Foto: ensemble doppel:punkt / (c) Thomas Nonn
Der Gesang verbreitet sich in berauschender Raumwirkung bis in den allerletzten Winkel des Kirchensaals. Es ist das strahlende Finale eines Chorkonzerts der Extraklasse, das vom Publikum schließlich mit Standing Ovations gefeiert wird.
ensemble doppel:punkt : Dunkelheit & Licht
Chorwerke von Ēriks Ešenvalds, Hugo Distler, Johannes Brahms, Gustav Mahler, Eric Whitacre und weiteren
Max Reger „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ Choralphantasie Nr. 2 für Orgel op. 52
ensemble doppel:punkt Chor
Felix Mende Orgel
Mathias Janz Leitung
St. Ansgarii, Bremen, 27. September 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Der anfängliche Choreinsatz erfolgt schneidend scharf und energisch in hartem Fortissimo. Es ist das verzweifelte Rufen, mehr noch: ein Hilfeschrei aus tiefster Neumond-Dunkelheit, einer grabesnächtlichen Finsternis.
Die Sehnsucht nach dem Wiedererwachen des Lichtes wird in einem Wechsel der Stimmung zu melancholischen Klängen verdeutlicht, begleitet von hauchzarten, geradezu mystischen Klängen, die mittels gestimmter Weingläser erzeugt werden. Mit diesem Lied „New Moon“ des zeitgenössischen lettischen Komponisten Ēriks Ešenvalds eröffnen die 26 Sängerinnen und Sänger des Ensembles doppel:punkt unter der Leitung von Matthias Janz ihr faszinierendes Chorkonzert unter dem Titel „Dunkelheit & Licht“, beginnend in der allertiefsten Nacht, um anschließend die strahlende Helligkeit des Tages in seiner metaphorischen Bedeutung bis hin zum erneuten abendlichen Verlöschen zu besingen.
Ausgefeilte Dynamik und intensive Spannung
Von Beginn an überzeugt das stimmlich optimal ausgewogene Ensemble mit blitzsauberer Intonation, guter Artikulation und durchweg homogenem, abgerundeten Gesamtklang der jungen Stimmen. Die Gestaltung orientiert sich detailliert an den Texten; eine ausgefeilte dynamische Nuancierung sorgt für intensive Spannung des Vortrags. Andächtige, demutsvolle Zurückhaltung wird spürbar bei Hugo Distlers „In der Welt habt ihr Angst“, mit dem abschließenden innigen Wunsch, die „Seel’ an meinem letzten End’“ in Christi Hände zu befehlen. Dass unmittelbar darauf zwei Chorkompositionen angestimmt werden, die bereits vor etwa 350 bzw. 400 Jahren (Henry Purcell, Thomas Tallis) entstanden sind, lässt sich an der zweifellos andersartigen Harmonik ausmachen; dennoch empfindet man darin keinen auffälligen Bruch: Die grundlegende Atmosphäre, die aus dem immerwährenden Ringen des Menschen mit himmlischer Allmacht entsteht, ist dieselbe, unabhängig von der jeweiligen Epoche. In nachdrücklichem Gesang wird die Bitte um göttliche Hilfe zum Ausdruck gebracht, der Dank folgt triumphal freudig.
Doch noch steht die Dunkelheit im Vordergrund. So wie in Johannes Brahms‘ „Nachtwache I“, bei dem der romantische Rückert-Text („Leise Töne der Brust… hauchet zitternd hinaus…“) äußerst gefühlvoll angestimmt wird.
