florenz, Philadelphia, Mailand und Chicago. Der Leser erfährt dabei aus berufenen Mündern viele interessante Details über die Arbeitsweise Mutis, seinen Charakter, die Wurzeln seines Charismas. Das garantiert eine Authentizität der Aussagen, wie sie nur durch intensive Zusammenarbeit mit dem Maestro entstehen konnten.

Die Autorin selbst, die den Dirigenten bei unzähligen Auftritten erlebte, hat darüber zahlreiche Rezensionen verfasst, die ebenfalls Teil der Dokumentation sind, wie auch ein Interview mit Muti aus dem Juli 2018. Mutis Interpretation von Werken, die ihm besonders am Herzen liegen, wie Verdis Requiem und Mozarts „Così fan tutte“ analysiert Liese fachkundig, wobei sie auf mehrfaches Hören dieser Werke unter Muti zurückgreifen kann.

Angemessen gewürdigt werden auch Riccardo Mutis Bemühungen um den dirigentischen wie sängerischen Nachwuchs. Einen ersten Schritt stellte das 2004 begründete Orchestra Giovanile Luigi Cherubini dar, dem 2015 die Gründung einer italienischen Opernakademie für junge Dirigenten, Korrepetitoren und Sänger folgte. Jedes Jahr wird in Ravenna eine Oper von und mit Studierenden intensiv erarbeitet. Damit leistet Muti einen unschätzbaren Beitrag zur Heranführung junger Talente zur Aufführungspraxis.

Beleuchtet durch die zahlreichen Kommentare und Schilderungen von Künstlern, die mit dem Dirigenten nicht nur fachliche, sondern auch persönliche und private Momente verbinden, entstand ein Buch, das den Ausnahmedirigenten in vielen Facetten zeigt, und eine Würdigung in ungewöhnlicher Form darstellt.

Erschienen ist das Buch in einer zweisprachigen Ausgabe, wobei die Übersetzung ins Englische vom New Yorker Verleger Charles Scribner übernommen wurde. Man hält ein sehr persönlich gehaltenes, aber auch vielschichtiges Buch in Händen, das nicht nur für Fans des Dirigenten von Interesse sein dürfte.

Peter Sommeregger, 18. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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19 Kommentare zu „Kirsten Liese,  Maestro Muti
klassik-begeistert.de, 18. August 2026“

  1. Was sicher in dem Buch fehlen wird, ist die (angebliche) Charakterisierung Mutis durch Claudio Abbado: „Muti ist so sehr Maestro, dass er es schon selbst glaubt.“

    Prof. Karl Rathgeber

  2. Dieses Zitat findet sich zwar nicht in meinem Buch, Abbados unrühmliche Rolle in Mutis Leben kommt aber sehr wohl zur Sprache, und zwar im vielsagenden Interview mit dem pensionierten Wiener Philharmoniker Werner Resel. Er berichtet, wie Abbado seinen Landsmann wo er nur konnte spüren ließ, dass er ihm als unliebsamer Konkurrent ein Dorn im Auge war. Abbados Vater, ein einflussreicher Mann in Mailand, half dabei kräftig mit.
    Das hatte Abbado nicht nötig, ich finde das schäbig. Aber das erklärt natürlich, warum die Verbindung der Berliner Philharmoniker zu Muti nach Karajans Tod keine Kontinuität erfuhr wie mit den Wienern. Sehr, sehr bedauerlich.

    Kirsten Liese

    1. Wenn man die beide Persönlichkeiten ins Kalkül zieht, ist die (wohl gegenseitige) Abneigung verständlich. Dass da auch mal unfreundliche Worte fallen, verwundert nicht.
      Die Berliner wissen übrigens auffallend genau, mit wem sie musikalisch Höhenflüge erreichen und für wen sie als Aushängeschild benutzt zu werden Gefahr laufen …

      Waltraud Becker

      1. Wollen Sie damit sagen, dass die Berliner mit Muti keine musikalischen Höhenflüge hätten erreichen können?
        Oder dass er sie nur als Aushängeschild benutzt hätte?
        Das hätte doch ein Muti gar nicht nötig.

