Klein beleuchtet kurz 72: Monteverdis L`Orfeo entzückt das Publikum in der Elphi

Klein beleuchtet kurz 72: Monteverdis L`Orfeo  Elbphilharmonie, 28. April 2026

Schlussapplaus mit Ensemble bei Monteverdis L`Orfeo; Foto Patrik Klein)

Einer der Höhepunkte der laufenden Saison bringt am Ende das Publikum in einen wahren Ausbruch der Zustimmung – eine der ersten Opern der Musikgeschichte in berauschender musikalischer Qualität – nur so kommt der feine Klang des besten Konzertsaals der Welt zu wahrer Geltung.

Claudio Monteverdi
L’Orfeo / Favola in musica

Cappella Mediterranea

Chœur de Chambre de Namur

Dirigent: Leonardo García-Alarcón

Elbphilharmonie Hamburg, 28. April 2026

von Patrik Klein

Wer hätte das gedacht, dass man beseelt und mit Glücksgefühlen das Haus verlässt, eine der ersten Opernaufführungen der Geschichte in außerordentlicher musikalischer Qualität gerade erlebt zu haben? – sensationell!

Claudio Monteverdis L’Orfeo (Uraufführung 1607 in Mantua) gilt als der erste große Meilenstein und das erste vollendete Meisterwerk der Operngeschichte.
Die Geburt eines Genres: Auch wenn es frühere Versuche gab, ist L’Orfeo die erste Oper, die Musik, Drama und Text zu einer psychologisch tiefgründigen Einheit verschmolz. Monteverdi nannte das Werk selbst eine „Favola in Musica“ (Fabel in Musik).

Die Handlung basiert auf dem antiken Orpheus-Mythos. Der Sänger Orpheus versucht, seine verstorbene Braut Eurydike mit der schieren Kraft seines Gesangs aus der Unterwelt zurückzuholen. Zentrales Thema ist dabei die Fähigkeit der Musik, Emotionen zu wecken und sogar den Tod herauszufordern.

Monteverdi stellte darin den Text über die Musik. Durch den Einsatz des Rezitativs konnte die Handlung vorangetrieben werden, während Arien die Gefühle vertieften. Zudem nutzte er ein für die Zeit ungewöhnlich großes und differenziertes Orchester, um unterschiedliche Atmosphären – wie die helle Oberwelt und die düstere Unterwelt – klanglich darzustellen.

Jetzt weiß man ja, dass konzertante Opern in der Hamburger Elbphilharmonie so ihre Tücken haben kann, wenn man die Sänger nur an der Rampe positioniert oder das Orchester einfach zu laut alles Feine abdecken lässt. Weit gefehlt, denn der erfahrene Dirigent des Abends, Leonardo García-Alarcón machte alles richtig bei den Stellschrauben, die ihm zu Verfügung standen.

Da schlich sich im Finsteren der Chor aus den Seitenbereichen des Saales singend herein, tauchte die Zuhörerschaft in die Zeiten der Entstehung der Oper – man fühlte sich wie auf einem mittelalterlichen Markt mit all seinen Klängen und Emotionen.
Da tauchten Musiker in den oberen Rängen auf und gaben ihren Part raumfüllend und in 3D zum Besten. Auch die Solisten nutzten nicht nur das Podium, sondern den gesamten Saal, um die Wirkung ihrer Aussagen musikalisch zu erweitern.

Mit dieser Auffächerung des Klangs mit Nutzung des gesamten Saales durch Chor, Orchester und Solisten gelang die revolutionäre Verbindung von dramatischer Wahrheit und emotionaler Vielfalt in unnachahmlicher Weise.

(Schlussapplaus mit Mariana Flores, Valerio Contaldo, Leonardo García-Alarcón und Ensemble; Foto Patrik Klein)

Musikalisch blieben absolut keine Wünsche offen. Präzise musizierten und sangen das Orchester und der Chor. Selten hörte man zudem ein so ausbalanciertes auf allerhöchstem Niveau singendes Solistenensemble. Allen voran das Protagonistenpaar Orfeo und Eurydike.

Mit Mariana Flores und Valerio Contaldo standen Stimmen im Zentrum, die fein deklamatorisch sangen, um den Rhythmus und die Melodie der Sprache zu verdeutlichen und die Emotionen unmittelbar zu übertragen. Sowohl die tief berührenden Klagegesänge Orfeos, als auch Eurydikes reine und klare Unschuld mit der Zerbrechlichkeit des Glücks gelangen vorzüglich.

Als nach über 150 Minuten das Licht endgültig erlosch, machte sich für dieses Genre im Haus in der Hafen City ein nie für möglich gehaltener Jubel breit – zu recht.

Patrik Klein, 29. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung: 

Valerio Contaldo, Orfeo
Mariana Flores, Euridice, La Musica, Proserpina
Giuseppina Bridelli, La Messaggiera, La Speranza
Edward Grint, Plutone
Salvo Vitale, Caronte
Alessandro Giangrande, Pastore, Apollo
Leandro Marziotte, Pastore
Matteo Bellotto, Pastore
Nicholas Scott, Pastore, Spirito, Eco
Estelle Lefort, Ninfa
Philippe Favette, Spirito 2

(c) Patrik Klein

Der klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg verbrachte, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein großes Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier nun auch regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!

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