In Düsseldorf reißt heute der richtige Ton die Zuschauer von den Sitzen

Düsseldorfer Symphoniker, David Reiland, Dirigent  Tonhalle Düsseldorf, 12. Juni 2026

Sternzeichen Reiland Gadjiev © Susanne Diesner

Ob durch Eiseskälte, romantische Wärme oder feurige Wunder …

Was daraus entsteht, ist eine Sternstunde der Orchestermusik. In keinem Moment hat man das Gefühl, dass das Orchester oder Dirigent David Reiland hier die Kontrolle verlieren würden. Auch hier ist alles wie aus einem Guss! Dass es die Zuhörer darauf aus ihren Sitzen reißt und sie das Orchester am Ende jubelnd feiern, erscheint bei so einer Leistung nur folgerichtig. Wer so begeistert, hat allen Beifall verdient! Heute haben diese Künstler jedenfalls gezeigt, welche Klasse in ihnen steckt. Gerne weiter so!

Düsseldorfer Symphoniker
David Reiland, Dirigent

Alexander Gadjiev, Klavier

Jean Sibelius
– Tapiola – Tondichtung für großes Orchester, op. 112, 1926
Robert Schumann – Konzert für Klavier und Orchester a-moll, op. 54, 1845
Igor Strawinsky – Der Feuervogel – symphonische Suite (Fassung von 1945)

Zugabe:

Robert Schumann – “der Dichter spricht”, op. 15 XIII

Tonhalle Düsseldorf, 12. Juni 2026

von Daniel Janz

Wer sind eigentlich die drei großen „S“ der Klassik? Wer an Strauss denkt, liegt jedenfalls nicht falsch, egal ob mit Vornamen Johann oder Richard. Schubert, Schmidt und Schostakowitsch sind weitere Kandidaten, Kenner würden sicher auch Saint-Saëns, Salieri, Stockhausen und viele andere nennen. In der Tonhalle Düsseldorf entscheidet man sich heute für Sibelius, Schumann und Strawinsky – und liegt damit goldrichtig!

Die ungewöhnliche Programmzusammenstellung dieser drei Komponisten ist ihrem Bezug zu Tschaikowsky geschuldet. Sibelius soll ihm mangelnde Strenge vorgeworfen haben. Schumann indes soll einer der Lieblingskomponisten Tschaikowskys gewesen sein. Und Strawinsky soll sich wiederum üppig an Tschaikowskys Orchestersatz bedient haben. Ob das genug Erklärung für einen roten Faden ist? Der Rezensent hat zu Beginn des Konzerts Zweifel. Aber überzeugen muss ja letztendlich die Musik!

Alles aus demselben Guss ist nicht immer die beste Wahl

 Das erste Werk des Abends taucht direkt in die eisigen Gefilde Finnlands ein. Wie ins Meer stürzende Brocken eines Eisbergs brechen in Sibelius’ Tapiola immer wieder bedrohliche Blechbläserstöße in das Auf- und Abtauchen der Streicher ein. Schnell kristallisiert sich ein Hauptmotiv heraus, das trotz sehr freier Kompositionsform stets im Vordergrund bleibt. Selbst gegen die Akkorde der Klarinetten und Fagotte, die so brummen, als wollten sie das Publikum hypnotisieren, setzt es sich durch. Kontraste, die Streicher, Flöten und Hörner dazu aufwerfen, haben etwas regelrecht Magisches.

Sternzeichen Reiland Gadjiev © Susanne Diesner

Das Gelingen dieses Werks hängt maßgeblich von der Interpretation ab. Vor diesem Hintergrund verdienen David Reiland und die Düsseldorfer Symphoniker großes Lob. Denn das Wechselspiel der Kontraste gelingt ihnen von den leisesten bis in die lautesten Stellen fabelhaft. Stets hat der belgische Dirigent, der in wenigen Tagen seinen 50. Geburtstag feiern darf, die Balance im Griff. Jede Stimme tritt klar in Erscheinung – ob im Solo oder Tutti, alles brilliert. So formt sich unter diesen fähigen Händen aus einer Komposition, die ein paar Kürzungen vertragen hätte, ein beeindruckend gespieltes und fantastisch interpretiertes Klangerlebnis. Als wäre alles aus einem Guss!

Sternzeichen Reiland Gadjiev © Susanne Diesner

Aus einem Guss erklingt auch das Klavierkonzert von Robert Schumann. In Bezug auf das Wechselspiel zwischen Orchester und Klavier stellt sich das positiv dar – nicht einmal stellt sich das Gefühl gegenseitiger Behinderung ein. Die Motivübergänge gelingen fließend, das Royale der Komposition kommt so gut zur Geltung. Auf Dirigent und Ensemble bezogen, lässt sich das gute Fazit zu Sibelius fast eins zu eins übertragen.