        Nun, bei allem Respekt vor den Berliner Philharmonikern, wäre z.B. eine Paarung mit Muti als Chef nicht auf fruchtbaren Boden gefallen.
        Seine Veranlagung ist anders. Schon allein der Klang der Wiener Philharmoniker durch ihre speziellen Instrumente kommt Muti viel mehr entgegen. Er passt viel besser zu den Wienern. In allen Belangen. Auch wenn es weit hergeholt ist, er es selbst aber immer wieder scherzhaft ins Feld führt, fließt in seinen Adern, ist in seiner DNA mehr Österreich als Deutschland. (Die Tochter Maria Theresias, Maria Karolina war Königin von Neapel, Mutis Geburtsstadt).
        Er ist einfach Österreich affiner. Ein Herz an Herz Gefühl. Es ist eine tiefe Verbindung, die sich dann auch in den Ergebnissen der Zusammenarbeit niederschlägt. Es ist nicht messbar, belegbar, aber spürbar. Muti spricht ja von den Wiener auch immer von seinem „Herzorchester“ und „seiner musikalischen Heimat“.
        Allein schon dadurch, sind die Höhenflüge mit den Wienern immer höher als mit den Berlinern. Auch von Muti aus. Auch bei der Professionalität Mutis. Gerade in der Musik spielt noch viel nicht Fassbares hinein, um Stern-stunden, metaphysische Momente, wie Muti selbst immer so gerne sagt, zu erreichen. Das passiert dann unvorhergesehen, ist nicht planbar, aber dabei spielt eben dieses gewisse Etwas mit hinein.

        Sabine Jesch

      1. Wenn Sie meine journalistische Arbeit länger verfolgt hätten, wüssten Sie, dass ich über den Künstler Abbado kaum ein schlechtes Wort verloren habe. Zehn Jahre lang bin ich allein nach Luzern gereist, um seine genialen Mahler-Interpretationen zu hören. Seine Konzerte bei den Berliner Mai-Konzerten hatten ebenso bis zu seinem Tod einen festen Platz in meinem Kalender.

        Aber auch eine große Persönlichkeit wie er muss eine differenzierte Beurteilung aushalten und dass seine schlechten charakterlichen Eigenschaften einmal zur Sprache kommen. Übrigens nicht allein auf Muti bezogen. Auch Hansjörg Schellenberger, langjähriger grandioser Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker unter Karajan, soll unter Abbado sehr gelitten – und seinetwegen sogar das Orchester verlassen haben. So hat es Schellenberger jedenfalls berichtet.

        Kirsten Liese

        1. Dass Sie sich sogar in diesen beiden Absätzen widersprechen, ist Ihnen schon aufgefallen?
          Im ersten Absatz schreiben Sie, dass Sie über Abbado kaum ein schlechtes Wort verloren haben.
          Im zweiten nennen Sie seine „schlechten charakterlichen Eigenschaften“.
          Ich kenne beide Herren nicht wirklich. Mein Metier ist die Vokalmusik. Von Abbado habe ich ein tief empfundenes Verdi Requiem gehört, von Muti in München ein gähn-langweiliges. Chorsänger (BR Chor, wahrlich kein schlechtes Ensemble) dieser Aufführung haben mir bestätigt, dass Muti nicht wirklich geprobt und auch im Konzert nur durchdirigiert und eine genervte Attitüde an den Tag gelegt hat.

