Zürich: Beifallsstürme für Cecilia Bartoli als phänomenale Iphigénie 

Opernhaus Zürich, 6. Februar 2020
Christoph Willibald Gluck, Iphigénie en Tauride
Foto: Monika Rittershaus (c)

von Charles E. Ritterband

Wachen und Träumen fließen in den antiken Mythen ineinander über – und so sprengt auch die großartige Inszenierung des ungarischen Regisseurs Andreas Homoki von Glucks „Iphigénie en Tauride“ die in unserer Kultur scharf gezogenen Grenzlinien zwischen äußerer und innerer Realität. Sein radikales Regiekonzept verzichtet beim Schauplatz der Handlung und konsequenterweise auch beim radikal abstrakten Bühnenbild auf jegliche Anspielung an barocke Elemente – also die Epoche, in der die Uraufführung von Glucks ebenso radikal konzipierte Oper am 18. Mai 1779 stattgefunden hatte. Einzige, wenngleich stilisierte, verfremdete Anspielung ans Barock: Kostüme und silber-weiße Perücken der Familie Iphigénies: der griechische Heerführer Agamemnon, seine Gattin Klytämnestra und die Kinder Orest und Iphigénie. „Christoph Willibald Gluck, Iphigénie en Tauride,
Opernhaus Zürich, 6. Februar 2020“
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Zwei allemal hörenswerte Abende in Berlin und Zürich – die optischen Zutaten hätte man sich schenken sollen

Foto © Herwig Prammer
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. Oktober 2019

Alessandro Scarlatti, Il Primo Omicidio
Musikalische Leitung: René Jacobs
Regie, Bühne, Licht,Kostüme: Romeo Castellucci
B’rock Orchestra

Opernhaus Zürich, 3. November 2019
Georg Friedrich Händel, Belshazzar
Musikalische Leitung: Laurence Cummings
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühnenbild: Barbara Steiner
Kostüme: Christina Schmitt

von Kirsten Liese

Ohne szenischen Mehrwert

Die Idee, Oratorien szenisch aufzuführen ist nicht ganz neu. Schon ein John Neumeier illustrierte Bachs Passionen mit Ballett-Choreografien, der Regisseur Peter Sellars präsentierte sie zusammen mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern in halb-szenischen rituellen Inszenierungen. Ich hatte mich weiland daran nicht gestört, aber meines Erachtens brauchte es das ganze Drum und Dran nicht, da die geniale Musik keiner zusätzlichen Reize für das Auge bedarf. „Alessandro Scarlatti, Il Primo Omicidio, Georg Friedrich Händel, Belshazzar
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 31. Oktober 2019, Opernhaus Zürich, 3. November 2019“
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Verdis Schicksalsoper als groteske Farce an der Oper Zürich

Foto © Monika Rittershaus
Giuseppe Verdi, La Forza del Destino, Opernhaus Zürich, 30. Juni 2019

Musikalische Leitung   Fabio Luisi
Inszenierung  Andreas Homoki
Bühnenbild  Hartmut Meyer
Kostüme  Mechthild Seipel
Donna Leonora  Anja Harteros
Don Carlo di Vargas  George Petean
Don Alvaro   Yonghoon Lee
Il Marchese di Calatrava/Padre Guardiano  Wenwei Zhang
Preziosilla   Elena Maximova
Fra Melitone  Renato Girolami
Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Choreinstudierung  Janko Kastelic

Von Charles E. Ritterband

Wer das Glück hatte, noch am Vorabend in demselben Hause den phänomenalen „Nabucco“ zu erleben, war denn knapp 24 Stunden später ziemlich befremdet über diese Verdi-Inszenierung: unmotiviert grotesk, mit merkwürdig kostümierten Gestalten und absurder Haartracht, die vor einem ziemlich grässlichen Bühnenbild (Hartmut Meyer) – bestehend aus einer meist die Bühne dominierenden graugrün-weiß-Monstrosität agieren.

