Foto: Philippe Sly (Saint François) © SF/Monika Rittershaus
Selbstverständlich wäre ich über alle Maße enttäuscht gewesen, hätte ich nach dem ersten Akt den Saal endgültig verlassen müssen. War nicht der Fall. Doch auch im Fall des Falles: ich finde es so mutig wie richtig, die Entscheidung zu treffen, nicht weiter zu singen, wenn der Künstler selbst die Gefahr spürt, durch das Weitersingen seine Stimme zu zerstören. Chapeau! Philippe Sly lässt sich nach dem ersten Akt entschuldigen. Er spielt – grandios! – weiter. Ab dem 2. Akt übernimmt Antoin Herrera-López Kessel die Stimme des François. Nicht ganz so entschlossen wie Sly, doch die die menschliche Tiefe des François’ singt er in mich.
Saint François d’Assise (1983)
Komposition und Libretto: Olivier Messiaen
Musikalische Leitung: Maxime Pascal
Regie/Bühne/Kostüme/Licht: Romeo Castellucci
L’Ange Lauranne Oliva
Saint François Philippe Sly, Gesang ab dem 2. Akt Antoin Herrera-López Kessel
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker
Felsenreitschule, Salzburg, 15. August 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend wird in der Felsenreitschule Olivier Messiaens Oper einziges Opernwerk Saint François d’Assise bei den Salzburger Festspielen 2026 das vierte Mal innerhalb von elf Tagen aufgeführt.
Bassbariton Philippe Sly singt François, im Stück ist er noch nicht heilig, wird er mit bloßem Namen tituliert: kräftig, entschlossen und energisch. Aber nur einen Akt! Er lässt sich entschuldigen. Seine Stimme sei aufgrund der anstrengenden Proben und des Aufführungstaktes „mehr als jeden dritten Tag“ extrem erschöpft. Ich vollziehe das nach. 260 Minuten Nettospielzeit – mit zweimal einer Stunde Pause. Es ist eine stimmlich wie auch in dieser Inszenierung spielerisch herausfordernde Rolle, die extreme Kondition erfordert. Ausruhen kann die Stimme François‘ nur im ersten Teil des zweiten Akts.

Ein erstes Glück: Sly spielt weiter, still singend. Das ist wichtig, denn sein exzessives Schauspiel erzeugt in mir intensive Wirkung. Ein zweites Glück: Bassbariton Antoin Herrera-López Kessel singt ab dem zweiten Akt von noch dazu von der Seite, auf der ich sitze. Denn an einigen Stellen wogt das Orchester laut und stark. Kessels Stimme ist nicht ganz so entschlossen und kräftig wie Slys. Die menschliche Tiefe, das Suchen François’ nach dem Glauben vermittelt er mir stimmlich sehr gut. Innerhalb einer Aufführung einzuspringen, wo gibt’s denn das? Sly und Herrera-López Kessel werden ausgiebig gefeiert mit brausendem Schlussapplaus. Nicht nur für den Mut, den eine solche Entscheidung erfordert, sondern besonders für ihrer beider Leistung. Zu recht!

Sopranistin Lauranne Oliva singt den Engel voller Gleichmut und Ruhe. Zugleich stimmlich direkt, geradeaus und forsch mit bestimmter Unerbittlichkeit. Eine Aussage des Engels trifft mich besonders: „La musique nous porte à Dieu par défaut de Vérité.“ (Die Musik trägt uns zu Gott durch den Mangel an Wahrheit).
Castellucci gelingt, die große Bühne der Felsenreitschule zur Wirkung zu bringen. Ich empfinde die Felsenwand im ersten Akt als Kontaktmauer, die François ansingt, um endlich! zum Göttlichen durchzudringen. Im zweiten Akt wird die Wand durch zwei Vorhänge verdeckt. Der vordere mit dem umgekehrten Bild einer Großstadt fällt im Verlauf des zweiten Aktes. Für mich die Sicht des Engels auf die Welt. Danach der weiße reine Vorhang, den ich als Bild von François gefundenen Weg des Glaubens interpretiere. Im dritten wird der Boden erdig. Es steigen daraus die Stigmata von François heraus, die er überwinden muss auf dem Weg, Jesus ins ewige Leben nachzufolgen.
Den riesigen Chor sehe ich erst beim Applaus. Er füllt die gesamte breite Bühne der Felsenreitschule zweireihig. Er hat seinen hinter der Bühne verborgenen starken und eindrucksvollen Auftritt im dritten Akt als sturmesgleich göttliche Stimme.