          Prof. Karl Rathgeber

          1. Meine Formulierung ist doch ganz eindeutig: Der erste Absatz gilt dem Musiker und speziell dem Mahler-Interpreten Abbado, der zweite seiner Person und charakterlich miesen Zügen. Darin kann ich keinen Widerspruch erkennen, auch wenn ich zugeben muss, dass mein Bild von Abbado nach all dem, was ich von Resel erfahren habe, Risse bekommen hat. Aber ich kann immer noch differenzieren zwischen musikalischer Leistung und schlechtem Charakter.

            Mutis Verdi-Requiem mit dem BR Chor von 1981 ist übrigens nicht nur meiner Meinung nach eine der besten Aufnahmen dieses Werks unter Mutis Leitung und überhaupt eine der besten überhaupt. Von Verdi scheinen Sie nicht viel zu verstehen. Schade.

            Kirsten Liese

          2. Wie einfach die Welt doch auch bei Ihnen zu sein scheint: Für Sie ist Abbado der Gute, Muti der Böse.
            Dass Muti in München nicht wirklich geprobt hat … nun waren Sie dabei? Nur weil Ihnen das ein Chormitglied erzählt hat, nehmen Sie das für bare Münze?
            Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und wenn Sie zudem weder Abbado noch Muti wirklich kennen, wäre ich mit solchen Aussagen vorsichtig. Außerdem kennen Sie nicht den tieferen Grund, warum Muti damals nicht so gearbeitet hat, wie er es sonst tut.
            Auch er ist ein Mensch, nicht nur Abbado.
            Gerade bei der „Messa da Requiem“ kann ich mir nicht vorstellen, dass Muti so nachlässig gewesen sein soll. Und ich kenne ihn sehr gut und auch seine Proben. Dort sollten Sie vielleicht lieber nicht beteiligt sein. Seine Präzision und Unnachgiebigkeit beim Erreichen des Zieles hat schon manchen Beteiligten die Nerven geraubt.(Italian Opera Academy. Aber am Ende waren alle zufrieden und dankbar) Man sollte natürlich auch gut vorbereitet in eine Probe kommen.
            Vielleicht hat Muti etwas in diese Richtung missfallen und er hat gemerkt, dass sein Ehrgeiz nicht auf fruchtbaren Boden fiel.
            Auch ein Abbado lieferte sicher nie immer Perfektion ab. Dann müsste man einen Roboter vor das Orchester stellen.
            Und trotz meiner 100%igen Überzeugung, dass keiner die „Messa da Requiem“ so genial interpretiert und epochal dirigiert wie Muti, sind immer noch die Geschmäcker verschieden. Ist man von vorne herein natürlich schon gegen Muti eingestellt, wird man immer ein Haar in der Suppe finden. Auch wenn dort keines ist.
            Und wenn Muti kein Maestro im positiven Sinne war und ist, dann weiß ich auch nicht.
            Solche Dirigenten wird es in Zukunft sowieso nicht mehr geben.

            Sabine Jesch

          3. Sehr geehrter Herr,

            ich habe mehrere Aufnahmen mit dem Verdi-Requiem, darunter Karajan, Solti, Abbado, Barenboim und Muti natürlich. Sie haben alle ihre Qualitäten, aber die Aufnahme von Muti mit dem BR Chor ist eine der besten. Wer gegen die Dramatik und die Beseeltheit darin immun bleibt, kann nur ein gänzlich kalter Mensch sein und disqualifiziert sich selbst. Ich nehme Ihnen das nicht ab, zumal, wenn Sie sagen, Ihr Metier sei die Vokalmusik. Vermutlich wollen Sie einfach nur provozieren?
            Mit freundlichen Grüßen,
            Hans Sandner

          4. PS: In jedem Orchester, in jedem Chor gibt es immer Mitglieder, die einen Dirigenten schätzen und solche, die es nicht tun. Dass Sie gerade aus den Reihen des BR Chors solche Aussagen vernommen haben wollen, erstaunt. Hanne Weber, langjähriges Mitglied dieses Chors, äußert sich in meinem Buch ganz anders dazu. Für sie wurde just mit diesem Requiem der Grundstein für die lange so erfolgreiche Zusammenarbeit mit Muti gelegt. Ich glaube ihr, dass die meisten Mitglieder des Chors Muti sehr verehren und das, was Ihnen zugetragen wurde, nicht sehr repräsentativ ist.

