Zwischen den Sätzen 5: Social Media Verbot für Richard Strauss?

Zwischen den Sätzen 5: Social Media Verbot für Richard Strauss?  Elbphilharmoonie, 3. Oktber 2026

Foto: Archiv © Claudia Höhne, Franz Welser-Möst, The Cleveland Orchestra

Die Debatte um Social-Media-Einschränkungen nimmt in Deutschland an Fahrt auf.  Oftmals wird argumentiert: Insbesondere Kinder und Jugendliche müssten besser geschützt werden. Aber auch Erwachsenen sagt man gerne einen unbedarften Umgang mit TikTok, Instagram und Co. nach. Oversharing und Sharenting sind heute ein großes Thema. Doch schon Richard Strauss war davon nicht frei, auch wenn er auf die seinerzeitigen analogen Mittel und Wege beschränkt war. Müsste man ihn heutzutage mit einem Social Media Verbot schützen? Oder wenigstens Bubi?

Elbphilharmonie, Großer Saal 3. Oktober 2026 (Tag der Einheit)

The Cleveland Orchestra
Franz Welser-Möst Dirigent

 Wolfgang Amadeus Mozart Sinfonie C-Dur KV 338
Bernd Richard Deutsch Intensity
Richard Strauss Sinfonia domestica für großes Orchester F-Dur op. 53

von Jörn Schmidt

Oversharing – In seiner als autobiografisch eingeordneten Tondichtung Sinfonia domestica (op. 53) schildert Richard Strauss einen Tag in seinem privaten Familienleben, selbstredend inklusive Zoff und Liebesnacht.  Damals wurde gelästert, wie man nur die intimsten Geheimnisse seines Ehelebens einfach so ausplaudern könne. Heute nennt man es Oversharing, wenn man ungefragt oder gar unüberlegt persönliche bzw. intime Informationen über das eigene Leben detailliert online stellt.

Sharenting –   Doch Richard Strauss ging noch weiter, er teilt auch die Entwicklung seines Sohnes Franz aka Bubi: Vom zornigen abendlichen Geschrei bis zum morgendlichen Bad. Ein Millionenpublikum ist seither im Konzertsaal stets dabei. Diese Unterform des Oversharings nennt man Sharenting – ein Kofferwort aus den englischen Begriffen „share“ (teilen) und „parenting“ (Elternschaft)

Kein Einzelfall – Wenn man so will, Strauss war damit eine Art Vorreiter heutiger Eltern, die das Heranwachsen und den Alltag ihrer Kinder auf Instagram, Facebook, TikTok , YouTube oder im WhatsApp-Status dokumentieren. Man schätzt, dass heutzutage rund 40 % bis über 70 % aller Eltern Sharenting betreiben.

Meinungsstand – Irgendwie scheinen Oversharing und Sharenting in der Natur vieler Mensch zu liegen. Schon immer konnte sich mancher nicht bremsen und begann, munter drauflos zu plaudern. Nicht ohne Grund heißt es dann, der oder die habe sich um Kopf und Kragen geredet. Social Media potenziert dieses Phänomen. Kein Wunder, dass sich Politiker einschalten und vom Gesetzgeber Regulierungen bis hin zu einem Verbot fordern. Da fragt man sich unweigerlich: Und damals, zu Strauss´ Zeiten, haben die Politiker damals ihre Bürger nicht genug vor sich selbst geschützt?

Franz Welser-Möst – Die Antwort liefert das Dirigat des österreichischen Maestros –  der die Gabe hat, Zwischentöne hörbar zu machen, die gerne mal untergehen.  Die Stimmung in Mozarts letzte Salzburger Sinfonie zum Beispiel hat viel von einer festlichen Ouvertüre. Was vielleicht daran lag, dass die Komposition neben KV 339 (Vesperae solennes de Confessore) das Ende seines Wirkens als Salzburger Hofmusiker markiert. Ein neuer Lebensabschnitt begann – mit allen Verheißungen (Kopfsatz und Finale) und Ängsten (Mittelsatz). So wie auch Intensity von Bernd Richard Deutsch in drei ähnlich aufgeladene Teile gegliedert ist: Nach innen gerichtete Kontemplation eingerahmt von Aufbruchsstimmung.  Welser-Möst spürt diesen Stimmungen sensibel und elegant nach, keine Effekthascherei verstellt den Blick darauf, wie Stimmungen zu Tönen werden.

The Cleveland Orchestra – Dieser Ansatz steht dem Hauptwerk des Abends besonders gut. Der Verzicht auf plumpen Bombast lässt die stringente Architektur von Strauss’ Komposition in immer wieder neuen magischen Klangmischungen aufleuchten. Das funktioniert natürlich auch deshalb besonders gut, weil die Sinfonia Domestica der Klangkultur des Cleveland Orchestra sehr entgegenkommt: Samtig wie ein Rotwein aus dem Napa Valley klingt das. Und so wird evident: Das Werk ist mehr als Seelen-Stripping. Die häusliche Situation hat Strauss mit einem Augenzwinkern zu einem kontrapunktischen Meisterwerk inspiriert.

Was wäre wenn – Stellen Sie sich vor, Strauss hätte beim Komponieren den Gesetzgeber im Nacken gehabt. Auflagen oder gar Verbote von Oversharing und Sharenting. Das wäre nicht ohne Spuren geblieben für seine waghalsige Chromatik und die rhythmische Komplexität. Diese magischen, auf die Spitze getriebene Klangfarben, die Verflechtung der Motive. Gut möglich, dass sich Strauss kompositorisch zurückgehalten hätte, um weniger von sich und seiner Familie preiszugeben.

Verbotsdilemma – Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, das zeigt auch dieses Sinfonia-domestica-Gedankenexperiment. Mit einer konsequenten Social Media Regulatorik wären die Konzertsäle um ein inspiriertes Meisterwerk ärmer. Verbote brauchen eben sehr viel Fingerspitzengefühl, möchte man meinen. Richard Strauss jedenfalls war mitnichten schutzbedürftig – er wusste sehr genau, was er mit welchen Mitteln preisgibt.

Just one more thing: What kind of Maestro!

Jörn Schmidt, 3. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Zwischen den Sätzen 4:  Programmgestaltung für Nerds Laeiszhalle Hamburg, 20. September 2026

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