Dirigent Maxime Pascal leitet die famos spielenden Wiener Philharmoniker souverän. In den drei Akten erzeugt das Orchester unterschiedliche Eindrücke. Im ersten Stumpfe nervöse Töne des Xylophons, unterstützt von dumpfen Glockenschlägen. Streicher antworten schneidend: findet François was er sucht? Im zweiten Akt ist das Orchester agil, sehr wach: François hat Offenbarung erfahren! Im dritten oszilliert der Klangkörper zwischen wuchtiger Brutalität und einfühlsamer Zartheit: der Weg ins Paradis ist ein steiniger.
Ein herausragendes Element, dass die mich die Komposition in größter Spannung auf den nächsten Klang verfolgen lässt, sind die kurzen Generalpausen. Durch sie horche ich auf, lege noch größere Hörkonzentration auf den folgenden Einsatz des Orchesters.
Die riesige Schlagwerkbesetzung passt nicht in den Graben. Links und rechts von der Bühne werden daher neben jeweils eines der Ondes Martenot auch das weitere Schlagwerk platziert. Musikalisch konzeptionell reagiert der Klagkörper im und an den Seiten des Grabens eher auf die Sänger und anders herum anstatt musikalisch zu untermalen. Ein Geheimnis lüfte ich an diesem Abend nicht: von wo aus die dritten Ondes Martenot gespielt werden, die ich „von oben“ höre.
Was für ein monumentales Werk. Die Orchesterpartitur umfasst 1500 Seiten in acht Bänden. Sie wiegt 18,5 Kilogramm. Aus dem Programmbuch: „Die von Messiaen vorgeschriebene Chor- und Orchesterbesetzung […] machte Saint François d’Assise zu der am größten besetzten Opernpartitur der Musikgeschichte.“ (S.47). Messiaen machte umfangreiche Reisen, auf denen er Vogelgesänge ins Notizbuch notierte. Er setzt diese mit Bläsern, Schlagwerk, Streichern und den Ondes Martenot musikalisch um, so Dirigent Pascal ebenfalls im Programmbuch (S.35).
Zurück auf Start.
Was für ein Anfang! In aller Stille vollzieht sich die François Entkleidung. Er bricht öffentlich mit seiner bisherigen Welt, indem er auf alle Besitztümer verzichtet. Als Zeichen dafür zieht er sich aus und übergibt die Kleidung seinen Eltern.

Im eindrucksvollen dritten Tableau „Der Kuss für den Aussätzigen“ erzeugt das Reagieren zwischen Stimmen und Orchester eine knisternde Spannung. François will die Angst gegenüber einem Aussätzigen überwinden. Ein inszenatorischer Kniff: Die Rolle des Aussätzigen teilt Castellucci auf. Auf einen alten dürren nackten Menschen, den Saint François wäscht. Und den Sänger, der sich mit zwei Engeln auf der Bühne etwas weiter entfernt bewegt. Göttliche Einsicht erfahren sowohl der Aussätzige als auch François. Diese packt Messiaen musikalisch in melodisch jauchzende und sich wie Blumen öffnende orchestrale Klänge.
Im zweiten Akt offenbart sich der Engel François. Aus dieser Inspiration heraus hält François die Vogelpredigt. Es ist sein Manifest, die Grundlage des Franziskanertums, welches seine Gefolgschaft in die Welt hinaustragen soll. In diesem sechsten Tableau setzt Messiaen zweiundzwanzig Vogelstimmen in Musik um. Wenn die Vögel in die Himmels- und Kreuzrichtungen aufbrechen, klingt das komplex. Ich kann lediglich die vier Himmelsrichtungen im Hören unterscheiden. Die Namen der Vögel werden an die Vorhangbedeckte Wand der Felsenreitschule geworfen.

Im dritten Akt komponiert Messiaen das Sterben François als zähes Ringen und Streben. François Einfahrt ins Paradies erfolgt musikalisch in drei für mich überraschend immer noch wuchtigere Klangexplosionen.
Ich erfahre menschliches Suchen. Menschliche Einsicht, ganz real! Mut. Erkenntnis. Am Ende im Chor und Orchester musikalisch heilige Wucht. Überwältigend. Trotz aller Widrigkeit: für mich ein Highlight der diesjährigen Festspiele: musikalisch wie inszenatorisch.
Frank Heublein, 16. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Strauss ARIADNE AUF NAXOS, Ersan Mondtag Regie Haus für Mozart, Salzburg, 10. August, 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Haus für Mozart, Salzburg, 7. August 2026