            Kirsten Liese

          5. Ich sehe, dass auch andere Personen (darunter auch Kirsten Liese, die gerade in Salzburg ihr Buch über Maestro Muti vorgestellt hat, mit Aussagen von Menschen, die mit Muti zusammengearbeitet haben. Ich habe es zwar noch nicht gelesen, aber ich bin überzeugt, dass dort solche Aussagen, wie von Ihnen, nicht darunter sind. – Können es auch gar nicht!) meiner Meinung sind.
            Auch was die Verlässlichkeit Ihrer Aussage betrifft.
            Ich muss es nur nochmals wiederholen. Muti würde nie „schlampern“. Da lege ich meine Hand ins Feuer. Dazu kenne ich ihn viel zu gut (31 Jahre) und seine Arbeitseinstellung. Und seine Arbeitseinstellung hat man oder hat man nicht. Und dieser ist man auch treu, von ganz alleine. Man kann gar nicht anders.
            Da entscheidet man sich nicht nach Lust und Laune. Das ist Veranlagung. Muti ist ein gewissenhafter „Arbeiter“. Und diese Eigenschaft begann schon während seines Studiums als junger Mann. Er verplemperte seine Zeit nicht mit seichten Dingen. Er widmete all seine Zeit, die Tiefen der Musik (ob für sein Pianisten-Diplom oder dann für seine Dirigentenkarriere) zu durchdringen und sein Ziel zu erreichen. Und das tut er heute noch.
            Wenn Sie das im Konzert anders empfunden haben, war es schon Ihre Erwartungshaltung vor dem Konzert. Dann hört man es auch so, besser gesagt, man will es gar nicht anders hören, um seine Bestätigung zu haben. Und da Sie anscheinend nicht gerade Sympathie für Muti hegen, lässt man sich dann auch nicht vom Gegenteil überzeugen.
            Man muss sich aber schon selbst überzeugen, bevor man zugebrachten Worten Glauben schenkt. Es gibt eben Menschen, die Muti nicht mögen und ihn immer kritisieren. Das sehe ich auch an Kritiken. Doch dahinter verbirgt sich vielfach ein ganz einfacher Grund: Neid. Aus welchen Gründen auch immer.
            Man fühlt sich dann wohl, einen ganz Großen niederzumachen.
            Oder man versteht nicht wirklich etwas von Musik.
            Man würde dann auch niemals zugeben, dass es doch anders ist.
            Doch zum Glück weiß die Mehrheit das Können und Wissen Mutis zu schätzen. Darunter das beste Orchester der Welt, die Wiener Philharmoniker.
            Und die sind ja wahrlich kein drittrangiges, dahergelaufenes, zusammengewürfeltes Orchester.

            Sabine Jesch

  3. Schellenberger verließ die Berliner Philharmoniker im Jahr 2001. Claudio Abbado erkrankte im Jahr 2000 an Krebs und verließ die Philharmoniker 2002.
    Schellenberger schied also in dem Jahr aus, in dem Abbado nicht vor dem Orchester stand. Und soll trotzdem wegen ihm das Orchester verlassen haben? Ist es nicht vielmehr so, dass er sich verstärkt und nunmehr ausschließlich dem Dirigieren widmet?

    Prof. Karl Rathgeber

    1. Vielleicht hat sich Schellenberger in der Chronik geirrt, aber das ändert nichts daran, dass er nach eigenen Worten sehr unter Abbado gelitten und Abbado dazu maßgeblich beigetragen hat, dass er seine Laufbahn als Oboist beendet hat. Unabhängig davon, dass Abbado den Berliner Philharmonikern ja noch nach seiner Zeit als Chefdirigent bis zu seinem Tod 2014 sehr verbunden war und viele Konzerte dirigierte. Diese späten Jahre waren letztlich auch Abbados erfolgreichste, in denen er sich seinen Nimbus erwarb.

