Ein flotter Vierer: Barbara-David Brüesch inszeniert Così fan tutte in St. Gallen

Wolfgang Amadeus Mozart, Così fan tutte (1790)  Theater St.Gallen, 2. Mai 2026 PREMIERE

Vincenzo Neri, Jennifer Panara © Edyta Dufaj

Wolfgang Amadeus Mozart     Così fan tutte (1790)

Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Lorenzo Da Ponte
Koproduktion mit der Oper Graz

 

Theater St.Gallen, 2. Mai 2026 PREMIERE

von Julian Führer

„Wetten, dass ihr die Freundin des anderen ins Bett bekommt?“ – Das ist die Ausgangsfrage von Così fan tutte, eine Wette auf Gegenseitigkeit, die zwei Pärchen an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringen wird, da die Frauen sich als untreu erweisen und die Männer, die dieses Spiel beginnen, es ohnehin schon sind. Die St.Galler Premiere zeigte, dass dieser unter diversen Aspekten nicht ganz unproblematische Stoff sich verblüffend gut auf die Bühne bringen lässt.

Auf der Bühne (Alain Rappaport) sieht man zwei aufgeschnittene Doppelhaushälften mit gediegen moderner Einrichtung, in denen links Fiordiligi und Guglielmo und rechts Dorabella und Ferrando leben. Die Ouvertüre zeigt das Alltagsleben dieser Paare in seiner ganzen Banalität: Die Männer stehen morgens auf und verlassen das Haus, die Frauen drehen sich noch einmal um und verbringen dann viel Zeit im Bad, abends hängen die Männer dann vor dem Fernseher und gucken sich Sport an – Langeweile und Routine bei den Nachbarn, so dass der Vorschlag von Don Alfonso, die Treue der Damen mit einer inszenierten Abreise und anschließenden Rückkehr in Verkleidung auf die Probe zu stellen, auf Interesse stößt.

Brian Michael Moore, Vincenzo Neri, Jonas Jud (v.l.n.r.) © Edyta Dufaj

Als Guglielmo und Ferrando in ihrer neuen Identität zurückkommen, sind sie in der Tat verwandelt: keine gelangweilten Sofakater im gemusterten Bademantel mehr, sondern Handwerker mit diversen Attributen der Männlichkeit: Jeans, Arbeitsschuhe, dicke Ledergürtel, Baustellenhelme, Holzfällerhemden und buschige Schnurrbärte, durchaus zur Begeisterung der Vorstadtgrazien Fiordiligi und Dorabella. Diese angeklebten Bärte, die auch im Libretto erwähnt werden, fallen den beiden allerdings im Eifer der Komödie ab, so dass den Damen zu einem sehr frühen Zeitpunkt klar ist, dass sie es mit dem sattsam bekannten und längst vergebenen Herrn Nachbarn zu tun haben.

Die Dienstmagd Despina agiert im Sinne des Strippenziehers Don Alfonso und verkleidet sich als Arzt, als die Männer in vorgeblicher Verzweiflung ob der Zurückweisung durch die Damen „Gift“ genommen haben, gegen das nur ein Defibrillator und ein in beiden nebeneinanderliegenden Wohnküchen zündender Pyroeffekt helfen. In der Personenführung gab es viele charmante Details: Dorabella und Fiordiligi bewegen sich in ihren jeweiligen Wohnungen in den ersten Szenen absolut synchron. Die verkleideten Männer nähern sich aus alter Gewohnheit erst ihren bisherigen Partnerinnen und müssen erst von Don Alfonso in Richtung der Nachbarin orientiert werden.

Jennifer Panara © Edyta Dufaj

Im zweiten Teil lahmt die äußere Handlung etwas, da es für die Männer nun darum geht, die Partnerin des Nachbarn zu verführen und über Erfolg oder Misserfolg zu berichten. Fiordiligi braucht eine Arie länger als Dorabella, um dem Charme des Nachbarn zu erliegen, wobei die beiden sich durchaus austauschen, auf wen sie es abgesehen haben (und damit ihrerseits das Spiel in vollem Bewusstsein weitertreiben).

Die Drehbühne und der Bühnenaufbau auf zwei Ebenen erlauben einen Wechsel von Küche zu Schlafzimmer, von Badezimmer zu Terrasse und damit immer wieder neue Situationen. Der Chor trägt zunächst die dunkle Kleidung der Bühnentechnik und hilft beim Umbau (doch ist die eigentliche Technik hinten immer wieder beim Einrichten zu sehen). Zu erwähnen ist auch, wie oft die Soli die Kostüme wechseln, die immer zur jeweiligen Situation passten (Kostüme: Sabin Fleck).

