Selbst der Regisseur zeigte sich vom ersten Aufzug der Walküre tief beeindruckt

Richard Wagner, Die Walküre, Omer Meir Wellber  Hamburgische Staatsoper, 3. Oktober 2026

Ante Jerkunica (Hunding), Annika Schlicht (Fricka), Derek Welton (Wotan), Allison Oakes (Brünnhilde), Vida Miknevičiūtė (Sieglinde), Matthew Newlin (Siegmund) (Foto: RW)

Wie Omer Meir Wellber das Philharmonische Staatsorchester zum Klingen brachte, war phänomenal. Selten habe ich eine Walküre so piano spielen hören, ohne den romantisch-warmen Klangeindruck zu verlieren. Schon das Vorspiel ließ mit den dynamischen Steigerungen der tiefen Streicherrhythmen einen großen Opernabend erahnen.

Hamburgische Staatsoper, 3. Oktober 2026,
42. Vorstellung seit der Premiere am 19.10.2008

Die Walküre, Komposition und Libretto von Richard Wagner

Inszenierung:  Claus Guth, Bühne und Kostüme:  Christian Schmidt

Spielleitung:  Petra Müller

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Leitung  Omer Meir Wellber

von Dr. Ralf Wegner

Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einen gesanglich und darstellerisch so ergreifenden ersten Walküre-Aufzug gehört zu haben. Das lag in erster Linie an dem jungen US-amerikanischen Tenor Mathew Newlin, dessen bronzefarben changierendes schönes Stimmmaterial in den lyrischen Passagen wie dem Winterstürme wichen den Wonnemond zu Herzen ging und dessen kraftvoll in den Raum emittierte Wälse-Rufe allein schon von der imposanten Dauer her unter die Haut gingen. Wo nahm er bloß den Atem dafür her. Seit Johan Botha habe ich niemanden mehr so den Siegmund singen gehört. Newlin hatte aber auch in Vida Miknevičiūtė eine unglaublich präsente Sieglinde zur Seite, die ihn mit ihrer Ausdruckstärke zu sich heraufzog. Bei beiden stimmte die Chemie von Anbeginn an.

Die litauische Sopranistin legte ihre Partie stimmlich eher dramatisch an, so dass in der Gesamtwirkung ein belkantischer Klang nicht wirklich zu vermissen war. Dieser kam aus dem Orchestergraben. Wie Omer Meir Wellber das Philharmonische Staatsorchester zum Klingen brachte, war phänomenal. Selten habe ich eine Walküre so piano spielen hören, ohne den romantisch-warmen Klangeindruck zu verlieren. Schon das Vorspiel ließ mit den dynamischen Steigerungen der tiefen Streicherrhythmen einen großen Opernabend erahnen. Der sich dann auch über die drei Aufzüge bestätigte.

Omer Meir Wellber mit Derek Welton, Annika Schlicht, Vida Miknevičiūtė, Matthew Newlin und Allison Oakes (Foto: RW)

Selbst leichte gesangliche Einschränkungen bei Allison Oakes als Brünnhilde und Derek Welton als Wotan wurden im dritten Aufzug von dem brillanten Orchesterspiel nicht überdeckt, sondern musikalisch so aufgefangen, so dass diese für den hervorragenden Gesamteindruck keine wesentliche Rolle mehr spielten. In einer anderen Aufführung wäre mir Oakes Vibrato in den mehr lyrischen Passagen, etwa der Erkennungsszene mit Siegmund im zweiten Aufzug, doch stärker aufgefallen. Derek Welton beeindruckte natürlich mit dem kraftvoll tönenden Schlussgesang Wotans, weswegen er am Ende auch einhellig bejubelt wurde.

In der Auseinandersetzung mit Brünnhilde im dritten Aufzug mangelte es seiner Stimme etwas an Farbreichtum, um den Wechsel von fast blinder Wut hin zur väterlich verzeihender Liebe auch belkantisch überzeugend zu unterstreichen. Aber Wellbers Dirigat glich das alles aus. Annika Schlicht beeindruckte als Fricka mit kraftvollem und klangschönem Mezzo, Ante Jerkunica überzeugte als Hunding mit mächtigem, aber nicht sehr bedrohlich klingendem Bass. Das machte er mit seiner Statur wett.

