Michael Tilson Thomas (c) https://michaeltilsonthomas.com/photos/
Nachruf: Michael Tilson Thomas (21. Dezember 1944 – 22. April 2026)
von Dr. Holger Voigt
Abseits tagesüblicher Ereignismeldungen sickerte vor einigen Tagen – eher zögerlich – die erschütternde Nachricht durch, dass der charismatische US-amerikanische Dirigent und Komponist Michael Tilson Thomas am 22. April 2026 an seinem Wohnort in San Francisco, Kalifornien, USA, im Alter von 81 verstorben ist. MTT – wie ihn seine Bekannten, Kollegen und Freunde nannten, war 25 Jahre lang der künstlerische Direktor des San Francisco Symphony Orchestra gewesen. Sein Nachfolger, der finnische Dirigent und Komponist Esa-Pekka Salonen zeigte sich von dieser Nachricht tief erschüttert.
Die Umstände seines Todes zeigen an, dass das Schicksal nicht gnädig war: Sein Ehemann und jahrzehntelanger Lebenspartner Joshua Mark Robison war erst am 22. Februar 2026 im Schlaf gestorben, und es gibt offensichtliche Hinweise darauf, dass er zuvor in seinem Haus schwer gestürzt war.
Michael Tilson Thomas selbst starb an den Folgen einer seit 2021 diagnostizierten Hirntumorerkrankung, einem Glioblastoma multiforme, die zu den grausamsten Erkrankungen zählt und gegen die es bis heute keine effektive Therapie gibt. Ohne dass man sichere Erkenntnisse über Entstehungsursachen und Verlaufsprognose hätte anführen können, bleiben nur Operation und Strahlentherapie, die jedoch kaum größeren Einfluss auf das Erkrankungsgeschehen haben. Neuere experimentelle Behandlungsansätze unter Einschluss genetischer und immunologischer Modalitäten sind noch weit davon entfernt, in eine Behandlungsstrategie Einzug halten zu können. Der Tumor wächst und rezidiviert einfach zu schnell.

Als ich mich 2021 darüber freute, eine Konzertkarte für eines seiner seltenen Europakonzerte in Deutschland (Elbphilharmonie) ergattert zu haben, durchkreuzte die Corona-Pandemie nahezu alle Pläne. Es war das Jahr, in welchem ein jungenhaft und gesund wirkender Mann die Diagnose seiner tödlichen Erkrankung erfuhr.
Michael Tilson Thomas war in vielerlei Hinsicht eine eigenständige Größe: Er reiste nicht gern und bevorzugte die intensive Arbeit mit den Musikern seines Orchesters. Er suchte nicht die Übernahme größerer Klangkörper als Leiter, sondern zog es vor, mit eher kleineren Orchestern umso intensiver zusammen zu arbeiten. In San Franciso blieb er ein viertel Jahrhundert und spielte mit dem San Francisco Symphony Orchestra referenzielle Aufnahmen ein (Berg, Mahler u.a.). Das frühere Piano-Wunderkind lotete zudem die Grenzbereiche der klassischen Musik bis zum äußersten aus und gelangte auf dieser Entdeckungsreise zur zeitgenössischen Musik, zum Jazz und zur US-amerikanischen Neoklassik eines Ives oder Copland. In der Zusammenarbeit mit seinem Landsmann Thomas Hampson, Bariton, gelangen eindrucksvolle Veröffentlichungen.
39 mal wurde Michael Tilson Thomas für den Grammy nominiert, 12 mal erhielt er ihn. Seine Aktivitäten, Kindern und Jugendlichen die Kraft der Musik nahe zu bringen, setzte er die Tradition Lenord Bernsteins bei dessen „Young People’s Concerts“ fort.
Seine dokumentarische Serie „Keeping Score“ ist eine unerlässlich wertvolle Quelle werkseinführender Geheimnisse. Die nachfolgenden Links zeigen eine umfassende Einführung in die Klangwelten Gustav Mahlers.
Michael Tilson Thomas lebte Musikbegeisterung. Das ist auch die Essenz dieses Blogs „klassik-begeistert“. Nur wenigen Musikern war es vergönnt, einen derart weitreichenden Einfluss auf das Verständnis und die Seelenkraft der Musik zu vermitteln. Leonard Bernstein, MTTs Mentor, sagte einmal auf die Frage, wie er denn Michael Tilson Thomas fände „Oh – well, he sounds like me…“, was geradezu einem Ritterschlag gleichkam..
Die Musikwelt betrauert einen unermesslichen Verlust. Rest in peace, my friend.
Dr. Holger Voigt 30. April 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at