In Bezug auf den Solisten fällt aber ein Fehlen interpretatorischer Mitteln auf. Alexander Gadjiev (31) aus Italien outet sich hier als Jungtalent, dem Fingerfertigkeit und Filigranität wohl in die Wiege gelegt zu sein scheinen. Wie seine Finger über die Klaviatur rasen, ist schon beeindruckend. Zu kurz kommt jedoch die Variabilität der Klangansätze. Jeder Ton, egal ob Fortefortissimo bis hin zum Pianissimo klingt gleich. Das hat etwas Akademisiertes. Emotionalisierung sucht man jedoch vergeblich.

Besonders fällt das im zweiten Satz auf. Hier müssten die Töne von den Tasten perlen, als ob ein Windhauch sie leicht aus dem Flügel streichelt. Gadjiev spielt jedoch so, als würde ein Hirsch über die Klaviatur stapfen. Den Motiven fehlt jegliche Zärtlichkeit, alles ist eben wie aus einem Guss. Das mag kein Ausschlusskriterium sein. Filigranität hat schließlich auch ihre Berechtigung, wie der Applaus am Ende des Werkes sowie nach Gadjievs Zugabe demonstrieren (der direkte Sitznachbar vom Rezensenten ist sogar eine von zwei Personen, die mehrere Bravorufe ausstoßen). Doch der Rezensent empfand dies als Langeweile pur. Schumanns Klavierkonzert kennt er viel ergreifender.

Das größte Wunder vollbringt eine mystische Feuerfigur

Zu Höheflügen schwingen sich die Düsseldorfer Symphoniker nach der Pause auf. Strawinskys Feuervogel-Suite gelingt ihnen von der ersten Note an. Man weiß gar nicht, worauf man bei dieser prächtigen Musik zuerst achten soll. Die Streicher brillieren in jedem Einsatz. Ob die mystisch schreitenden Motive in der Tiefe, hektisch flirrende Figuren der Violinen, oder breite Klänge voller Magie – alles gelingt vortrefflich.

Dazu gesellen sich fantastisch abgestimmte Bläsereinsätze. Schwierigkeiten in der Balance, wie sie immer wieder in diesem Saal vorkommen, gibt es heute keine. Flöten und Klarinetten sorgen in der Höhe für Glanzmomente, in tieferer Lage gesellt sich auch die Altflöte dazu. Die Oboen entfalten ihre ganze Wärme – besonders im Solo strahlt es. Traumhafte Klänge kommen auch von den Fagotten. Und das Horn kann im Solo gleich mehrmals seinen Edelmut versprühen. Sparsam aber effektvoll gewählte Einsätze von Klavier und Harfe tun ihr Übriges, dieses besondere Erlebnis zu formen.

Sternzeichen Reiland Gadjiev © Susanne Diesner

Doch auch in den Vollen begeistert diese Aufführung. Als die Handlung zum Auftritt des Zauberers Kostschej kommt, kracht und donnert es. Zum ersten Mal ist das volle Schlagwerk da und wird von Trompeten- und Posaunenschmettern inklusive aller 4 Hörner gestützt. Wie sie hier zum Pauken- und Trommeldonnern oder zum Tanz des Xylophons mitreißen, beeindruckt. Der sich entfaltende Klang ergreift so sehr, dass diese Szene mühelos zur Glanzleistung des Abends wird. Gerne hätte man vor ein paar Wochen Strawinskys Sacre du printemps in derselben Dynamik gehört.

Was daraus entsteht, ist eine Sternstunde der Orchestermusik. In keinem Moment hat man das Gefühl, dass das Orchester oder Dirigent David Reiland hier die Kontrolle verlieren würden. Auch hier ist alles wie aus einem Guss! Dass es die Zuhörer darauf aus ihren Sitzen reißt und sie das Orchester am Ende jubelnd feiern, erscheint bei so einer Leistung nur folgerichtig. Wer so begeistert, hat allen Beifall verdient! Heute haben diese Künstler jedenfalls gezeigt, welche Klasse in ihnen steckt. Gerne weiter so!

Daniel Janz, 15. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

100 Jahre Jubiläum, Ádám Fischer, Dirigent, Düsseldorfer Symphoniker Tonhalle Düsseldorf, 8. Mai 2026

Daniels Anti-Klassiker 56: Strawinskys „Sacre du printemps“ klassik-begeistert.de, 26. Januar 2025

CD-Besprechung: Christian Tetzlaff, Violine/Nicholas Collon/Sibelius klassik-begeistert.de, 6. Juni 2025

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