Berlin, Christian Thielemann Igor Levit © Stephan Rabold
SYMPHONIEKONZERT VII
Christian Thielemann
Igor Levit
Staatskapelle Berlin
Hans Pfitzner
Klavierkonzert Es-Dur op. 31
Franz Liszt
Symphonische Dichtungen
Orpheus S 98
Prometheus S 99
Richard Wagner
Ouvertüre zu Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 18. Mai 2026
von Dr. Ingobert Waltenberger
Nein, pomphaft ist er nicht, der erste Satz, für den Pfitzner die Vortragsbezeichnung mit Kraft und Schwung wählte. Denn nach einem relativ knappen Holla-Kraftlackl-Auftakt mit wuchtigen Klavierakkorden lässt Pfitzner das Publikum in einem thematisch stückhaften, wie einem aus Wüstenwässerchen sich speisenden Sonatenhauptsatzform-Dschungel braten. Da wird motivisch verdichtet, in Chromatik herumgestöbert. Das Klavier als anfangs laut aufbegehrender, hierauf zaghaft integrierter Partner dieser „Symphonie mit obligatem Klavier“ fräst sich langsam in den von Thielemann trotz Riesenbesetzung schlank gehaltenen Orchesterklingklang hinein.
Ich habe mir allerdings gerade die Aufnahme mit Rosl Schmid am Klavier, den Münchner Philharmonikern und Hans Pfitzner selbst am Pult (RRG vom 23. März 1941) angehört und staune, wie sehr diese (authentische) Interpretation im ersten, wesentlich aufgerauteren Satz tempomäßig und in den kräftigeren Kontrasten von der abgesehen vom Beginn softeren und elegischeren Gangart von Christian Thielemann abweicht.
Dann aber geht der Schelm mit dem Komponisten durch. Der zweite, von Pfitzner als heiter bezeichnete Satz startet im krassen Gegensatz zum Ersten, allzu langen, nahtlos mit einer flotten Kaskade am Klavier, auf die das Orchester mit kecken Antworten repliziert. In atemlosem Tempo sorgt eine mitreißende Dusche nach der anderen an spritzigen Perlagen für den gehörigen Koffeinkick und jähes Erwachen aus dem klanglichen Nirwana.
Die Märchenhaftigkeit der Stimmung fühlt sich an, als ob ein Prokofiev außer Rand und Band sich in einem jähen Anfall auf Mendelssohns „Sommernachtstraum“ gestürzt hätte. Wie leicht Pfitzner hier das Miteinander von Klavier und Orchester handhabt, wie unterhaltsam er Sinn und Hintersinn völlig beiseite lässt, spielerisch mit den solistisch immer wieder gefragten Holzbläsern experimentiert, verblüfft über allen Maßen.
Was für ein genialer Trick und typisch Pfitzner, möchte man sagen: Ärgere das Publikum zuerst mit dräuender Langatmigkeit und vorgetäuschter Ziellosigkeit, um sodann umso wirksamer aufzutrumpfen. Es ist der Moment, wo der Pianist Igor Levit beeindruckend solitär vorführt, was er an pianistischer Bravour, aber auch an dynamischer und phrasierender Gestaltungsvision drauf hat.

Erstaunlich immer wieder, wie sehr Levit mit Thielemann in kleinsten Nuancen, grosso modo im weiten Atem der Musik musikalisch zu harmonieren scheint, wie wir das bereits bei den Brahms’ Klavierkonzerten mit den Wiener Philharmonikern bewundernd feststellen konnten. Die Staatskapelle Berlin ist konzentriert bei der Sache und bleibt dank Thielemann selbst in den heftigsten Orchestertutti auf die Hörbarkeit des Klaviers bedacht.
Der langsame Satz knüpft in der kammermusikalischen Textur, der zarten Lyrik der melodischen Invention klanglich an das Palestrina-Vorspiel an. Ob hier aller schwärmerisch versonnener diatonischer Stimmung ungeachtet das „Dürerisch-Faustische“ (Thomas Mann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ über „Palestrina“) den abgründigen Hintergrund zur (Schein)Idylle bildet? Auf jeden Fall bezaubert der Satz mit seiner romantischen Duftigkeit in den Streichern und einem klangfarblich wie aus Kirchenfenstern leuchtenden, hymnisch mit Blechfanfaren gewürzten diaphanem Bauschen.
Christian Thielemann hat das Es-Dur-Klavierkonzert von Hans Pfitzner bereits mit der Staatskapelle Dresden und Tzimon Barto am Klavier aufgenommen und bei profil/hänssler veröffentlicht. Aber erst jetzt scheint er ganz bei dieser heterogenen, in ihren Brüchen so modernen Musik angekommen, hat sie sich ganz persönlich zu Eigen gemacht, wie das vor allem beim vierten Satz in der von Pfitzner vorgesehenen Gangart „rasch, ungeschlacht, launig“ zum Ausdruck kam. Jubel für Solist, Orchester und Dirigent, den Igor Levit mit der Zugabe „Nun komm, der Heiden Heiland“ von Bach/Busoni erwiderte.

