Fotos: Ariadne auf Naxos © SF/Thomas Auri
Ersan Mondtags Neuinszenierung von Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos
bei den Salzburger Festspielen 2026
Richard Strauss (1864 – 1949)
ARIADNE AUF NAXOS
Oper in einem Aufzuge nebst einem Vorspiel op. 60
(entstanden 1911—1912, zweite Fassung uraufgeführt 1916)
Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Musikalische Leitung: Manfred Honeck
Regie / Bühne / Kostüme: Ersan Mondtag
Licht :Franck Evin
Video: Alexander Pannier
Choreografie: Ashley Alexandra Wright
Dramaturgie: Till Briegleb
Haus für Mozart, Salzburg, 10. August, 2026
von Getong Feng
Am 2. August feierte Ersan Mondtags Neuinszenierung von Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals Ariadne auf Naxos bei den Salzburger Festspielen im Haus für Mozart Premiere. Strauss’ 1911/12 entstandene Oper bringt heitere Komödie und tragischen Ernst auf eigentümlich radikale Weise zusammen: Auf ein satirisches Vorspiel, in dem Künstler, Dienstboten und ein allmächtiger Auftraggeber um die Gestaltung eines musikalischen Banketts ringen, folgt die Geschichte der von Theseus verlassenen Ariadne, doch nicht als ungebrochene Opera seria. Auf Geheiß des Hausherrn wird sie mit dem burlesken Spiel einer Commedia-dell’ arte-Truppe um Zerbinetta verschränkt.
Diese Spannung ist der Oper bereits in ihre Entstehung eingeschrieben. In der 1912 in Stuttgart uraufgeführten Urfassung war Ariadne auf Naxos noch Teil von Strauss’ und Hofmannsthals Bearbeitung von Molières Der Bürger als Edelmann. Das Experiment, Sprechtheater, Musiktheater und die Oper miteinander zu verschränken, fiel beim Publikum jedoch durch. Für die zweite Fassung ersetzten Strauss und Hofmannsthal Molières Komödie durch ein eigens geschaffenes Vorspiel, das die Entstehung der anschließenden Oper selbst zum Gegenstand macht. Diese Fassung wurde 1916 an der Wiener Hofoper uraufgeführt.
In Salzburg steht nun genau diese zweite Fassung auf dem Programm, ein Jahrhundert nach der Salzburger Erstaufführung von 1926. Manfred Honeck dirigiert die Wiener Philharmoniker; Ersan Mondtag zeichnet für Regie, Bühne und Kostüme verantwortlich.
Ariadne auf dem Mars
Bei der Uraufführung von Ariadne auf Naxos befand sich Europa im Ersten Weltkrieg, der zu diesem Zeitpunkt bereits seine verheerendsten Ausmaße angenommen hatte. Die Welt des Großbürgertums, in der die Oper spielt, scheint davon jedoch vollkommen abgeschirmt: Man feiert Bankette, diskutiert über Kunst, handelt Privilegien aus, feilscht um Gagen und betrachtet die Oper als Unterhaltung. Während draußen eine Welt aus den Fugen gerät, hält man drinnen an alten Ritualen, gesellschaftlichen Hierarchien und kulturellen Konventionen fest und pflegt die Illusion, als sei nichts geschehen. In diesem Sinne lässt sich Ariadne auf Naxos als Spiegel einer europäischen Oberschicht lesen, die sich angesichts einer zusammenbrechenden Welt in eine selbstgeschaffene Zeitkapsel zurückzieht.

Mondtag und der Dramaturg Till Briegleb schreiben die Oper in die Gegenwart des Turbokapitalismus und seiner Astro-Fantasien fort und verlegen die Handlung an einen neuen Schauplatz: Aus der „wüsten Insel“ Naxos wird der Wüstenplanet Mars. Auf dem roten Planeten haben die Figuren eine neue, von der Erde abgekoppelte Ordnung errichtet. Damit erweitern Mondtag und Briegleb die bereits im Werk angelegte Satire auf die „großbürgerlichen Blender der Wiener Ringstraße“ um eine dezidiert politische Dimension. Sichtbar wird dabei eine der größenwahnsinnigsten Fantasien des heutigen Großkapitals: die Sehnsucht der Superreichen, sich einen Staat im Staat zu schaffen. Doch mit der alten Welt verschwinden auch ihre menschlichen Abgründe nicht: Liebe und Begehren, Eifersucht und Feindseligkeit, vor allem aber das Streben nach Macht kehren auf dem Mars wieder. Er erweist sich damit nicht als neue Welt, sondern als Zeitkapsel der Gegenwart, in der die Konflikte der irdischen Gesellschaft verdichtet und ins Extreme gesteigert fortbestehen.
Wenn die Oper ihre Geschlechterordnung hinterfragt
Eine der radikalsten und wohl auch umstrittensten Entscheidungen dieser Salzburger Inszenierung betrifft das Verhältnis zwischen Zerbinetta und dem Komponisten: Mondtag lässt zwischen den beiden eine Liebesbeziehung entstehen. Im Original ist Zerbinettas Arie Großmächtige Prinzessin als Dialog zweier Frauen über die Liebe angelegt: Ariadne steht für Treue, Zerbinetta für die Unbeständigkeit menschlicher Beziehungen. Mondtag verschiebt nun die Adressatin von Zerbinettas Arie: Sie richtet sich nicht mehr an Ariadne, sondern an den Komponisten. Dass der Komponist als Hosenrolle von einer Sängerin verkörpert wird, ist bereits im Original angelegt – ähnlich wie Cherubino in Mozarts Le nozze di Figaro. Mondtag treibt diese im Operngenre selbstverständliche Geschlechterverschiebung jedoch weiter, indem er aus der Bühnenkonvention eine Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen entstehen lässt.