Rasant im Wortsinn war das Finale, bei dem ein echter Maserati-Sportwagen auf die Bühne kam. Die inszenierte Hochzeit wird jäh unterbrochen, als die Herren auf ein Zeichen Don Alfonsos wieder ihre alte Identität annehmen und, nachdem sie die Partnerin des Nachbarn erfolgreich verführt haben, wieder ihre alten Beziehungen einfordern. Die Damen sind in Lorenzo Da Pontes Oper verängstigt wegen ihrer Untreue, bei Barbara-David Brüesch fassungslos ob des allzu offenen Betrugs. Wo viele Interpretationen der jüngeren Zeit ausweichen oder versagen, war hier das lieto fine, also der glückliche Schluss der Oper, durchaus geglückt: Da man ohnehin miteinander nähere Bekanntschaft gemacht hat, schiebt man die Doppelbetten eben zusammen und teilt sie ebenso wie die Partner zu viert.

Ensemble, Chor des Theaters St.Gallen © Edyta Dufaj

Ein Kapitel für sich war die Übertitelung – Despina fragt sich, als sie die verkleideten Männer sieht, ob das „Türken oder Walachen“ sind, und so singt sie es auch. Die Übertitelung beschweigt diese Passage leider, ebenso die vermeintlich albanische Herkunft der ‚Fremden‘. Aus einer „jungen Frau von 15 Jahren“ wird eine alterslose „junge Frau“, obwohl Despina auch hier den Originaltext singt. Aus dem Notar wird in der Übertitelung eine Notarin, aus den Herren mit fremdländischen Namen schlicht „der da“ und zuletzt etwas, was mit dem gesungenen Libretto rein gar nichts mehr zu tun hat – all das, um die Grundidee der Regie über die Zeit zu retten. Die Dramaturgie geht wohl davon aus, dass Italienisch (immerhin Landessprache) in der Ostschweiz nicht verstanden wird.

Gesungen wurde durchweg auf hohem Niveau: mit sehr flexiblem Sopran und großem Atem Olivia Smith als Fiordiligi, sicherlich eine Entdeckung des Abends, die man bald gerne in einer Verdirolle hören würde. Jennifer Panara gab der Dorabella stimmliche und szenische Präsenz. Brian Michael Moore verkörperte mit schlankem Tenor den Ferrando, Vincenzo Neri mit viel baritonalem Schmelz den Guglielmo. Don Alfonso, eigentlich ein „alter Philosoph“, lag beim jungen Jonas Jud, der im Laufe des Abends zu immer souveränerer Form auflief.

Olivia Smith, Jennifer Panara (oben, v.l.n.r.), Vincenzo Neri, Brian Michael Moore (unten, v.l.n.r.)
© Edyta Dufaj

Wie fast üblich in dieser Oper zog die Despina der Mack Wolz viele Sympathien auf sich. Die Spielfreude des Ensembles verdient besondere Hervorhebung; auf der Bühne wurde viel gelacht, und man fragte sich zwischendurch, ob das eigentlich noch inszeniert war oder der Komik der Situationen geschuldet war. Zusätzlich zu den sechs Solisten war noch die Tänzerin Ann-Kathrin Adam als Amor zu sehen, oft aus dem Schnürboden auf Spitze über die Reihenhaushälfte, manchmal über die Bühne tänzelnd.

Olivia Smith (links), Ann-Kathrin Adam (rechts) © Edyta Dufaj

Das Sinfonieorchester unter seinem designierten Chefdirigenten Pietro Rizzo spielte flexibel, eher vollmundig als an der Originalklangbewegung orientiert, was vollkommen legitim ist. Im Vergleich zu Mozarts anderen, auch späten Opern fällt bei Così fan tutte auf, was der Komponist alles den Holzbläsern anvertraut, vor allem den Klarinetten, die eine damals neue Klangfarbe in den Orchesterklang einbrachten.

Pietro Rizzi dirigierte zügige, mitunter sogar rasante Tempi, ließ aber auch (wie im fast verschatteten Terzettino Soave sia il vento) Ruhepunkte zu. Die straffe Lesart der Partitur wurde durch einige Striche noch akzentuiert; so wurde der Chor um wesentliche Teile von Bella vita militar und das Männerduo um seine musikalische Rückkehr mit Sani e salvi gebracht. Die Rezitativbegleitung war sehr genau auf das Geschehen auf der Bühne abgestimmt.

Das Publikum applaudierte einhellig und herzlich dieser geglückten Premiere mit etlichen Bravos für die Fiordiligi der Olivia Smith. Eine erfrischende Produktion, die überregionale Aufmerksamkeit verdient!

Julian Führer, 3. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lied von der Erde, Modestas Pitrenas, Dirigent Konzert und Theater St.Gallen, Tonhalle, 13. Februar 2026

Sinfonieorchester St.Gallen, Pietro Rizzo, Dirigent Konzert und Theater St.Gallen, Tonhalle, 26. Oktober 2025

Giacomo Puccini, La Bohème (1896) Theater St.Gallen, 18. Oktober 2025 PREMIERE

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