Jan Lisiecki © Ksawery Zamoyski
Enttäuschung auf hohem Niveau: Rotterdams Philharmonisch Orkest unter Lahav Shani in Köln.
Jan Lisiecki, Klavier
Rotterdams Philharmonisch Orkest
Lahav Shani, Dirigent
Edvard Grieg (1843-1907) – Klavierkonzert a-Moll op. 16
Johannes Brahms (1833-1897) – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73
Kölner Philharmonie, 7. Juni 2026
von Brian Cooper
Einige Freunde haben für dieses Konzert schon im März Karten gekauft. März 2025 wohlgemerkt, weit über ein Jahr vorher. Die große Martha Argerich soll nämlich Robert Schumanns Klavierkonzert spielen, der Abend – letztes Konzert im Edelabo „Premium“ – ist seit Monaten ausverkauft.
Dann allerdings folgt, lange vor dem 7. Juni, eine seltsam anmutende Absage „aus produktionstechnischen Gründen“, was immer das ist. (Frau Argerich, gerade 85 geworden, ist zum Glück putzmunter, ihr Hamburger Festival beginnt in knapp zwei Wochen.) Sogar die Karten darf man zurückgeben, der Sitzplan sieht so gesprenkelt aus wie selten, in allen Kategorien sind plötzlich wieder Karten verfügbar.
Dabei ist der einspringende Solist kein Geringerer als Jan Lisiecki, der das nun auf dem Programm stehende „Schwesterwerk“ spielt: Edvard Griegs Klavierkonzert op. 16, ebenfalls in a-Moll. Doch vielleicht hat mancher Kölner, manche Besucherin, gerade ob dieser Programmänderung leise aufgestöhnt, hat Lisiecki doch das Konzert bereits öfter in der Philharmonie gespielt, zuletzt mit dem Gürzenich-Orchester und zuvor mit dem Royal Philharmonic.
Doch taugt dies wohl kaum als Ausrede: Denn wie oft tritt schließlich Frau Argerich mit dem Schumann-Konzert auf? Und es ist mitnichten eine Strafe, das Grieg-Konzert zu hören, schon gar mit dem kanadischen Supertalent. Lisiecki liegt das Werk; insbesondere der Auftritt mit den Londonern vor über drei Jahren war grandios.
Lisieckis Grieg konnte jedoch leider an diesem Abend, den er mit dem großartigen Orchester aus Rotterdam bestritt, nicht mit seinen vorherigen Darbietungen mithalten. Zu uninspiriert schien diesmal des Solisten Spiel, trotz wunderbarer Fingerfertigkeit; oft waren Pianist und Orchester Millisekunden auseinander; und auch der sonst so souveräne und charismatische Lahav Shani, der sich in diesen Tagen als Chefdirigent der Rotterdamer verabschiedet, hatte an diesem Abend Mühe, für inspirierende Funken zu sorgen. Und das trotz großartiger Einzelleistungen, etwa vom Solohornisten David Fernández Alonso.

„Bitte verstehen Sie mich nicht miss“, wie meine schrullige Biologielehrerin dereinst zu sagen pflegte: Es ist eine „Enttäuschung“ auf sehr hohem Niveau. Griegs Klavierkonzert kann fesseln, gar zu Tränen rühren. Hören Sie mal den jungen Krystian Zimerman unter Karajan (1982): Wie die Kadenz grummelt, lodert, donnert! Wie kompromisslos der Pianist das ganze Drama entfaltet und wie um sein Leben spielt! An diesem Abend fesselte das Werk trotz allen virtuosen Spiels leider nicht. Ausnahmsweise.
Doch mit dem wunderschön gespielten As-Dur-Walzer op. 39 Nr. 15 als Zugabe gelang Lisiecki eine betörend schöne Überleitung zum zweiten Teil des Konzerts, mit der 1877 in Pörtschach am Wörthersee komponierten Zweiten Sinfonie des Johannes Brahms.
Der Geigerzähler schlägt bei 14 ersten Violinen und sechs Kontrabässen an. Bei einer solch üppigen Besetzung wird es gern mal laut, sofern der Dirigent es zulässt. Shanis Gestik, in Verbindung mit eher zügigen Tempi etwa im Finalsatz, ließ an diesem Abend wenig Raum für zartere Töne. Der Dirigent, nun ohne Partitur vor sich, entlockte dem Orchester zwar durchaus Spannendes („tolle Orchesterfarben“, schwärmte ein Freund später), mitunter auch herrliche Details, doch fehlte auch hier öfter eine gewisse Magie. Die war freilich am sehr schön klingenden Schluss des dritten Satzes zu vernehmen, dessen Beginn von superbem Oboenspiel veredelt worden war.
Obwohl die Streicher insgesamt mit seidigem Glanz spielten, das Solohorn einmal mehr brillierte, die Holzbläser alles gaben – Juliette Hurels Zauberflöte klang wie immer himmlisch – und auch der Rest der Blechbläser souverän spielte, wirkte diese Darbietung der Zweiten mehr routiniert denn inspiriert. Dennoch riss das Konzert etliche Menschen von den Sitzen, zumal in der zuverlässig erahnten Zugabe, dem Ungarischen Tanz Nr. 5.
Brian Cooper, 8. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gürzenich-Orchester Köln, Programm Nordwind Kölner Philharmonie, 5. Februar 2024
Jan Lisiecki, Edward Gardner, London Philharmonic Orchestra, Elbphilharmonie, 20. November 2021
Lahav Shani, Strauss und Schostakowitsch Philharmonie Essen, 28. Februar 2026