Foto: Grigory Sokolov © Klaus Rudolph
Tiefgründiger geht es nicht: Grigory Sokolov gastiert mit Werken von Beethoven und Schubert in der Kölner Philharmonie.
Ludwig van Beethoven (1770-1827) – Sonate für Klavier Nr. 4 Es-Dur op. 7; sechs Bagatellen op. 126 für Klavier
Franz Schubert (1797-1828) – Sonate für Klavier B-Dur D 960
Grigory Sokolov, Klavier
Kölner Philharmonie, 29. Juni 2026
von Brian Cooper
Vor zweieinhalb Monaten ist er 76 geworden, und noch immer gastiert er Jahr für Jahr in Köln und anderswo. Der Termin für den kommenden Sommer wurde soeben bekanntgegeben. An die 70 Konzerte sollen es sein, die Grigory Sokolov jährlich gibt. Längst gibt er nur noch Rezitale, mit Orchestern spielt er schon lange nicht mehr – angeblich wegen zu limitierter Probenzeiten. Auch das ist ein Indiz für seinen Perfektionsdrang und eine kompromisslose Haltung gegenüber der eigenen Kunst.
Und die ist nach wie vor beeindruckend, bestechend tiefgründig, technisch noch immer nahezu makellos, musikalisch brillant. Was das Kölner Publikum an diesem lauen Sommerabend Ende Juni in der Philharmonie erleben durfte, war nichts Geringeres als ein ergreifendes Hochamt feinsten Klavierspiels.
Vorweg sei gesagt: Das Publikum hat man in der fast ausverkauften Philharmonie schon schlimmer erlebt. Bis auf die üblichen Huster, die an fragilsten Stellen in die Stille bellten, ohne auch nur daran zu denken, wie bescheuert sie sich verhalten (Taschentuch? Fehlanzeige!); bis auf ein gutes halbes Dutzend herunterfallender bzw. klingelnder Handys; bis auf einen beschämenden Exodus mehrerer Dutzend Menschen nach der Schubert-Sonate D 960 sowie weitere Flüchtige im sechsteiligen Zugabenblock; bis auf Filmende, zum Teil mit Blitz, die immer wieder vom Saalpersonal zurechtgewiesen werden mussten; bis auf all das konnte man dankbar sein, denn es waren in ihrer großen Mehrheit Menschen im Saal, die der Musik wegen gekommen waren und einem Großmeister aufmerksam huldigten.
Es wäre allerdings wünschenswert, wenn die Philharmonie zur alten Strenge der Anfangsjahre zurückkehrte und Zuspätkommende erst an einer geeigneten Stelle im Programm in den Saal ließe anstatt mitten im Stück oder unmittelbar vor Beginn: Eine Dame, die auch später durch Filmen unangenehm auffiel, kämpfte sich allen Ernstes noch während der Anfangstakte auf ihren Platz in der fünften Reihe vor.
Beethovens vierte Sonate, laut Programmheft neben der Hammerklavier-Sonate seine umfangreichste, ist ein beeindruckend reifes Frühwerk des Mittzwanzigers und meine persönliche liebste der 32, seit ich mich zu Beginn von András Schiffs ECM-Zyklus intensiv mit ihr beschäftigt habe. Leider steht sie nicht besonders häufig auf dem Programm, auch wenn sich das im kommenden Beethoven-Jahr zumindest ein wenig ändern dürfte. Sie hat, wie einige frühe Streichquartette (etwa das op. 18,4), etwas, das manch späterem Werk abgeht: einen schier unendlichen Melodien- und Ideenreichtum. Dazu kommen forsches Drängen und leise Zurückhaltung, die große Geste wie das Intime, eine gewisse Entrücktheit und – etwa in den Takten vor dem Doppelstrich des Kopfsatzes – faszinierende („hammergeile“, so ein Klavierfreund) Modulationen.
Sokolov verstand es aufs Feinste, all diese Eigenschaften in einer großen und klaren Linie zu verbinden. Sowohl in der Sonate als auch in den sechs Bagatellen op. 126, die teils wie improvisierte Miniaturen schienen, hörten wir mitunter eine verblüffende Nähe zu Franz Schubert, dessen letzte Sonate nach der Pause erklang.

Und auch die Darbietung der B-Dur-Sonate wurde zu einer Interpretation, wie ich sie vielleicht nur noch von Jewgeni Kissin vor zwanzig Jahren in Paris gehört habe: ergreifend, musikalisch höchst tiefgründig und mit einem reichen Fundus narrativer Bandbreite. Die endlose Melodie im Kopfsatz, dazu der immer wieder auftauchende bedrohliche Triller in der linken Hand, dann die organischen Crescendi im zweiten Satz, die eigenwilligen und dennoch schlüssigen Sforzati im Mittelteil des Scherzos sowie ein unwiderstehlicher Liebreiz im gesamten Finalsatz: Dies alles und noch viel mehr verband der russische Meisterpianist zu einem großen Ganzen, das einen berückt und ergriffen zurückließ.
Wer Sokolov regelmäßig erlebt, weiß, dass das Rezital nicht nach zwei oder zweieinhalb Stunden beendet ist. Der Meister pflegt in einem jahrzehntelangen Ritual mehrere Zugaben zu geben. Meist sind es sechs, so auch hier, und die sind oft nicht gerade kurz. (Vor einigen Jahren spielte er beim Klavier-Festival Ruhr sechs Impromptus von Schubert, der Zugabenteil dauerte bald eine Stunde.)
Nun war es an diesem Abend so, dass Deutschland bei der Fußball-WM gegen Paraguay spielte, und zwar sollte das Spiel – das aus deutscher Sicht nicht gut endete – eine Viertelstunde nach dem Ende der Schubert-Sonate angepfiffen werden. Das ist vielleicht eine Erklärung für einen ziemlich ungehörigen kollektiven Exodus vieler Menschen nach dem letzten Ton.
Sie verpassten unter Anderem Sokolovs herrlichen Brahms. Die g-Moll-Rhapsodie, als dritte Zugabe gespielt, war ein weiterer Höhepunkt eines beglückenden Abends.
Brian Cooper, 30. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Jan Lisiecki, Rotterdams Philharmonisch Orkest, Lahav Shani Kölner Philharmonie, 7. Juni 2026
Konzerthausorchester Berlin, Joana Mallwitz, Dirigentin Kölner Philharmonie, 31. Mai 2026
Grigory Sokolov, Klavier Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 8. Mai 2025