Daniels Anti-Klassiker 7: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 9 in d-Moll „Ode an die Freude“ (1824)

Daniels Anti-Klassiker 7: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 9 in d-Moll „Ode an die Freude“ (1824)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der sogenannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Was hat Beethovens „opus summum“ – angeblich ein Juwel der Musikgeschichte – in einer Reihe zu suchen, die sich „Anti-Klassiker“ nennt? Seine neunte und als letzte vollendete Sinfonie ist weltbekannt, nicht selten liest man, sie sei die weltweit am meisten aufgeführte Sinfonie überhaupt. Als möglicherweise erste Sinfoniekantate hat Beethoven mit diesem Werk nachfolgende Komponistengenerationen maßgeblich beeinflusst. Und es stimmt – ein Blick in den beeindruckenden Lebenslauf dieses Werkes offenbart Allgegenwärtigkeit: Ersatznationalhymne Deutschlands bis 1952, Nationalhymne Rhodesiens 1979, Europahymne 1985, Fall der Berliner Mauer, Krimkrise: „Freude, schöner Götterfunke“.

In nahezu jedem Musikführer ist diese Sinfonie vertreten. Sie ist für ihre Qualität und den ihr innewohnenden Idealismus so sehr bekannt, dass selbst völlig klassikferne Menschen die „Ode an die Freude“ ansatzweise mitsingen können. Es scheint, als hätte sich die Aufführungspraxis dieses Werk spätestens seit dem 20. Jahrhundert verselbstständigt.

Diese Verselbstständigung ist Anlass dafür, das Werk und dessen Aufführungspraxis einmal von einer kritischen Seite zu beäugen. Denn durch zu häufige Wiederholung ist dieser einstige Ausdruck von allumfänglicher Freude und Brüderlichkeit zur Alltäglichkeit, man könnte fast meinen zur Belanglosigkeit, verkommen. Selbst an Qualität und Raffinesse kann man übersättigen, wenn man in stoischer Regelmäßigkeit zu oft mit ihr konfrontiert wird. Und was könnte regelmäßiger sein, als eine Sinfonie, die jedes Jahr ritualisiert zum Jahreswechsel in Dresden und Osaka gespielt wird?

Solche Rituale festigen die Kultur, sie sind Ausdruck von Einheit und Identität und können sinngebend oder richtungsweisend sein. Aber sie müssen sich im Kontext ihrer Ausführung bewahrheiten. Und so muss man fragen: Findet das noch im Sinne dessen statt, dass „alle Menschen Brüder werden“ sollen?

Es braucht nicht erst den Blick auf die politische Bühne, um festzustellen, dass dem nicht so ist. Griechenland-Krise, Panama-Papers, Flüchtlingskrise inklusive tausender im Mittelmeer Ertrunkener oder das desolate europaweite Corona-Krisenmanagement inklusive politischer Korruption der Regierenden sprechen eine gegenteilige Sprache. Von der sozialen Situation in Deutschland, dem Status unseres Bildungs-, Gesundheits- und Pflegesystems oder der politischen Streitkultur wollen wir gar nicht erst anfangen. Man könnte meinen, wir werden unserer ehemaligen Hymne nicht gerecht. In diesem Sinne ist diese Musik jedenfalls nur nervige Selbstbeweihräucherung und Augenwischerei.

Eine ähnliche Zweckentfremdung findet sich auch in den popkulturellen Referenzen zu dieser Sinfonie. Da muss Anthony Burgess in „Clockwork Orange“ ein Klassik-Fan sein? Natürlich ist sein Lieblingswerk Beethovens Neunte. Die Beatles brauchen einen klassischen Hit für den Film Hi-Hi-Hilfe? Die „Ode an die Freude“ muss es sein. Die Ärzte machen eine Klassik-Referenz? Natürlich Beethovens opus summum. Sogar die Laufzeit einer handelsüblichen CD von 74 Minuten geht angeblich auf diese Sinfonie zurück.

Auf diesem Weg ist Beethovens Neunte zur Klischeesinfonie der klassischen Musik geworden. Es ist ein Wunder, dass sie nicht längst ein ähnliches Schicksal ereilt hat, wie das „Halleluja“ aus Händels „Messias“, das durch seine Überrepräsentation inzwischen eher satirisch als ernsthaft wirkt. Diese Sinfonie ist definitiv nicht schlecht, im Gegenteil, sie gehört zu den mir liebsten Beethoven-Sinfonien. Künstlerisch und kompositorisch ist sie ein wahres Meisterwerk, das so schnell keiner nachmachen kann. Aber sie ist so grandios, dass sie unter ihrem eigenen Ruhm zerdrückt wird. Sie ist über-gespielt und über-rezipiert.

Dazu kommt auch noch eine gehörige Portion Mystifizierung: Wie könnte denn auch nur irgendein anderes Werk sich anschicken, besser sein zu wollen, als diese schier „göttliche Eingebung“, die Beethoven zur Einheit aller Menschen bei bereits kompletter Taubheit fertiggestellt hat? Dabei gibt es so viele andere Werke, die einen ähnlichen Ausdruck erreichen. Wie wäre es (beim Blick auf bekannte Komponisten) beispielsweise mit Mahlers achter oder völlig unterrepräsentierter zweiter Sinfonie? Böten sich nicht auch Skrjabins erste Sinfonie oder Mendelssohns zweite Sinfonie an? Oder beim Blick auf eher unbekannte Titel die Choralsinfonie von Asger Hamerik, Havergal Brians gigantomanische „Gothic symphonie“, das „Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt oder „Der 100. Psalm“ von Max Reger?

Die mit Beethovens Neunter Sinfonie verbundene Großartigkeit hat den unangenehmen Nebeneffekt, dass sie sich an ihrem Ruhm abnutzt und obendrein andere gleichfalls großartige Werke verdrängt werden. Die einen würden sagen, diese Sinfonie wird im Konzertbetrieb kommerziell ausgeschlachtet, andere, dass sie ihrer Aura beraubt wird. Denn es ist schwer, an Weltverbundenheit und ewige Bruderschaft der Menschheit zu denken, wenn sich beim letzten Satz der Gedanke einschleicht: „Und jetzt – »Freude, schöner Götterfunke« – nicht schon wieder“.

Beethovens Neunte ist jedenfalls ein Beispiel dafür, dass weniger Aufführungspraxis manchmal mehr wäre.

Daniel Janz, 9. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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