GANYMED öffnet die Wunden des Spiegelgrunds

GANYMED AREAL, Jacqueline Kornmüller  Otto-Wagner-Areal, 13. Juni 2026

Otto Wagner Areal © STADTpsychologie / Jasper Brockmann

Wo einst NS-Terror herrschte, setzten Künstler ein Zeichen. 

GANYMED AREAL macht das Otto-Wagner-Areal zum wohl eindrucksvollsten Geschichtsparcours Wiens. 

GANYMED AREAL, Otto-Wagner-Areal, 13. Juni 2026

Jacqueline Kornmüller
, Inszenierung

Texte von Amélie Nothomb, Monika Helfer, Milena Michiko Flasar, Christine Lavant, Clemens Setz, Jacob Hein und Franz Schuh.

Kompositionen von Johanna Doderer, Andras Dés, Hibiki Kojima, Mona Matbou Riahi, Peter Rom, Den Strottern und dem Bläserensemble Federspiel

von Jürgen Pathy

„Sie starb an einer Lungenentzündung.“ Wer die Geschichte hinter dem Otto-Wagner-Areal kennt, dem zieht es bei diesen Worten die Eingeweide zusammen. Es ist harter Tobak, den Schauspielerin Andrea Eckert in der ehemaligen Pathologie des Otto-Wagner-Spitals auf die Bühne bringt, begleitet von Orgelmusik. Genauer gesagt in der Prosektur, wo man einst die Leichenöffnungen vorgenommen hatte.

An der Wand hängt ein riesiges Kreuz, sicherlich sechs Meter hoch, mit Jesus Christus darauf. An diesem Ort wurden bis in die 2000er-Jahre Gehirne aufbewahrt, die während der NS-Herrschaft den Opfern der sogenannten „Kindereuthanasie“ entnommen worden waren. Ein Mahnmal vor dem Jugendstiltheater erinnert an diese ermordeten Kinder und Jugendlichen vom Spiegelgrund, so hieß das Otto-Wagner-Spital von 1940 bis 1945. Es sind 772 Lichtstelen, die nachts dem Gelände eine eigene Mystik verleihen.

Auf Klapphockern durch das Otto-Wagner-Areal

Das Jugendstiltheater ist auch der Ausgangspunkt meines „Wandertheaters“. GANYMED AREAL nennt sich das Projekt, das Regisseurin Jacqueline Kornmüller auf die Beine gestellt hat. In 8 der insgesamt rund 35 denkmalgeschützten Pavillons präsentieren junge Künstler eine Auseinandersetzung mit dieser Geschichte. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Musik und Schauspiel sind immer dabei. Überwiegend als Zwei-Personen-Stück, bei Tanzeinlagen auch schon im Ensemble.

In einem sehr intimen Rahmen, in dem man mit seinen ausgeborgten Klapphockern mitten im Raum Platz nimmt. Die Leistung der Künstler kann man nicht hoch genug einschätzen. In rund drei Stunden spulen sie ihr Programm zehn bis zwölf Mal ab. Im Zehn-Minuten-Takt, denn nur rund 60 Personen dürfen gleichzeitig in einen bespielten Pavillon. Für den Rest der Wanderer heißt es warten und Glück haben. Alle 12 Stationen schafft man in dieser Zeit kaum. Muss man auch nicht. Aber die Reihenfolge sollte man gezielt starten – oder besser enden – lassen.

Warum endet GANYMED am besten in der Pathologie?

Die Pathologie sollte für jeden der Abschluss sein. Das ist wie bei einer Mahler Drei, danach muss man auch keinen Beethoven mehr hören. Es ist einfach zu ergreifend, mitten in diesem Raum zu sitzen, der so widersprüchlich ist. Zum Text von Monika Helfer, der Frau des Schriftstellers Michael Köhlmeier, erzählt Andrea Eckert die Geschichte ihrer Tochter, die sterben musste.

Das Wort „Lungenentzündung“ fährt mir durch Haut und Knochen. Die Nazis hatten nachts das „unwerte Leben“, so nannten sie es, auf die Balkone geschoben. Mit dem Wissen, dass sich die Kinder in der Kälte den Tod holen würden. Getarnten Mord muss man das nennen, was unter der Leitung des österreichischen Arztes Heinrich Gross hier geschehen war. Tatsächlich wurden viele Todesfälle später als Lungenentzündungen oder andere Infektionskrankheiten ausgewiesen.

Die Täter-Opfer-Beziehung steht bei Ganymed oft im Mittelpunkt. Am Spiegelgrund hieß das: Arzt/Pfleger zu Patient. Das wird an einigen Stationen deutlich, anhand des Arztkittels oder des Patientenhemds, in denen die Schauspieler und Musiker stecken. Bei der „Entdeckung des Gedankens“ im Pavillon W zum Beispiel, wo Peter Wolf einen Neurologen mimt, der auf makaber-lustige Art die Perversion dieses Systems darstellt. Begleitet von Peter Rom an der E-Gitarre.

Musik spielt in jedem der Stücke eine wichtige Rolle. Es ist eine Art Liederabend auf unterschiedlichsten Instrumenten (Gitarre, Orgel, Klarinette, Viola u.m.). Bedrückend alles. Musiker und Darsteller auf Augenhöhe – beide unerlässlich für die Wirkung dieser Aufarbeitung.

Was wohl der Salesianer-Pfarrer dazu sagen würde?

Selbst die Otto-Wagner-Kirche wird Teil dieser Reise, die durch eine dunkle Zeit unserer Geschichte führt. „Sonntags“ nennt sich die Tanz- und Musikeinlage der jungen iranischen Künstlerin Mona Matbou Riahi. Zu mystischen Klängen auf ihrer Klarinette rekelt sich ein Tänzer auf dem Boden der Jugendstil-Kirche. Alles deutet auf die Qualen eines Patienten hin.

Die Künstler allesamt: hervorragend. Studierende der MUK, der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, neben etablierten Größen wie dem Bläserensemble Federspiel oder eben der gefragten Schauspielerin Andrea Eckert. Die MUK soll bis 2030 auf das Otto-Wagner-Areal übersiedeln und dort einen Teil ihrer neuen Wirkungsstätte finden. Es ist nicht nur düster, auch rührend, was die Künstler jetzt schon zum Einstand liefern.

GANYMED AREAL – ein Pflichtbesuch für alle, die noch eine Karte ergattern können.

Jürgen Pathy, 15. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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