Foto: Michael Schager (c) Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Richard Wagner
Siegfried (1876)
Wiener Staatsoper, 10. Juni 2026
von Kathrin Schuhmann
Nach Goldraub, Götterkrisen und tragischen Liebesgeschichten betritt nun ein junger Mann die Bühne, der von all dem erstaunlich wenig weiß. Siegfried kennt weder die komplizierten Machtspiele Walhalls noch die Verträge seines Großvaters Wotan. Er hat keine politischen Ambitionen, keine philosophischen Zweifel und vor allem keine Angst. Genau das macht ihn zur vielleicht ungewöhnlichsten Figur in Wagners Ring des Nibelungen – und zum Hoffnungsträger einer Welt, die sich längst auf den Untergang zubewegt.
Mit Siegfried absolvierte der aktuelle Ring-Zyklus der Wiener Staatsoper seinen dritten Abend. Nach dem mythischen Weltenbau des Rheingold und der emotionalen Wucht der Walküre schlägt Wagner hier einen überraschend anderen Ton an. Vieles wirkt heller, beweglicher und nicht selten humorvoll. Doch hinter dem Abenteuer des jungen Helden zeichnet sich bereits das Ende jener Ordnung ab, die den gesamten Zyklus bislang bestimmt hat.
Schon der erste Akt macht deutlich, dass sich die Perspektive verändert hat. Die Welt wird nicht länger aus der Sicht von Göttern oder tragischen Liebenden betrachtet, sondern durch die Augen eines jungen Menschen, der die bestehenden Regeln weder kennt noch akzeptiert. Die Konflikte zwischen Siegfried und Mime entwickeln dabei eine Dynamik, die immer wieder zwischen Komik und Bedrohung pendelt.
Andreas Schager erwies sich in der Titelrolle als Idealbesetzung. Die Partie des Siegfried zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben des gesamten Opernrepertoires. Wagner verlangt nicht nur stimmliche Kraft und Ausdauer, sondern auch die Fähigkeit, über mehrere Stunden hinweg eine Figur glaubwürdig lebendig zu halten. Schager meisterte diese Herausforderung mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Sein Siegfried wirkte ungestüm, neugierig und voller Energie. Gerade die Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und zunehmender Selbstfindung verlieh seiner Darstellung große Überzeugungskraft.

Einen wichtigen Gegenpol bildete Gerhard Siegel als Mime. Seine Darstellung ging weit über die Rolle des bloßen Intriganten hinaus. Zwischen Berechnung, Verzweiflung und gelegentlich fast tragikomischen Momenten entstand eine vielschichtige Figur, deren Scheitern letztlich ebenso unvermeidlich wirkt wie das vieler anderer Gestalten im Ring.
Im Zentrum der Oper steht jedoch nicht nur der junge Held, sondern auch der langsame Abschied der alten Welt. Michael Volle setzte seine beeindruckende Gestaltung des Wotan fort, der nun als Wanderer durch die Handlung zieht. Während der machtbewusste Herrscher des Rheingold und der verzweifelte Vater der Walküre bereits deutliche Risse gezeigt hatten, begegnet man hier einer Figur, die dem eigenen Untergang entgegensieht. Volle gelang es eindrucksvoll, diese Mischung aus Würde, Melancholie und Resignation hörbar und sichtbar werden zu lassen.

Wie schon an den beiden vorangegangenen Abenden erwies sich Pablo Heras-Casado als einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren der Aufführung. Sein Dirigat verband dramatische Energie mit bemerkenswerter Transparenz. Besonders beeindruckend gelang die Gestaltung der zahlreichen orchestralen Zwischenspiele, in denen Wagner ganze Landschaften und Stimmungen allein mit den Mitteln des Orchesters erschafft. Ob im Waldweben, in den geheimnisvollen Szenen des dritten Aktes oder in den großen Steigerungen der Schmiedelieder – stets blieb das Klangbild differenziert und lebendig.

(c) Javier Salas
Das Orchester der Wiener Staatsoper zeigte sich dabei erneut in Hochform. Die Musikerinnen und Musiker entwickelten einen Wagner-Klang, der Kraft und Leuchtkraft besaß, ohne jemals schwerfällig zu wirken.
Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf blieb auch im dritten Teil des Zyklus ihrer Linie treu. Sie vertraut auf die Geschichte und die Figuren, statt sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Die Handlung blieb nachvollziehbar, die Beziehungen der Figuren klar erkennbar, und die musikalische Seite konnte ihre Wirkung ungehindert entfalten.

Zum Höhepunkt des Abends wurde die Schlussszene. Nachdem Siegfried die Feuerwand durchschritten hat, begegnet er erstmals Brünnhilde. Aus dem furchtlosen Helden wird plötzlich ein junger Mann, der etwas völlig Neues entdeckt: die Liebe. Camilla Nylund knüpfte mit ihrer Brünnhilde nahtlos an die große Leistung der Walküre an. Gemeinsam entwickelten sie und Andreas Schager jene Mischung aus Staunen, Begeisterung und emotionaler Intensität, die den Schluss der Oper zu einem der schönsten Liebesduette Wagners macht.
Mit Siegfried gelang der Wiener Staatsoper eine Aufführung, die Abenteuerlust, philosophische Tiefe und musikalische Exzellenz auf bemerkenswerte Weise verband. Die alte Welt neigt sich ihrem Ende zu, doch für einen Moment scheint alles möglich. Gerade deshalb wirkt der Schluss so überwältigend: als strahlender Höhepunkt – und zugleich als letzte Ruhe vor dem Sturm. Die nächste Station des Ringes wartet bereits: die Götterdämmerung.
Kathrin Schuhmann, 10. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Das Rheingold Wiener Staatsoper, 6. Juni 2026
Richard Wagner, Siegfried (1876) Wiener Staatsoper, 30. Mai 2026