Lieber Jörn, dank Deiner Kreativität bist Du, ruckzuck,
auf 100 „Auf den Punkt“ gekommen. Dazu gratuliere und danke ich Dir. Herzlich sagt „Tusind tak“, Andreas Schmidt, Herausgeber
Richard Wagner / Parsifal
Festspielorchester 2026
Festspielchor und 2026
Pablo Heras-Casado / Dirigent
Regie / Jay Scheib
Bayreuther Festspiele, 31. Juli 2026
Fotos: Enrico Nawrath / Bayreuther Fespiele (c)
von Jörn Schmidt
Künstlicher Intelligenz (KI) traut man heute allerlei zu. KI könne bald alles, nur besser als der Mensch. Ich habe also KI angesprochen und geteilt, dass ich gerade schlechte Laune hätte, mich aber ein Witz zur Multitasking-Fähigkeit von Männern ungeheuer aufmuntern würde. Man sagt ja, wir Männer könnten nicht mal zwei Dinge gleichzeitig erledigen – ganz anders als Frauen übrigens. Die prompte KI-Reaktion: „Warum können Männer nicht gleichzeitig fernsehen und zuhören? Weil der Fernseher bunte Bilder hat und das Gehirn beim Verarbeiten der Farben bereits zu 100 % ausgelastet ist.“ Finden Sie das lustig?
Da ist noch Luft nach oben, würde ich meinen. Empathie jedenfalls liegt KI schon mal nicht, würde ich meinen. Aber darum geht es hier nicht, sondern um Jay Scheibs aktuellen Bayreuther Parsifal. Richard Wagners letzte Oper, ein geniales Gesamtkunstwerk, eigens für das Bayreuther Festspielhaus komponiert.
Das Werk ist komplex, aber unter anderem aus diesem Grund hat Richard Wagner das Gebäude gezielt als Ort der totalen Konzentration entworfen. Unsichtbares Orchester, absolutes Dunkel, Verzicht auf Prunk, Applaus verboten. Mit anderen Worten: Ein guter Ort für Männer, die nur eine Sache auf einmal erledigen können. Und was macht Scheib? Lässt Spezialbrillen verteilen, die weiterhin das Bühnenbild zeigen, aber in Echtzeit zusätzliche digitale Bilder einblenden.
Das bezeichnet man als Augmented Reality (AR), also erweiterte Realität – ich (wie auch andere) nenne es Reizüberflutung. Das lässt nur einen Schluss zu: Mit Spezialbrille ist das ein Parsifal nur für Frauen, die bekanntlich mühelos zum Multitasking fähig sind…nie im Leben könnten Männer einer Oper mit erweiterten Inhalten folgen. Ich frage mich nur, warum Andreas Schmidt, der Herausgeber von klassik-begeistert, dann einen Mann nach Bayreuth beordert hat, um den Parsifal zu covern. Das kann ja nur in die Hose gehen…
…daher sicherheitshalber keine Spezialbrille für mich, hatte ich beschlossen (s.u.). Sonst wäre mir noch entgangen, wie Pablo Heras-Casado den Parsifal entzaubert. So sehr sein Erbe als Experte für Alte Musik verwaltet, auf Transparenz und wenig andächtige Tempi setzt, dass kein Bühnenweihfestspiel herauskommt, sondern zweckfreie Kunst. Ästhetizismus. Wenn da nicht die zauberhaften Klangfarben wären, die der Spanier dem Festspielorchester entlockt. Die sind nicht von dieser Welt und gelingen vielleicht nur in Bayreuth.
Thomas Eitler-de Lints Festspielchor hatte mehr Wucht, als Heras-Casado dem Orchester gestattete. Dem Weltklasse-Ensemble war Pablo Heras-Casado sowas wie Best Buddy. Andreas Schager weiß, wie man als Tenor den reinen Tor glaubhaft gibt: Im Wissen um die eigene Kraft situationsgerecht in der Dynamik fein abgestuft. Michael Volle gestaltet Amfortas Schicksal als siechender Gralskönig lebendig, dabei stimmstark und mit großer Textverständlichkeit. Ein Heldenbariton eben. Der nächste Bayreuth-Profi, Georg Zeppenfeld als Gurnemanz trieb die Handlung mit Eleganz und Glaubwürdigkeit voran.
Jordan Shanahan (Klingsor) setzte der – nun ja, schrillen, vieles umdeutenden – Regie desgleichen viel Ernsthaftigkeit entgegen, sein Bariton war tiefschwarz, mit leichtem Hang zur Überschwänglichkeit. Miina-Liisa Värelä hat den perfekten, herrlich dunklen Kundry-Sopran und setzte mit dichtem Vibrato einen schönen Gegensatz zum lichten Dirigat.
Übrigens, wenn man KI fragt, ob Frauen wirklich besser im Multitasking sind als Männer, dann lautet die klare Antwort: Nein. Studien würden zeigen, dass das menschliche Gehirn generell nicht in der Lage sei, mehrere konzentrationsbedürftige Aufgaben gleichzeitig gleich gut zu bewältigen. Stattdessen wird extrem schnell zwischen den Aufgaben hin- und hergewechselt. Ein Grund mehr, sich beim Parsifal auf die Musik zu konzentrieren.
Sehen das die Verantwortlichen in Bayreuth dieses Jahr etwa so wie ich? Nun, AR-Brillen gab es nie genug. Heute – so ergab es meine investigative Recherche – gar keine Brille. Für Niemanden. Ein Schelm, der Böses dabei denkt…
Jörn Schmidt, 31. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at