Argerich, Bashkirova und Barenboim schmücken das Chamber Music Festival 2026

Intonation Chamber Music Festival 2026   Kühlhaus Berlin, 11. Juni bis 14. Juni 2026

Fotos Copyright: Lionel Tan

„INTONATIONS“
Chamber Music Festival 2026
vom 11. bis 14. Juni 2026

MARTHA ARGERICH, ELENA BASHKIROVA und DANIEL BARENBOIM stehen an der Spitze einer illustren Schar von Sängern und Instrumentalisten 

von Dr. Ingo Waltenberger

Große Dankbarkeit und unendliches Glück werden viele Musikbegeisterte empfinden. Denn die Grande Dame der Klavierkunst, Martha Argerich, adelt das wohl beste und ambitionierteste Kammermusikfestival der deutschen Hauptstadt mit vier Auftritten.

Am 5. Juni feierte sie ihren 85. Geburtstag. Als Pianistin ist sie genau so taufrisch, passioniert und kompromisslos grundehrlich, wie sie das eh und je war. Sie braucht keine pseudokünstlerische Folklore wie andere Stars. Mir fällt da etwa als Gegenbeispiel das minutenlange sauertöpfische Zurechtrücken des Klavierschemels bei einem Konzert von Arturo Benedetti Michelangeli ein.

Nein, Martha Argerich ist anders. Sie kommt auf die Bühne, setzt sich an den Flügel, ein kurzer Blick zum Partner, und los geht’s. Im Eröffnungskonzert am 11. Juni stand die Violinsonate in F-Dur, Nr. 5, op. 24 „Frühling“ von Ludwig van Beethoven mit dem russischen Geiger Boris Brovtsyn auf dem Programm.

Unprätentiös, immer ganz sie selbst in der keine Emotion versteckenden Mimik und mit bodenständiger Musikalität beschenkt wie kaum eine zweite, lässt sie das Publikum mit dieser vielleicht schönsten Violinsonate Beethovens kostbare Momente pastoraler Einkehr und gefühlten Aufbruchs von Natur und Mensch in mannigfaltiger Art erleben.

(c) Lionel Tan

Locker dialogisierend mit der Violine im wie auf Flügeln dahinschwebenden ersten Satz gehört das Adagio molto espressivo ganz ihr. Im Vergleich zu ihrer maßstabsetzenden Aufnahme mit Gidon Kremer aus dem Jahr 1987 für die Deutsche Grammophon hat ihre aktuelle Interpretation nichts vom Zauber der Spontanität, dem dynamischen Abgleich vom kraftvoll temperamentvollen Zugriff und entmaterialisiert wirkenden Pianoperlagen eingebüßt.

Im Gegenteil: Die Selbstverständlichkeit, mit der Argerich Stimmungsbilder erstehen, Beethovens tänzerische Virtuosität wie ein noch grünes Ährenfeld wallen und wogen lässt, zaubert so manches Lächeln auf die Gesichter im bis auf den letzten Platz vollen Auditorium. Von ihrer so unnachahmlichen Kunst des Beschleunigens am Ende einer Phrase, dem beherzt energischen Zugriff, ohne zu dreschen, können manche jüngere Kollegen nur träumen. Argerich weiß um Kontraste, um farbliche Chiaroscuro Wirkungen, um eine Agogik, die zielgenau ins Herz jedes Stückes trifft.

Dabei harmoniert der am Tchaikovsky-Konservatorium in Moskau ausgebildete Geiger Brovstyn mit seiner vibratoarmen, mehrheitlich harten und in der Höhe spitzen Spielweise nicht unbedingt mit Argerichs so differenziert eingesetzter Anschlagskultur und lyrischer Luftigkeit. Wiewohl die Spannung, die sich aus den unterschiedlichen Charakteren ergibt, wiederum der Kurzweiligkeit und Wachheit des Gehörten zugutekommt.

Darf man die wunderbare Martha Argerich dieses Jahr als so etwas wie „la cerise sur le gâteau“ des viertägigen Festivals bezeichnen, wie u.a. die Franzosen das so schon fruchtig-süß ausdrücken (i-Tüpfelchen klingt lange nicht so poetisch), so hat die Gründerin (2012) und künstlerische Leiterin, Elena Bashkirova, insgesamt einen hervorragenden Schwarm an mitstreitenden Musikerinnen und Freunden, arrivierten Stars und jungen Talenten eingeladen, der – bildhaft übertragen – jedem Kuchen verführerische Aromen und bissfreudige Konsistenz zugleich verleihen könnte.