      In der Tat wirkt Schellenberger seit vielen Jahren als Dirigent.

      Kirsten Liese

  4. „Vielleicht hat Muti etwas in diese Richtung missfallen und er hat gemerkt, dass sein Ehrgeiz nicht auf fruchtbaren Boden fiel.“
    Das ist der springende Punkt und genau deshalb ist es gut, wenn es in Zukunft „keine Dirigenten wie Muti (ich ergänze: Karajan, Thielemann und manche andere) geben wird“, denn nicht das Orchester/der Chor/die Solisten sind für die Erfüllung der Eitelkeit des Dirigenten da, sondern alle zusammen für das Werk und den Komponisten und letztendlich für die Zuhörer.

    DI Waltraud Becker

    1. … und genau deshalb ist es gut, wenn es noch lange Dirigenten wie Muti, Thielemann (und Currentzis) gibt, da sie zu den letzten zählen, die sich als Bekenntnismusiker für das Werk und den Komponisten verzehren.

      1. Warum nennt denn niemand den Dirigenten, der einsam an der Spitze derer steht, die sich selbst hintanstellen und dem Werk dienen: Kirill Petrenko …
        Ich habe ihn viele Male erlebt und jedes Mal war es eine Sternstunde.

        Waltraud Becker

    2. Ihre „profunde Fach- und Menschenkenntnis“, wenn es um Dirigenten geht, lässt mich vermuten, dass Sie schon oft mit Maestro Muti zusammengearbeitet haben, um so über die Art, wie er mit Musikern und Sängern umgeht, seine Arbeitsweise, Einstellung und seinen Charakter zu urteilen.
      Ich habe ihn so, wie Sie ihn beschreiben, nie kennengelernt. Eine gewisse Disziplin und Strenge ist aber immer nötig, um ein exzellentes Ergebnis zu erzielen. Anders geht es nicht.
      Was die weitere Existenz solcher Dirigenten wie Muti angeht, da müssen Sie sich überhaupt keine Sorgen machen. Solche Dirigenten wird es nie mehr geben. (Dies hat mir die Sopranistin I. Sobotka, mit der ich ein sehr nettes Gespräch führte, wortwörtlich gesagt. „Wir haben keine solchen Dirigenten mehr. Muti ist einer der Letzten.“ sagte sie mir mit großem Bedauern.)
      Aber leider wird die musikalische Welt dann um wirkliche musikalische Sternstunden ärmer sein. Es tut mir sehr leid, dass Sie die Größe dieser Persönlichkeiten und die damit verbundenen Ergebnisse nicht erkennen und würdigen. Entweder sehen Sie es wirklich nicht oder Sie wollen es nicht.
      In Zukunft wird es keine Dirigenten mehr geben, die ein so umfassendes Studium wie Muti hinter sich gebracht haben und das nötige Wissen und Rüstzeug für das Entstehen von alles überragenden Sternstunden mitbringen. Dazu gehört auch ein gewisses Charisma des Dirigenten, das alle in seinen Bann zu ziehen vermag.
      Nicht mehr Show, die nicht nötig ist, aber vom Publikum gesehen werden will. (Wenn ich nur an das Neujahrskonzert 2026 denke!)
      Statt dessen mehr Ehrfurcht vor dem Komponisten.
      Muti stellt sich nie in den Mittelpunkt und hat es auch nie getan. Er stellt den Komponisten in den Mittelpunkt.
      Beobachten Sie ihn doch nur einmal beim Schlussapplaus. Gerade in diesen Konzerten heuer. Er stellte sich nie auf das Podium. Der Applaus gehörte den Sängern und dem Orchester. Er stellt sich nie heraus.
      Er führt zwar mit seiner genialen Interpretation, hat aber immer das Gesamte im Blick mit allen Beteiligten, um das zum Ausdruck zu bringen, was der Komponist vermitteln wollte. Das ist sein einziges Ziel.
      Demut gegenüber dem Komponisten ist sein Credo und aus allen das Beste herauszuholen. Was ihm auch in unvergleichlicher Weise gelingt.
      So bezeichnet Muti sich selbst als „demütigen Handwerker im Weinberg heiliger Werke“. Und das trifft auch zu.
      Auch Sie scheinen ihn nicht wirklich zu kennen (von mögen gar keine Rede) und urteilen ohne seine Arbeitsweise und Umgang mit den Musikern und Sängern zu kennen. Sie schließen sich dem immer noch existierenden Klischee an, dass alle Dirigenten jenseits der 60 Autokraten, Despoten und Tyrannen sind. Und all das sehen Sie in Muti, dem letzten großen Maestro im positiven Sinne. Für Sie steht er für autoritäre Führung, Eitelkeit und Arroganz.
      Doch all das trifft nicht zu. Auch die Teilnehmer an Mutis Italian Opera Academy, mit denen ich sprach, zeichneten mir ein ganz anderes Bild.
      Ich kann diese immer wieder heruntergedroschenen Worte schon nicht mehr hören. Wie kann man nur so ein Schubladendenken haben, ohne wirklich diese Menschen zu kennen. Aber es wird immer wieder derselbe Knopf gedrückt, ohne zu reflektieren.
      Sogar Simone Young verfällt diesem Klischee (Februar 2021 in einem Stern-Podcast) und verurteilt die alten, grantigen Männer mit den weißen Haaren am Dirigentenpult.
      In der jungen Dirigentengeneration ist natürlich alles nicht mehr so und ganz anders. Diese Dirigenten haben keine Allüren, sind menschlich nahbar und pflegen mehr Gleichberechtigung und ein freundschaftlicheres Verhältnis. Angeblich. Ob das wirklich so ist, wer weiß es.
      Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Aber es ist halt so einfach und kommt gut.
      Schade, dass Sie wohl nicht in der Lage sind, zu erkennen, was Muti und auch andere Dirigenten für die Musikwelt geleistet haben. Doch nicht jeder hat diese Gabe. – Leider!