Nach der Aufführung: Podiumsgespräch mit Claus Guth (Inszenierung) und dem Dramaturgen Christopher Warmuth (Foto: RW)

Nach der Aufführung gab es im Foyer des zweiten Rangs noch ein gut besuchtes Gespräch mit dem Regisseur Claus Guth. Er zeigte sich, wie wohl auch die Besucher der Veranstaltung, besonders vom ersten Aufzug beeindruckt. Auf Nachfrage gab er an, den dritten Aufzug, der in einem zerstörten, verschmutzen Gebäude mit durchbrochener Decke spielt, für den schwächsten des Dreiteilers zu halten. So würde er diesen wohl nicht wieder auf die Bühne bringen. Er zeigte Verständnis für manche Kritik, führte aber auch aus, dass man nicht immer alles verstehen müsse.

Der Mensch selbst handele häufig unverständig. So sei es eben bei der Opernregie, sonst könnte man sich ja auch ein Fernsehspiel im Öffentlich-Rechtlichen anschauen. Der Frage des Interviewers, dem Dramaturgen Christopher Warmuth, was denn bei einer Operninszenierung wichtiger sei, der Text oder die Musik, wich Guth auf seine stets charmante Art aus. Meine Meinung dazu: 80% Musik, nur 20% Text, wenn überhaupt.

Dr. Ralf Wegner, 4. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Richard Wagner, Walküre, Hamburgische Staatsoper, 11. und 16. November 2018

3 Kommentare zu „Richard Wagner, Die Walküre, Omer Meir Wellber
Hamburgische Staatsoper, 3. Oktober 2026“

  1. Wie verschieden doch die Geschmäcker sind ! Hatte gerade vorher eine Kritik bei Backstage Classical gelesen, wo der Tenor negativ beurteilt wurde.

    Hartmut Funke

  2. Lieber Herr Funke,
    mich würde interessieren, woher Sie diese Information haben, bei Backstage Classical finde ich sie nicht. Auch die Google-KI findet sie dort nicht, sondern verweist bezüglich einer negativen Kritik in jenem Journal nur auf ihre Anmerkung bei klassik begeistert. Es handelt sich möglicherweise um eine klassische Redundanz bzw. um eine sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

    Aber zum Inhaltlichen: Für mich ist Wagners Walküre, abgesehen vom dritten Aufzug, ein Kammerspiel. Siegmund ist kein Held, sondern ein traumatisierter junger Mann, der seine Mutter ermordet gefunden, seine Schwester entführt erlebt und schließlich auch noch den Vater verloren hat. Voller Empathie wollte er auf dem Weg in die Welt eine junge Frau vor einem Eheunglück beschützen, erntete nur Undank und wurde durch die Wälder getrieben. Er nennt sich deswegen ja auch Wehwalt. Siegmund ist ein Suchender, von Empathie Getriebener, der in Sieglinde erstmals sein eigenes Ich widergespiegelt sieht. Er muss dafür nicht stimmlich dröhnend den Saal raumfüllend erobern wie dereinst Hans Beirer.

    Mein Schlüsselerlebnis war Klaus Florian Vogt 2012 in einer Münchner Walküre. Da verkörperte jemand mit engelgleicher, fast knabenhafter Stimme diesen Typus des „Helden“. Endlich war die Rolle auch von der inneren Beseelung her glaubhaft. Mattew Newlin in der aktuellen Hamburger Walkürenserie hat diese Beseelung in der Stimme und darüber hinaus noch einen etwas dunkleren Stimmkern. Unter der sensiblen musikalischen Begleitung von Omer Meir Wellber kam das Lyrische in Wagners Komposition erst recht zum Tragen. Wie schön, wie belkantesk ist doch diese Musik und dieser Gesang. Und Newlins Wälserufe versandeten auch nicht in der Tiefe des Raums, sondern gingen in der 19. Parkettreihe noch tief unter die Haut.

    Dr. Ralf Wegner

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