(c) Lionel Tan

Dass es bei so zahlreichen Künstlern auch zu kurzfristigen Programmänderungen kommen kann, war gleich am Eröffnungsabend zu erfahren. Statt den angekündigten ausgewählten Liedern von Kurt Weill
mit Dorothea Röschmann und Yael Kareth am Klavier, trat die Chefin selbst in Aktion. Gemeinsam mit dem fantastischen, eine stupende technische Brillanz und ein pralles Urmusikantentum verbindenden französischen Bratschisten Adrien La Marca interpretierte Bashkirova „Lachrymae“ für Viola und Klavier, op. 48, von Benjamin Britten.

Adrien La Marca

Diese dem Gedanken an Verstorbene verschriebenen ernsten Reflexionen und Variationen auf den John Dowland Song ‚If my complaints could passions move‘, in die in der sechsten Variation noch das Thema des Liedes ‚Flow, my tears‘ eingearbeitet ist, 1950 für den Bratschisten William Primrose geschrieben, markierten in ihrer Geschlossenheit den Höhepunkt des Abends.

In der musikhistorischen Umkehrung von der anfänglich dissonanten, atonalen Variation bis zur letzten, in der erstmals das Lied in den ursprünglichen Harmonien erklingt, konnte das Publikum eine verblüffende musikalische Zeitreise antreten. Ob unheimlich wabernd, karstig rauh, im polyphonen Wettstreit, staccato erregt, walzerschwindelig oder pizzicato serenadenhaft, Elena Bashkirova und Adrien La Marca führten vor, was Kammermusik in musikalischer Vollendung und expressiver Deutlichkeit bedeutet.

Chromatisch polyphon im kosmischen Ringen von Trauer und formaler Strenge startete der Abend mit einem dunkel bewegenden „Adagio und Fuge“ in c-Moll, KV 546 von Wolfgang Amadeus Mozart (Mohamed Hiber, Madeleine Carruzzo Violine, Adrien La Marca Bratsche, Claudio Bohorquez Cello und Nabil Shehata Kontrabass) und einer weniger kontrastreich gestalteten, allzu motorisch geradlinig interpretierten Großen Fuge in B-Dur, op. 134, für Klavier zu vier Händen (Julia Hamos, Yael Kareth) des Ludwig van Beethoven.

(c) Lionel Tan

Dafür klang der lange Abend nach berührend von der phänomenalen Musikerin/Sängerin Astrig Siranossian selbst auf dem Cello begleiteten armenischen Volksliedern mit dem quicklebendig gespielten Septett in Es-Dur, op. 20 von Ludwig van Beethoven genüsslich aus.

(c) Lionel Tan

Da übertrafen sich Mohamed Hiber (Violine) im frechen Ping-Pong mit Pablo Barragán (Klarinette) und trötete Bar Zermach am Horn nach prustender Elefantenart in die Scherzo-Runde. Da bildeten sich umeinander wetteifernde Tongruppen von Streichern (Mohamed Hiber Violine, Joaquín Riquelme García Bratsche und Astrig Siranossian Cello) und Bläsern (Pablo Barragán Klarinette, Bar Zemach Horn und Daniele Damiano Fagott), wobei der in der Mitte platzierte Kontrabassist Nabil Shehata (auch er ein unverzichtbarer Qualitätsgarant des Festivals) dazwischenfunkend seinen samten brummigen Kommentar dazu abgab.

Auf jeden Fall zeigte sich das gesamte Ensemble bei diesem sechssätzigen Stück voller Variationen und kompositorischer Kunstfertigkeit in ansteckender Spielfreude und feinem Humor von seiner besten Seite. Lang anhaltendender Applaus im „Cube“, diesem in Rohbeton belassenen, dreigeschossigen Konzertraum samt zwei Galerien des am Gleisdreieckpark gelegenen Kühlhauses Berlin.

Bericht über den ersten Abend, Fortsetzung folgt!

Dr. Ingobert Waltenberger, 12. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Alle Termine und das Programm finden Sie unter:

https://www.intonations-jicmf.com/whats-on

Martha Argerich und Akane Sakai Konzerthaus Dortmund, 13. Juni 2025

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Elena Bashkirova, Marzena Diakun Elbphilharmonie, Hamburg, 27. März 2022

Stipendiatinnen und Stipendiaten der RSB-Orchesterakademie Kühlhaus Berlin, 22. Mai 2025

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