Fulminanter Weckruf mit allen Registern
Nach den exzellenten A-capella-Gesängen bildet Max Regers Choralphantasie Nr. 2 für Orgel „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ op. 52 die Brücke zum jetzt erstarkenden Licht. Dunkle, grummelnde Tiefbässe wabern durch den Kirchenraum, unterbrochen von kurzzeitigen kraftvollen Eruptionen, so als würde für Momente ein aufflackerndes Licht das Dunkel erhellen. Organist Felix Mende präsentiert das spieltechnisch sehr anspruchsvolle Werk manual- und pedalsicher in einer detailliert durchdachten Interpretation. Das zugrunde liegende Liedthema bleibt im mitunter lieblich umspielenden Geflecht der einzelnen Stimmen zunächst noch eher hintergründig. In einem überdimensional angelegten Spannungsbogen verdichten sich die fulminant aufwallenden Harmonien zu einem grandiosen Fortissimo, einem schier unüberhörbarem Weckruf, in dem die bekannte Liedmelodie unter maximaler Nutzung nahezu sämtlicher Register als kraftvolles „Wachet auf!“ imponiert und mit begeistertem Beifall bedacht wird: Das Licht hat die Dunkelheit besiegt!
In Ēriks Ešenvalds‘ Chorwerk „Stars“ sind dies die Myriaden von Sternen, „…mit pochenden Herzen aus Feuer“, deren sanftes Leuchten wieder mit den schwebend zitternden Tönen der Gläser in unvergleichlicher Stimmungsintensität nachgezeichnet wird. Ergreifend gerät der Schluss, bei dem der Chor das tiefe Staunen darüber, „Zeuge zu sein von so viel Majestät“, äußerst empfindsam intoniert.
Doch es wird noch um etliche Stufen heller, gleißender. So bei Max Regers kraftvoll präsentiertem „Morgengesang“, dessen vor Jahrhunderten entstandener Text nicht nur Gott als dem höchsten, dem ewigen Licht huldigt, sondern auch zugleich den „hellen, schönen, lichten Tages, an dem jeder selig werden mag“ zutiefst herbeisehnt.
Die chorischen Anforderungen sind bei den Liedkompositionen dieses Konzertnachmittags immens, sie werden indes vom Ensemble durchweg bravourös gemeistert. Bei Eric Whitacres „Lux Aurumque“ besticht das weiche, zart gülden anmutende Timbre; Gustav Mahlers „Urlicht“ beeindruckt mit einer zu Herzen gehenden Umsetzung des Textes, der zunächst den trauernden, in höchster Pein liegenden Menschen beschreibt, dann jedoch dessen von Hoffnung und Zuversicht getriebenes Streben zu Gott, zum „ewig, selig Leben“ betont.
Grandioser Hymnus erfüllt den Raum
John Rutters „Hymn to the Creator of Light” wird zum überwältigenden Lobgesang, bei dem das Ensemble erneut sein enormes sangliches Potenzial in ganzer Breite zur Geltung bringen kann. Auch hier überzeugen die differenzierte Gestaltung, die feinen dynamischen Abstufungen und die mitunter bekenntnishaft bis ins Emphatische gesteigerte Ausführung, die ausklingen mit der demutsvoll zurückhaltend geäußerten Bitte „…as they guests in heaven receive us“ („…nimm uns als deine Gäste im Himmel auf“).
Für die letzte Komposition begeben sich alle Choristen auf die rückwärtige Orgelempore. „Hail, gladdening Light!“ („Sei gegrüßt, erquickendes Licht“) heißt der vor gut einhundert Jahren von Charles Wood vertonte uralte griechische Hymnus, der Christus als das unvergängliche Licht feiert. Durch die derart veränderte Aufstellung ergibt sich ein starker Effekt; der Gesang verbreitet sich in berauschender Raumwirkung bis in den allerletzten Winkel des Kirchensaals. Es ist das strahlende Finale eines Chorkonzerts der Extraklasse, das vom Publikum schließlich mit Standing Ovations gefeiert wird.
Das ensemble:doppelpunkt bedankt sich mit Hugo Distlers anno 1933 (!) entstandenem kurzem Chorsatz „Verleih‘ und Frieden gnädiglich“, einem Wunsch, der gewiss die Menschen zu allen Zeiten bewegt hat, der aber gerade im Jahr 2026 bedeutsamer und aktueller denn je zu sein scheint. Besser, treffender und auch nachdenkenswerter lässt sich ein geistliches Chorkonzert wohl kaum beenden.
Dr. Gerd Klingeberg, 28. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at