      P.S.
      Es ist leicht zu kritisieren und in das Horn zu blasen, in das alle blasen.
      Es wird ja von allen besser gewusst. Und dann muss es ja stimmen.
      Aber stellt man sich damit nicht auch etwas in den Mittelpunkt der eigenen Eitelkeit, weil man meint, es besser zu wissen und das auch so zeigt?

      Ich werde Sie nicht von Ihrem Weg abbringen. Ich aber bleibe auch bei meiner Überzeugung, mit Recht.
      Vielleicht werden die Menschen irgendwann noch einmal erkennen, was sie verloren haben und nie mehr wiederbekommen, weil es dieses einfach nicht mehr gibt. Aber dann ist es meist zu spät.
      (Auch die Apotheken werden einmal aussterben.)

      Sabine Jesch

  5. Oh je, da scheine ich wohl an ein Denkmal gep… zu haben. Zumindest aus Sicht der beiden oben schreibenden Damen.
    Während Frau Liese Abbado als „(sie findet das) schäbig“, mit „schlechten charakterlichen Eigenschaften“, mit „charakterlich miesen Zügen“, dem „ein unliebsamer Konkurrent im Auge war“ beschreiben kann, ohne dass Herr Sander fragt, ob sie damit provozieren möchte.
    Ich muss mich korrigieren, das von mir genannte Konzert mit dem Verdi-Requiem war nicht in München, sondern 2019 in Baden-Baden. Vielleicht gibt es den arte Livestream zum Nachhören und -schauen ja noch.

    Prof. Karl Rathgeber

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