Der Komponist, der Kunst als etwas Reines, Erhabenes und beinahe Sakrales begreift, trifft auf Zerbinetta, die für Veränderlichkeit steht. Aus dem Spiegelverhältnis zwischen Ariadne und Zerbinetta wird so ein neues zwischen Zerbinetta und dem Komponisten. Die Arie wird damit zu einer Auseinandersetzung damit, wie eine idealistische Künstlerin mit körperlichem Begehren und der Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit konfrontiert wird.
Das ist besonders interessant, weil Ariadne auf Naxos selbst bereits eine zutiefst metatheatralische Oper ist. Sie erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern macht die Bedingungen ihrer eigenen Entstehung und Aufführung zum Gegenstand: Wer bestimmt, was Kunst ist? Wie autonom kann ein Künstler sein? Und lassen sich „hohe Kunst“ und Unterhaltung überhaupt voneinander trennen?
Mondtag treibt diese Selbstreflexion noch weiter – in die Figuren- und Geschlechterordnung hinein. Die Hosenrolle des Komponisten wird wieder als Frau sichtbar. Die Inszenierung führt das in der Oper bereits angelegte Spiel mit Geschlechtsidentitäten weiter. Nicht nur die Kunstform selbst, sondern auch die Geschlechter und Beziehungen ihrer Figuren werden zum Gegenstand der Reflexion. Man könnte von einer Re-Metatheatralisierung sprechen.
Klang, Bewegung und Stimme
Musikalisch überzeugt die Produktion vor allem durch Manfred Honecks souveräne Leitung der Wiener Philharmoniker. Honeck lässt Strauss’ Partitur in ihrer ganzen stilistischen Spannweite aufblühen: Das federnde Parlando des Vorspiels besitzt Leichtigkeit und Präzision, während der zweite Teil seine klangliche Opulenz und dramatische Tiefe entfalten kann.

Auch Ashley Alexandra Wrights Choreografie prägt den Abend entscheidend. Die Tänzerinnen und Tänzer werden zu körperlichen Projektionen von Ariadnes innerem Zustand und machen ihre Einsamkeit, Verzweiflung und Sehnsucht sichtbar. In der eindringlichen Choreografie erlebt man, wie die auf der einsamen Insel zurückgelassene Frau ihr Schicksal immer wieder durchlebt, reflektiert und schließlich neue Kraft daraus schöpft. Ihre Präsenz erzeugt Bilder von großer visueller Wucht, die zugleich psychologisch nachwirken. Alexander Panniers Videodesign verstärkt diesen Eindruck mit einer futuristischen Ästhetik, die die Bühnenwelt endgültig aus der historischen Sphäre herauslöst.

Bei den Sängerinnen und Sängern überzeugt Christina Nilsson als Ariadne mit einer klaren, leuchtenden Sopranstimme, die der Figur zugleich Würde und Verletzlichkeit verleiht. Ziyi Dai gestaltet Zerbinetta mit großer Beweglichkeit und vokaler Brillanz. Ihre „Großmächtige Prinzessin“ im zweiten Teil ist ein Höhepunkt des Abends: virtuos, souverän und von großer Bühnenpräsenz. Der lang anhaltende Jubel des Publikums war entsprechend eindrucksvoll.

Kate Lindsey gibt dem Komponisten eine eindringliche Mischung aus Idealismus, Empfindsamkeit und jugendlicher Unbedingtheit. Eric Cutler schließlich stattet Bacchus mit tenoraler Kraft und eindrucksvoller Bühnenpräsenz aus und setzt damit einen markanten Schlusspunkt.
Getong Feng, 16. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Haus für Mozart, Salzburg, 7. August 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Haus für Mozart, Salzburg, 2. August 2026
Blu-Ray: Richard Strauss Ariadne auf Naxos klassik-begeistert.de, 8. Mai 2023