So romantisch ist „Die Walküre“ nur selten zu erleben

Richard Wagner Die Walküre (1870) Donald Runnicles  Deutsche Oper Berlin, 17. Mai 2026

Fotos: Walküre DO (c) Bettina Stöß

Der ehemalige GMD Donald Runnicles überrascht mit einer ungewohnt zarten, hochromantischen Walküre. Getragen vom Wälsungenpaar Elisabeth Teige und Matthew Newlin sowie einem überragenden Jordan Shanahan als gebrochenen Wotan, kann der Abend nahtlos an den starken Auftakt anschließen. Während es musikalisch funkelt, verliert sich Stefan Herheims Inszenierung nun endgültig in Kofferbergen, Statistenchaos und peinlicher Pantomime.

Richard Wagner
Die Walküre (1870)

Siegmund: Matthew Newlin
Hunding: Tobias Kehrer
Wotan: Jordan Shanahan
Sieglinde: Elisabeth Teige
Fricka: Annika Schlicht
Brünnhilde: Trine Møller

Musikalische Leitung: Donald Runnicles

Inszenierung: Stefan Herheim

Deutsche Oper Berlin, 17. Mai 2026

von Arthur Bertelsmann

Keine 20 Stunden ist der Start des handwerklich ausgezeichneten Rheingolds  her, und nun geht es direkt weiter mit dem beliebtesten Teil der Tetralogie „Der Walküre“. Auch dieser Abend ist nicht  ausverkauft, allerdings scheinen ein paar leere Plätze vom Vortag nun gefüllt worden zu sein.

Auch einen Tag später schwirrt ein wenig der Kopf angesichts der überbordenden und verqueren Regie von Stefan Herheim, doch das ist mit dem immer wieder umwerfenden Walküren-Vorspiel wie weggeblasen.

Dirigent Runnicles, der es am Vorabend noch zurückhaltend angegangen ist, wagt deutlich mehr als viel Interpretation. Hier setzt der Brite nicht auf Knalleffekt und Apokalypse, sondern beginnt im furiose Vorspiel fast zärtlich. Das gilt auch für den restlichen ersten Akt, der selten so betörend und romantisch erklingen darf.

Getragen wird dies überdeutlich von Elisabeth Teige und Matthew Newlin. Während Teige einfühlsam,regelrecht mütterlich die liebende Sieglinde mimt, ist Matthew Newlin ein Held der Sonderklasse: Überschäumend von Selbstvertrauen, Furchtlosigkeit und Dummheit, stellt er sich – den durch Tobias Kehrer vortrefflich finster gesungenen Hunding – und dem Rest der Welt in den Weg.

Allerdings fangen nach dem glänzenden Start erstmals in diesem Zyklus die Probleme an. Hin und wieder greift Runnicles zu arg langsamen Tempi, Todverkündung und der Brünnhilde-Siegmund-Dialog schleppen sich ein wenig. Und auch die titelgebende Walküre kann leider nicht ganz überzeugen, Trine Møller ist zwar wunderbar emphatisch, aber leider einen Tick zu passiv und kindlich, zu wenig kämpferisch, um wirklich glaubhaft den ständig schäumenden Wotan umstimmen zu können.

Walküre DO (c) Bettina Stöß

Allerdings ist fraglich, ob der statt von Iain Peterson nun von Jordan Shanahan gesungene Göttervater eine feurige Brünnhilde braucht, denn der ist bei seinem ersten Auftritt ein zum wimmernden Wrack verkommenes Häuflein, die Degradierung vom Göttervater zum gebrochenen Individuum ist allerdings angesichts seiner durch Annika Schlicht wirklich fabelhaft manipulativen-sadistischen gespielten Fricka auch mehr als angemessen.

Schluchzend und mit perfekter Phrasierung meistert der Amerikaner die Mega-Monologe, die wohl zu dem dramatischsten und mitreißendsten gehören, was Wagner je geschrieben hat. Ist die Gattin im dritten Akt verschwunden, verwandelt sich der im weißen Anzug gekleidete Gott und kann nun die ganze Vielseitigkeit der komplexen Figur ausarbeiten: Vom cholerischen Machthaber bis zum melancholischen Vatern ist alles im wohlklingenden Bariton drin.

Walküre DO (c) Bettina Stöß

Das ist wirklich bitter nötig, denn Herheims Inszenierung zeigt diesmal deutlich, welche Tiefpunkte an einem Opernabende erreicht werden können. Erzählerisch passiert diesmal so gut wie gar nichts, wieder Kofferparaden und Kofferberge, wieder ein sinnloses Statistenmeer, gepaart mit lahmen Rumstehtheater und altbackenen Operngesten.

Das Nervtötendste ist jedoch ein Regieeinfall, der den gesamten ersten Akt andauert: statt einem spannenden Kammerspiel zwischen Siegmund, Sieglinde und Hunding hopst eine Pantomime herum, die die Gefühlszustände der Drei unterstreichen soll. Wenn ein Regisseur gar kein Vertrauen zu Libretto und Partitur hat, muss wohl zu solchen Mitteln gegriffen werden. Peinlich.

Ganz zum Schluss gibt es einen kleinen Lichtblick: Untermalt von der traumhaften Melodie des Zaubers sehen wir, wie der frisch geborene Siegfried von Mime  (verkleidet als Wagner) gestohlen und mit der Musik des Feuerzaubers in den Schlaf gewiegt wird. Hier bekommt Herheim erstmals Meta-Ebene und Libretto zusammen, daran lässt sich anknüpfen! Hoffentlich…

Arthur Bertelsmann, 21. Mai 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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