Selbst Spitzenorchester beißen sich am ‚Sacre‘ die Zähne aus

Tschechische Philharmonie Semyon Bychkov, Sol Gabetta, Violoncello  Tonhalle Düsseldorf, 27. April 2026

Foto: Bychkov (c) Petr Chodura CF Tour Dusseldorf Koncert_LR

Die Tschechische Philharmonie ist ein Orchester von Rang und Namen, was sie nicht zuletzt auch ihrem Chefdirigenten Semyon Bychkov (73) zu verdanken haben. Seit er 2018 dieses Orchester übernommen hat, streifen sie immer wieder durchs Rheinland und geben dort Gastkonzerte, die regelmäßig ausverkauft sind. Wenn diese Gäste uns mit ihrer Kunst beglücken, ist das aber auch immer den Besuch wert. So auch heute an diesem Montagabend, an dem sie nicht nur Werke aus der höchsten Liga, sondern mit Sol Gabetta auch noch einen Weltstar am Cello mitbringen.

Tschechische Philharmonie
Semyon Bychkov, Dirigent

Sol Gabetta, Violoncello

Antonín Dvorák – Karneval Ouvertüre op. 92 (1891)
Edvard Elgar – Konzert für Violoncello und Orchester e-moll op. 85 (1919)
Igor Strawinsky – Le Sacre du printemps (1910–13)

Zugabe:

Robert Schumann – aus: 5 Stücke im Volkston, op. 102, Nr. 2

Tonhalle Düsseldorf, 27. April 2026

von Daniel Janz

Die erste Hälfte schwankt zwischen Feiern und Schwelgen

Der Beginn des Konzerts könnte kaum spaßiger sein. Dvoráks Karneval-Ouvertüre ist ein klassisches Paradestück. Schon die ersten Töne des fröhlichen Werks gehen in die Vollen. Es wechseln sich verspielte Soli mit teils schmachtenden, teils tänzerisch schreitenden Rhythmen in Pauke und Kontrabässen ab. Flöte und Englischhorn brillieren im Solo, bevor der fulminante Abschluss eine Sternstunde formt. Alles unter einem Dirigat, das die Details perfekt hervorhebt – besser geht’s nicht.
Auch Elgars Cellokonzert lädt zum Schwelgen ein. Fröhliche Klänge finden sich hier allerdings nur selten und sind sehr verstreut. Viel eher badet dieses Werk in einer Mischung aus Melancholie und Schwermut und taucht dabei tief in seine ihm innewohnende Trauer ein. Das macht diese sperrige Musik schwer im Zugang – ihm fehlt die Brillanz anderer Cellokonzerte. Gleichzeitig ist es voller Ideen, die sich aber in ihrem Trauersog verlieren. Kein Wunder, dass es sich erst mit der Zeit bewährte.

Kenner behandeln dieses Werk dennoch als eines der wichtigsten Repertoirestücke. So auch die französisch-schweizerische Solistin
Sol Gabetta (45), die diesem Stück eine besondere Bedeutung zumisst. Ihr Einstieg ist direkt und schnörkellos – kein Vorspiel, keine filigranen Klänge, sondern der harte, harsche Klang ihres klagenden Cellos. Von Anfang an ist sie voll da und verdeutlicht: Das hier ist ein Werk voller Ernst und Sehnsucht nach einer besseren Zeit. Zeitweise bäumt sich ihr Klang gegen das Orchester auf – aber im positiven Sinn. Organisch taucht der Gesang ihres Instruments in den Orchesterklang ab, um dann schmachtend neu emporzusteigen.

Auch filigrane Momente scheinen Gabetta leicht von der Hand zu gehen. Bereits das Gefühlsbetonte füllt sie mit Nuancen, die ihresgleichen suchen. Ende des ersten Satzes darf sie dann andeuten, was sich im dritten entfaltet, während sich der zweite Satz in seiner Tristesse suhlt. Obwohl dem Werk herausstechende Höhepunkte fehlen, berührt gerade auch die Coda. Immer wieder stimmt Gabettas Cello zum Abgesang ein, nur um im letzten Ton vom angestrebten Schluss abzuweichen und schließlich noch einmal in den unversöhnlichen Klängen vom Beginn des ersten Satzes zu enden.

