Foto: Daniela-Maria Brandt Carl Orff-Stiftung/Archiv: Orff-Zentrum München
Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.
Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.
von Daniel Janz
1937 – eine Zeit politischer Instabilität in Europa, musikalisch geprägt durch die ersten Experimentalmusiken einiger Künstler der „Neuen Musik“ inklusive reger ästhetischer Debatten – kurzum eine durch und durch bewegte historische Periode. Es verwundert daher, in dieser Zeit ausgerechnet die Entstehung eines Werkes zu verorten, das sich fast schon rückwärtsgewandt mit mittelalterlichen Texten, größtenteils lateinischer Sprache und traditioneller Kompositionskunst beschäftigt. Und doch gelang es einem Komponisten, durch diesen Ansatz nicht nur eine Komposition fertig zu stellen, sondern sie auch noch zu einer der bekanntesten Musiken des 20. Jahrhunderts zu machen. Die Rede ist von Carl Orff.
Episch und groß, krachend und laut – das dürften wohl die Assoziationen sein, wenn man seinen Namen nennt. Seine gesamte Bekanntheit beruht im Wesentlichen auf einer Komposition, der so genannten „Carmina Burana“ – oder genauer gesagt auf dem gleichzeitigen Introduktions- und Schlusssatz derselben: „O Fortuna“. Der Bedeutung dieses Werks war er sich selber bewusst. Seinem Verleger soll er mitgeteilt haben: „Alles, was ich bisher geschrieben und was Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen! Mit Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke!“
Bis heute ist es das am meisten beachtete Werk von Orff, wie auch eine breite Rezeptionsgeschichte belegt. Allein auf IMDB sind inzwischen fast 100 Referenzen zu „Carmina Burana“ belegt. Zur Entstehungszeit soll es weltweit sogar über 20 Mal pro Monat aufgeführt worden sein – ein musikalischer Blockbuster, so könnte man sagen. Allen bisherigen Kompositionen lief die „Carmina Burana“ jedenfalls in punkto Epik schnell den Rang ab. Bis heute ist sie aus Ausdruck von Gigantomanie ungebrochen – sogar der angeblich „größte Werbespot der Welt“ bedient sich dieser Musik:
Grund für diesen ungebrochenen Ruhm dürfte vor allem die umfangreiche Orchesterbesetzung sein, die Orff hier verlangt. Allein die benötigte Personenzahl kann locker mit einer Mahler-Sinfonie mithalten. Das erklärt auch den mächtigen Klang, den seine Musik stellenweise erzielt. Bis heute ist sie medial eine ernsthafte Konkurrenz zu anderen für den Ausdruck von Epik etablierten Werken, wie „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss oder der ein oder anderen Wagner-Oper.
Aber jetzt auch mal Hand auf’s Herz: Welche Musik glorifiziert denn eindrucksvoller Thunfisch, Hühnchen und Kuchen? Sie glauben’s nicht? Wissen Sie denn etwa nicht, was in „O Fortuna“ gesungen wird? Dann schauen Sie sich doch einmal dieses (nicht ganz ernst gemeinte) Video an:
In dem Textverständnis von Orffs Komposition mache ich auch das erste Problem aus. „O Fortuna“ als Anrufung der Glücksgöttin Fortuna ist so bombastisch auskomponiert, als würde er ein weltbewegendes Ereignis einläuten. Die späteren Sätze stehen zu diesem Anspruch aber im krassen Gegensatz. Titel, wie (übersetzt) „Alles wärmt die Sonne auf“, „blühend wird der edle Wald“, „wenn wir sitzen in der Schenke“, „Tag und Nacht und insgesamt“ wirken plump, fast schon profan. Damit gibt das „O Fortuna“ selbst ein Versprechen, dass sich in diesem Werk nicht erfüllt.
Viel eher ist der Text ist so belanglos, dass er beliebig ausgewechselt werden kann. Und wie die hier gezeigten Videobeispiele verdeutlichen, gelingt das sogar beim „O Fortuna“ selbst, ohne etwas von dessen Wirkung zu verlieren. Das Werk lebt also im Wesentlichen aus seiner Bombastik und nicht aus dem Text. Ist ein Text so generisch und dadurch beliebig auswechselbar, muss man fragen, wozu es ihn überhaupt gibt.
Das zweite Problem ist ein Rezeptionelles. Erst im letzten Beitrag beschwerte ich mich darüber, dass klassische Musik zu oft nur zum Ausdruck ruhiger, gemächlicher oder generischer Szenen herangezogen wird und Episches meistens auf Neukompositionen oder kleine Ausschnitte von Klassikern beschränkt bleibt. In diesem Sinne ist Orffs „Carmina Burana“ neben Strauss, Beethoven und Prokofjews „Tanz der Ritter“ eines von relativ wenigen Beispielen, das als Ausdruck von Epik und Großartigkeit den Absprung in die massenmediale Verbreitung geschafft hat.