1922 komponiert, 1923 von Walter Gieseking und der Staatskapelle Dresden unter Fritz Busch uraufgeführt, wird das Werk des persönlich wie politisch so unangenehm chauvinistischen, sich an das Naziregime anbiedernden polemischen Charakters sicherlich weiter für Gesprächsstoff und Diskussion sorgen. Musikalisch ist dieses hybride Klavierkonzert jedenfalls jede Beschäftigung wert.
Nach der Pause setzte Thielemann zwei sinfonische Dichtungen von Franz Liszt auf das Programm. Dies ist in dem größeren Zusammenhang zu sehen, als sich der seit der Saison 2024/25 als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden wirkende Dirigent zum künstlerischen Ziel setzt hat, mit der Staatskapelle Berlin alle 40 Orchesterlieder von Richard Strauss (12 sind bereits ‚im Kasten‘) als auch alle Sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt peu à peu zu erarbeiten. Diesmal sind nach der bereits aufgeführten „Bergsinfonie“ und „Tasso“ die Sinfonischen Dichtungen Nr. 4 und Nr. 5, „Orpheus“ und „Prometheus“ an der Reihe.
Mit einem zugrunde gelegten Programm und der meist einsätzigen Anlage unterscheiden sie sich wesentlich von der klassischen viersätzigen Symphonie. Liszt schrieb „Orpheus“ 1853/1854, ungewöhnlich genug, als Einleitung für die Weimarer Erstaufführung von Glucks „Orpheus und Eurydike“. Thematisch ließ sich Liszt von einer etruskischen Vase im Louvre inspirieren. Mit ungewohnt zarten, verinnerlichten Orchesterfarben mag man bei dieser am wenigsten martialisch sich gerierenden sinfonischen Dichtung von Liszt eher an französische Impressionisten als an deutsche Hochromantik denken.
Thielemann und die Staatskapelle Berlin fanden zu betörenden Orchesterfarben. Man konnte sich dabei ausmalen, wie sehr Orpheus imstande war, mit Lyra und Gesang selbst wilde Tiere zu zähmen oder die dunkle Unterwelt zu berühren. Thielemann spannte in schwebender Tonalität den meditativ kontemplativen Bogen mit Hilfe von Harfen, Holz und Hörnern bis zur finalen Entrückung, ja Verzückung. Wunderbar.

Dagegen wirkte der Tschingderassabum von „Prometheus“ nach der Szenenfolge „Der entfesselte Prometheus“ von Herder in seiner schroffen Expressivität und wüsten Kontrapunktik zwar zukunftsweisend, aber genauso idealisierend hochgestochen wie das von Liszt selbst formulierte künstlerische Credo. Er bezog sich dabei auf eine von ihm so empfundene Wesenheit, gleichsam die Seele des Mythos: „Kühnheit, Leiden, Ausharren, Erlösung, Hinanstreben nach den höchsten Zielen, welche dem menschlichen Geiste erreichbar scheinen …“
Als Abschluss des Programms erklang Richard Wagners Ouvertüre zu „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ in einer kompakt flott pulsierenden, vorwärtsdrängenden Interpretation, die detailbedacht den ganzen Klangrausch der Partitur fokussiert entfachte. Christian Thielemann at his best! Das Publikum war dementsprechend begeistert und spendete dafür, verdientermaßen, den größten und lautesten Beifall.
À propos „Tannhäuser“: Thielemann wird zu den Festtagen 2027 am 20., 23. und 26. März 2027 Richard Wagners „Tannhäuser“ mit Andreas Schager, Krassimira Stoyanova, Andrè Schuen, Marina Prudenskaya und René Pape in den Hauptrollen dirigieren.
Dr. Ingobert Waltenberger, 19. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begistert.at
Hans Pfitzner, Palestrina Wiener Staatsoper, 8. Dezember 2024
Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann, Igor Levit Musikverein Wien, 9. Dezember 2023
CD-Besprechung: Brahms/Levit/Thielemann klassik-begeistert.de, 15. November 2024