Fotos: Oper Zürich – Così fan tutte – 2018/19 © Monika Rittershaus
Das „e“ aus Così fan tutte streicht Don Alfonso, der eins der höhnischsten Experimente der Opernliteratur angezettelt hat, in der Schlussszene selbst weg und ersetzt es durch ein „i“. Damit wird das weibliche „tutte“ (alle Frauen) zum generischen oder maskulinen „tutti“ (alle Menschen oder alle Männer, wahlweise). Und wie machen es alle? Na so eben. Wenn es denn wahr wäre! So gut wie bei der Wiederaufnahme am Opernhaus Zürich erlebt man die „Così“ nämlich selten.
Wolfang Amadeus Mozart
Così fan tutte
Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Lorenzo da Ponte
Roberto González-Monjas Musikalische Leitung
Kirill Serebrennikov Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme
Musikkollegium Winterthur
Continuo:
Esteban Dominguez Gonzalvo Hammerklavier
Flurin Cuonz Violoncello
Chor der Oper Zürich, Einstudierung: Alice Lapasin Zorzit
Statistenverein am Opernhaus Zürich
Opernhaus Zürich, Wiederaufnahme, 3. Juli 2026
von Sandra Grohmann
Lieben zwei Jungs zwei Schwestern (also jeder eine, denkt man jedenfalls) und schwören auf deren Treue. Ein ihnen bekannter Philosoph (aka Zyniker) treibt sie daraufhin in eine Wette um diese Treue, für die sie den Frauen zunächst selbst untreu werden müssen, indem sie – verkleidet – um die Braut des jeweils anderen werben, um die Probe aufs Exempel zu machen. Und siehe da, die Frauen sind auch nicht aus Stein. Schon blöd und nach der Lesart der beiden Jungs natürlich ausschließlich der Fehler der Frauen.
Kirill Serebrennikov, studierter Physiker, untersucht in seiner 2018 während seines russischen Hausarrests entstandenen Inszenierung dieses hässliche Experiment in allen Einzelheiten, sieht Verbindungen zur #MeToo-Bewegung, blendet Femen-Aktivistinnen ein. Er übersteigert es zugleich, indem er keine Verkleideten zu den beiden Frauen schickt, sondern menschliche Avatare. Zudem glauben die beiden Frauen laut Inszenierung (angeblich), dass ihre Liebhaber tot seien. Das ist eine vertretbare Interpretation, die allerdings nicht hundertprozentig zum Libretto passt. Nötig wäre das wohl nicht gewesen, um die beiden Bräute zu entschuldigen. Wer weiß, ob hier überhaupt irgendeine Entschuldigung der Frauen angebracht ist. Aber jedenfalls bietet der Regiekniff eine Lösung für die eigentlich vorgesehene nicht glaubhafte erfolgreiche (!) Verkleidung.

Serebrennikovs in die Partitur notierte Regieanweisungen und seine Videobotschaften zur Inszenierung werden bei der Wiederaufnahme nicht nur in allem Detailreichtum, sondern mit großer Spielfreude befolgt. In der Intimität des Züricher Opernhauses bieten die sorgfältige Einstudierung, das rasante Dirigat von Roberto González-Monjas, die eindringlichen Stimmen und die überdrehte Statisterie tatsächlich das Dramma giocoso, als das „Così fan tutte“ firmiert. Das war bei der Übernahme an die Komische Oper Berlin 2023 nicht in gleichem Maße gelungen (sh. auch https://klassik-begeistert.de/wolfgang-amadeus-mozart-cosi-fan-tutte-komische-oper-berlin-premiere-am-11-maerz-2023/), obwohl die Regieleistung auch damals bereits weithin großen Anklang gefunden hatte.
Ohne die fantastischen Stimmen des Abends wäre die Wiederaufnahme wohl kaum so eindrücklich geraten. Allen voran die eindringliche Elbenita Kajtazi als Fiordiligi. Ihr lupenreiner Sopran scheint Berge versetzen zu können und strömt auf schier endlosem Atem mit kräftigem Timbre dahin. Dass sie darüber hinaus auch schauspielerisch überzeugt, macht sie zu einer äußerst erfreulichen Besetzung in dieser ausgefeilten Einrichtung.

© Monika Rittershaus
Als ebenbürtige, wenn auch gegen Ende der Aufführung mit gelegentlichen Schärfen singende Dorabella bildet Siena Licht Miller mit Kajtazi das Schwesternpaar, das so manches Duett in angenehm passender Stimmfärbung miteinander bestreitet.
Ihnen stehen mit Bogdan Volkov ein spielerisch ebenso präsenter wie stimmlich tragender Tenor als Ferrando und mit Yannick Debus ein Guglielmo im warmen Bariton und mit hoher Bühnenpräsenz gegenüber. Das zentrale Quartett ist damit höchst ausgeglichen und homogen besetzt. Alle vier halten die Spannung musikalisch und darstellerisch in jedem Moment – keine Wiederholung wird hier zu lang, keine Szene lässt das Publikum auch nur einen Augenschlag lang los.

© Monika Rittershaus
Bassbariton Luca Pisaroni ergänzt als wohl selbst enttäuschter und darüber zynisch gewordener Don Alfonso mit satter Stimme und überzeugt auch schauspielerisch ebenso wie die im Gegensatz zur übrigen Besetzung zwar etwas weniger stimmgewaltige, aber mit erheblichem komödiantischem Talent gesegnete Rebeca Olvera als Despina.
Aus dem Orchestergraben kommen nicht nur die leidenschaftlichen Themen des Abends, sondern durch das Continuo auch die spitzen kleinen Anmerkungen, die voller Witz die Rezitative der Bühnenfiguren kommentieren und hinterfragen. Der Chor stellt seine hervorragenden Qualitäten weitgehend hinter der Bühne unter Beweis.
Als Avatare, die laut Serebrennikov „die Verkörperung des dunklen, niederträchtigen Teils im Mann, vor dem die Frau vollkommen hilflos ist“ darstellen, brillieren schließlich Co-Regisseur Evgeny Kulagin und Schauspieler Francesco Gulglielmino.
Doch warum ist „die Frau“ eigentlich so hilflos vor dem Tierischen im Mann (vorausgesetzt, Serebrennikovs Bemerkung treffe zu)? Man weiß es nicht genau. Così fan tutte. Così fan tutti. Vielleicht.
Sandra Grohmann, 4. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Staatsballett Berlin: Nurejew, Inszenierung Kirill Serebrennikov Deutsche Oper Berlin, 4. April 2026