Man könnte die „Carmina Burana“ also eigentlich als vergleichweise junge Erfolgsgeschichte auf ganzer Linie bezeichnen. Dumm nur, dass sich auch hier wieder dieser Ruhm auf einen winzigen Ausschnitt der Gesamtkomposition bezieht. Jeder kennt das epische „O Fortuna“ durch dessen Medienpräsenz. Aber geht man einmal die anderen Satztitel durch, herrscht schnell Ratlosigkeit. Auch hier ist wieder eine musikalische Kastration auf einen wenige Sekunden langen Ausschnitt gegeben. Das Werk selbst dauert aber über eine Stunde – fast so lang, wie Beethovens neunte!
Zu guter Letzt überzeugt mich Orffs Musik auch nicht in ihrer Konzeption. Denn was er hier angeblich ausdrücken wollte, ist das Konzept von Glück in unterschiedlichen Stadien des Lebens. Dazu bediente er sich 24 ausgewählter Texte aus der „Carmina Burana“ von Johann Andreas Schmeller und stellte sie recht frei unter der Idee zusammen, dadurch einen Zyklus von Glück über Unglück nach dem Vorbild von Fortunas Glücksrad nachzuzeichnen. Das Konzept, das Umschlagen des Glückrades musikalisch abzubilden, ist auch ein durchaus spannendes.
Schade ist nur, dass sich dieses Konzept musikalisch nicht wiederfindet. Das mag an zwei Dingen liegen: Erstens erstellte Orff eine komplette Neukomposition, wollte seine Musik aber an der Stilistik des Mittelalters ausprägen. Entsprechend finden sich typische Merkmale dieser Zeit, wie lange Bordunquinten, harmonische Schlichtheit und sogar Kirchentonarten, aber kombiniert mit neuen, modernen Melodien. So beeindruckend seine Instrumentationskunst auch sein mag, aber der angestrebte Ausdruck vom Alten ist dadurch nicht immer authentisch.
So kommt es, dass in der gesamten „Carmina Burana“ ein merkwürdiger Spagat zwischen Jahrhunderte alten Formen und modernster Instrumentation bis hin zu höchst raffiniertem Einsatz bestimmter Instrumente vorherrscht. Dadurch ist es aber weder mittelalterlicher Musikepos, noch eine (für das Jahr 1937) moderne Komposition. Im Kern könnte man auch sagen: Die Wahl der umfangreichen Klangmittel, die Orff zur Verfügung standen, ist ohne große Not auf antiquierte Kompositionstechniken begrenzt und damit stark eingeschränkt.
In dem Kontext muss man auch fragen: Wozu braucht er über 100 Musiker auf der Bühne, wenn er sie kaum nutzt? Denn Polyphonie sucht man hier an vielen Stellen vergeblich. Stattdessen findet man eine harmonische Stagnation, die man als fehlende Entwicklung, wenn nicht sogar als Reizlosigkeit auslegen könnte. Nun müssen Einfachheit von Themen und Melodien, Modulationsarmut und Konzentration auf wenige Harmonien keine Negativkriterien sein, wie wir auch beim nächsten Beitrag dieser Serie sehen werden. Bei Orff ist dies aber weniger stilistisches Mittel, als konsequentes Programm. Darunter leidet sein ursprüngliches Konzept, weil der Wechsel von Glück ins Unglück sich harmonisch nicht nachvollziehen und dadurch erfahren lässt. Da hätte vielleicht ein bisschen mehr Dur/Moll geholfen.
Es ist in Summe also kein Wunder, dass die mediale Aufmerksamkeit sich alleine auf das „O Fortuna“ mit seinen mächtigen Orchesterausbrüchen beschränkt und die anderen Teile der „Carmina Burana“ nur im Konzertkontext Beachtung finden. In meinen Augen stellt Orffs bekannteste Komposition daher eine vertane Chance da, die mehr Konzept als Können, mehr Idee als Ergebnis ist. In ihrer jetzigen Form erreicht sie zwar einen gewissen Ausdruck. Aber reicht sie an die wirklich epischen Musiken heran, die wir als Klassik-Liebhaber von Wagner, Beethoven, Mahler, Strauss, Schostakowitsch etc. kennen? Das wage ich dann doch anzuzweifeln.
Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Carl Orff, Carmina Burana Bremer Konzerthaus Die Glocke, 26. Januar 2025
34. Kölner Sommerfestival, Carl Orff (1895-1982) – Carmina Burana Kölner Philharmonie, 18. Juli 2023