© Monika Rittershaus

Was soll`s, fragt man sich – und erhält auch im üblicherweise aufschlussreichen Programmheft keine wirklich schlüssigen Hinweise. Auch die Regie wirkt in diesem doch an Handlung und Psychologie reichen Stück eher ratlos. Willkürlich und bis zum Überdruss repetitiv huschen die skurrilen Gestalten über die Brücke, spielen Verstecken hinter dem gigantischen graugrün-weißen Betoneck. „Giuseppe Verdi, La Forza del Destino, Opernhaus Zürich, 30. Juni 2019“ weiterlesen

Weltklasse-„Nabucco“ im Opernhaus Zürich

Foto: © Dominic Büttner
Opernhaus Zürich
, 29. Juni 2019
Giuseppe Verdi, Nabucco

von Charles E. Ritterband  

Wer je Zweifel daran gehegt haben sollte, dass das Opernhaus Zürich zu den  absoluten Spitzenhäusern weltweit gehöre – dieser Abend dürfte diese Tatsache unwiderruflich belegt haben. Eine derartig makellose Perfektion ist selbst in den renommiertesten Opernhäusern alles andere als alltäglich: In den Stimmen der Protagonistinnen und Protagonisten, der Verve des Orchesters und ihres Dirigenten, dem Bühnenbild, der Inszenierung und den Kostümen, ja schliesslich in den schauspielerischen Details. An diesem Abend in der tropisch heißen Limmatstadt stimmte einfach alles – und ließ keine Wünsche übrig. Das sonst doch bisweilen eher spröde Zürcher Publikum honorierte diese von der ersten bis zur letzten Note packende, dynamische Aufführung und vor allem die fantastischen Sänger mit enthusiastischem Beifall. „Giuseppe Verdi, Nabucco, Opernhaus Zürich, 29. Juni 2019“ weiterlesen

„Lucia“ mit Nina Minasyan und Nello Santi:
eine Sternstunde in Zürich

Foto: Toni Suter  ©
Opernhaus Zürich, 
14. März 2019
Gaetano Donizetti, Lucia di Lammermoor

von Charles Ritterband

Die zehnminütige Standing Ovation nach dieser großartigen „Lucia“ im Opernhaus Zürich galt nicht dem unbestrittenen Star des Abends, der phänomenalen armenischen Sopranistin Nina Minasya in der Titelrolle, sondern dem schon zu Lebzeiten legendären Publikumsliebling Nello Santi: Mit nunmehr fast 90 steht der unermüdliche Italiener immer noch am Dirigentenpult und holt aus dem Zürcher Orchester die ganze temperamentvolle und sentimentgeladene „Italianità“, die Donizetti den Musikern abverlangt.

Einmal mehr unterstützte die hervorragende Akustik dieses edlen, vom Architektenteam Fellner und Helmer 1891 entworfenen Baus die ebenso gefühlvoll wie präzise musizierende Philharmonia Zürich. Der Maestro, den ich selbst noch als junger Student in der Arena di Verona mit diversen Verdi-Opern erlebte – gefeiert schon damals – hatte vor sechzig Jahren am Opernhaus Zürich seine erste „Lucia“ dirigiert. Zum Schlussapplaus auf der Bühne musste der große Meister des Verismo und Belcanto von den Sängern gestützt werden, doch unten am Pult war Santi von Alter und Gebrechlichkeit nicht das Geringste anzumerken – dort entfaltete er jugendliche Begeisterung, die er auf Orchester und Sänger übertrug. Lucia ist offenbar eine von Santis Lieblingsopern – das Sextett am Ende des 2. Aktes ist für Santi „das schönste Ensemble des ganzen italienischen Opernrepertoires“. Selbst die oft gehörte Behauptung, dass das Libretto von Salvatore Cammarano dramaturgisch schwach sei, bestreitet Santi. Gerade die drei letzten Szenen seien von der Handlung her zwingend und musikalisch bewegend. „Gaetano Donizetti, Lucia di Lammermoor,
Opernhaus Zürich, 14. März 2019“
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