Was Sol Gabetta und das von Semyon Bychkov fabelhaft geleitete Orchester daraus zeichnen, ist eine Atmosphäre voller Intimität und Tiefsinn. Ja, stellenweise fragt man sich, wozu Elgar dieses große Orchester braucht, wenn er es nur so sparsam einsetzt. Ende des ersten Weltkriegs wollte niemand so eine musikalische Askese hören. Zur heutigen Welt passt dieses zerrissenes Werk voller Weltschmerz aber wie kaum ein anderes. Noch dazu, wenn es so gut gespielt wird.

Das weiß auch das Publikum mit kaum enden wollendem Applaus und einigen Bravo-Rufen zu würdigen. Dass Sol Gabetta und die Cellisten des Orchesters im Anschluss mit Schumann einen ähnlich nachdenklichen Ton anstimmen, ist da nur folgerichtig. Auch dieses Werk lädt zum Schwelgen, vor allem aber zum Genießen ein. Und im Gegensatz zu Elgar endet Schumanns kurzes Stück auch versöhnlich.

Foto: Bychkov (c) Petr Chodura CF Tour Dusseldorf Koncert_LR

Nach der Pause ist es, als würde ein anderes Orchester spielen

In der zweiten Hälfte wird Strawinskys „Sacre du printemps“ wieder mal seinem Ruf als Orchesterschreck gerecht. Der Tschechischen Philharmonie, einem Ensemble von Rang und Namen, hätte man eigentlich ein Bestehen mit Bravour zugetraut. Doch die Musiker wirken nach der Pause wie ausgewechselt – und das verheißt beim Sacre nichts Gutes. Schon seine Uraufführung sorgte für einen handfesten Skandal. So weit geht es heute zwar nicht. Aber die Gäste stoßen hier doch an ihre Grenzen.

Da ist zum einen die fragwürdige Wahl der Tempi. Die erste Hälfte krankt an der sich daraus entwickelnden, unausgewogenen Dynamik. Als die Streicher zum Tanz der jungen Mädchen einsetzen, fehlt das Explosive komplett. Viele Staccati bleiben einfach liegen oder werden wie zäher Kleister künstlich in die Länge gezogen. Und die Entführungsspiele wirken gar zahn- und spannungslos. Unglücklich ist auch, dass der Frühlingsreigen danach zu schnell gelingt und als Kontrast so gar nicht herhalten will.

Diese Interpretation fällt auch durch eine eigenwillige Orchesterbehandlung auf. So spielen 2 Tuben und 2 Kontrafagotte, die in der Tiefe für besonders viel Kraft sorgen. In vollen Stellen sorgt das für einen besonderen Durchschlag. Aber in ruhigeren Stellen ist es zu viel Geknarre. Am ärgerlichsten ist aber, dass das Schlagzeug lange hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Das Tamtam ist durchgängig kaum zu hören. Effekte, wie beim Auftritt des Stammesältesten gehen vollständig unter. Und die erste Pauke ist oftmals so leise, dass man zeitweise Angst hat, der Paukist würde gleich im Sitzen einschlafen. Explosivität und Kraft sucht man jedenfalls lange vergeblich.

Immerhin fallen auch positive Aspekte auf. Die Holzbläser sind durch die Bank weg gut bist hervorragend, auch Hörner und Posaunen geben eine solide Leistung ab. Die Trompeten inklusive der Basstrompete stechen durch ihren scharfen Klang heraus. Und die Streicher spielen das, was Bychkov ihnen aufträgt. Man mag vielleicht nicht mit allen Akzenten einverstanden sein, die er hier setzt. Aber spielerisch kann man den Musikern daraus keinen Vorwurf machen. Was bleibt ist damit am Ende zwar keine Glanzleistung, aber immerhin noch eine Aufführung, die ihre Momente bietet. Trotzdem: Von einem Orchester mit Rang und Namen erwartet man eigentlich mehr.

Daniel Janz, 28. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Semyon Bychkov, Dirigent, Tschechische Philharmonie Musikverein Wien, 2. und 3. März 2025

Strawinsky in Paris – zweiteiliger Ballettabend Staatstheater am Gärtnerplatztheater, München, 17. Juli 2025

Daniels Anti-Klassiker 56: Strawinskys „Sacre du printemps“ klassik-begeistert.de, 26. Januar 2025

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