Cecconi, Noah, Oniani © Sandra Then
Mehr als dreißig Jahre nach der legendären Inszenierung von Giancarlo Del Monaco, zeigt das Theater Bonn als zweite Opernpremiere seiner Saison 2026/2027 LA FANCIULLA DEL WEST von Giacomo Puccini in einer Inszenierung von Daniela Kerck, die mit ihrem Team eine sehr gelungene poetische Darstellung der Geschichte der Goldgräberstadt zeigt. Yannick-Muriel Noah als Minnie, George Oniani als Dick Johnson und Devide Cecconi als Sheriff Jack Rance, sowie ein tolles Ensemble unter der Leitung von Dirk Kaftan vermitteln effektvoll Puccinis Vision des Westens Amerikas.
Theater Bonn, Opernhaus, 4. Oktober 2026
Giacomo Puccini (1858-1924)
LA FANCIULLA DEL WEST
Oper in drei Akten (Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini nach David Belasco)
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Inszenierung & Bühne: Daniela Kerck
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Video: Astrid Steiner
von Jean-Nico Schambourg
Giacomo Puccini schrieb diese italienische Oper über den Westen Amerikas, ohne je selbst da gewesen zu sein. Basierend auf dem Text des amerikanischen Autors David Belasco, beschreibt das Werk das harte Leben der Männer, die Mitte des 19. Jahrhunderts dem Ruf des kalifornischen Goldrausches gefolgt sind.
Die Regisseurin Daniela Kerck zeigt mit ihrem Team eine poetisch sehr gelungene Darstellung der Geschichte der Goldgräberstadt. Die Männer, die es hierher verschlagen hat, werden getrieben von Sehnsucht und Hoffnung: Sehnsucht nach ihrem Zuhause und ihren Familien und Hoffnung, Gold zu finden, um zu diesen zurückkehren zu können.
Wenn der Vorhang sich öffnet, sieht man Sheriff Jack Rance einsam am Bartresen hocken, während im Hintergrund eine Projektion von New York gezeigt wird. Er ist mit seinen Gedanken ganz in seiner Heimat bevor Regen einsetzt und sich wie ein Schleier des Vergessens über diese Erinnerungen legt und ihn in die staubige Realität Kaliforniens zurückholt.
Die Videoprojektionen von Astrid Steiner, die den ganzen Abend lang im Hintergrund zu sehen sind, vermitteln das Gefühl der Entfernung von daheim und des harten Loses der Goldgräber. Riesige Canyons und weite Ebenen geben einen Eindruck der Distanz, Sand- und Schneestürme der widrigen Umstände.
Alle, die hierher verschlagen sind, haben ihre eigene Geschichte. Vereinzelt beleuchtet Kerck ein einzelnes Schicksal und lässt dann alle anderen herum stillstehen oder sich im Zeitlupentempo bewegen. Es ist der Rausch nach Gold und Minnie, die sie am Leben hält. Wenn diese am Ende der Oper mit ihrem geliebten Dick wegzieht, bricht für die Zurückbleibenden eine Welt zusammen. Wie am Anfang sitzt Rance an der Bar. Regen fällt und spült seine letzte Hoffnung auf Liebe weg.
Was braucht es musikalisch für diese Oper? Einen dramatischen Sopran, einen kraftvollen Spinto-Tenor, einen markanten Bariton und dann ein tolles homogenes Männerensemble! All diese Ansprüche kann das Theater Bonn an diesem Abend erfüllen.

Yannick-Muriel Noah singt Minnie mit leuchtendem Sopran. Wird in der Mittellage ihre Stimme manchmal ein wenig vom Orchester überdeckt, so besitzt sie jedoch genug Power, um sich in den dramatischen Momenten mühelos und strahlend über Ensemble und Orchester hinwegzusetzen. Besonders eindrucksvoll gestaltet sie die Kartenszene im zweiten Akt, wo sie sich auch stimmlich ganz der Dramatik der Szene hingibt. Aber auch die lyrischen Momente weiß sie mit weicher, schmeichelnder Stimme zu gestalten, manchmal auch mit einem Anflug von Schelmigkeit.
Für die Rolle des Dick Johnson alias Ramerrez besitzt George Oniani die richtige Tenorstimme. Durchsetzungsfähig und mit großem Farbenreichtum für jede Situation. Devide Cecconi singt mit markanter Bariton-Stimme den Sheriff Jack Rance, der Minnie nachstellt, aber von ihr abgewiesen wird. Für dessen Zynismus, Enttäuschung und Wut findet er stets den richtigen Klang.
Eigentlich müsste man jeden einzelnen Interpreten in dieser Goldgräbergemeinde hervorheben. Neben den Mitgliedern des Bonner Ensembles verstärken einige Gastsänger die Gruppe der Goldgräber. Es seien stellvertretend für alle nur einige hier aufgeführt. So zum Beispiel trägt Aluda Todua mit balsamischer Stimme das Lied des Jack Wallace vor. Weiterhin seien Gillen Munguia als der Barkeeper Nick, Mikhail Biryukov als Ashby, Agent von Wells Fargo, Tobias Greenhalgh als Sonora, Will Frost als Larkens erwähnt. Als einzige Frauenstimme außer Minnie tritt Chormitglied Ji Young Mennekes in der Rolle der Wowkle auf. Alle tragen ihren wichtigen Teil zum Gelingen des Abends bei.
Dies ist auch der Fall der Herren des Chores und Extrachores des Theater Bonn (Leitung: André Kellinghausen).

Natürlich braucht es auch einen Dirigenten mit dem richtigen Gespür für diese Oper, in der Puccini neue kompositorische Wege einschlug. Die FANCIULLA kündigt mit ihren harmonischen Kanten die spätere TURANDOT an. Dirk Kaftan lässt dabei dem Beethoven Orchester Bonn genügend Freiheit, um diese Effekte hervorzustreichen. Da kann es dann auch mal vorkommen, dass einige Phrasen der Sänger überdeckt sind. Das stört aber eigentlich nicht, denn bei Puccini trägt hier das Orchester zumindest ebenso viel zur Dramatik der Oper bei als die Sänger und die Handlung selbst.
Das Publikum zeigt sich begeistert von der Darstellung aller Mitwirkender. Den größten Applaus gibt es natürlich für Yannick-Muriel Noah für ihre Glanzleistung als Minnie.
Jean-Nico Schambourg, 5. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gioachino Rossini (1792 – 1868), Il barbiere di Siviglia Theater Bonn, Opernhaus, 10. Mai 2026
Giacomo Puccini, La fanciulla del West Hamburgische Staatsoper, 4. April 2025