Daniel Hope: „Gstaad ist so viel mehr als nur ein Job“

kb im Gespräch mit Daniel Hope, Geiger und Festivalintendant des Menuhin Festival Gstaad  klassik-begeistert.de, 19. August 2026

Daniel Hope in Saanen Menuhin Center © Bailey Davidson

Für Daniel Hope ist die Intendanz beim Menuhin Festival Gstaad eine Herzensangelegenheit. Yehudi Menuhin war sein Mentor, Gstaad seine zweite Heimat. Als ich den 53-jährigen Stargeiger in der Bibliothek des Ermitage Wellness- & Spa-Hotels in Schönried-Gstaad treffe, kommt er gerade von den Proben. Sein Terminkalender ist voll, seit dem 1. November 2025 leitet er das Festival.

Mit klassik begeistert sprach er über Yehudi Menuhin, die Schönheit des Unvollkommenen, seinen Weg nach Gstaad – und über seine irischen Wurzeln, die er in einer Doku wie folgt beschrieben hat:

„Ich wurde geboren in Südafrika, ich bin aufgewachsen in England, ich wohne in Deutschland – aber Irland begleitet mich schon mein ganzes Leben.“

Jürgen Pathy im Gespräch mit Daniel Hope, britisch-irischer Geiger  und seit dem 1. November 2025 neuer Intendant und künstlerischer Leiter des renommierten Menuhin Festival Gstaad.

„Du bist Ire, vergiss das nicht“

klassik-begeistert: Herr Hope, bis vor wenigen Jahren waren Sie noch nie in Irland, obwohl Sie die irische Staatsbürgerschaft besitzen. Wieso haben Sie sich erst mit 50 auf die Suche nach Ihren irischen Wurzeln begeben?

Daniel Hope: Ich habe schon 2007 mit der ersten Spurensuche begonnen, als ich mein erstes Buch „Familienstücke“ geschrieben habe. Das war die mütterliche, die deutsche Seite.

Aber ich hatte immer das Gefühl, dass das nur ein Teil von mir ist. Mein Vater und meine Großmutter haben immer gesagt: „Du bist Ire, und vergiss das nicht.“ Nur: Ich wusste nicht wirklich, wo ich herkomme. Ich kannte Irland nur aus Erzählungen. Ich war nie dort.

Irgendwann wollte ich diese Seite von mir in Erfahrung bringen, um mehr zu verstehen, wer ich eigentlich bin. Begonnen hat das schon vor vielen Jahren mit der Begegnung mit Lúnasa (Anm. d. Red.: Lúnasa ist eine irische Folkband). Die haben gesagt: „Du musst die Musik spielen. Du darfst nicht vergessen, wo du herkommst.“ Damals habe ich mich nicht getraut, ich war noch nicht so weit.

Irgendwann habe ich gesagt: Okay, wir machen jetzt ein Konzert. Ab da war ich so voll in der Musik, da dachte ich: Jetzt gehe ich weiter, jetzt gehe ich auf Spurensuche. Daraus ist dann auch ein Film entstanden.

klassik-begeistert: Dabei haben Sie eine Entdeckung gemacht, die Sie emotional noch mehr an Irland gebunden hat.

Daniel Hope: Ja. Das Erstaunliche war schon: Das Haus meines Urgroßvaters ist noch da. Dieses winzig kleine Reihenhaus, diese Straße – alles noch da.

Daniel Hope, Kirche Saanen © Raphael Faux

Und dann findet man im Archiv der Stadt Waterford etwas über einen 15-jährigen Jungen. Ich meine: Wie crazy ist das eigentlich? Die Geschichte, dass mein Urgroßvater Menschen vor dem Ertrinken gerettet hat, kannten wir in der Familie nur als Legende. Mein Vater hat es erzählt. Und plötzlich steht es da schwarz auf weiß.

Das war wahnsinnig schön und inspirierend. Seither habe ich mich noch mehr in dieses Land verliebt, in die Menschen und in die Musik. Deshalb gab es auch die Platte „Irish Roots“.

klassik-begeistert: Werden diese irischen Wurzeln auch ins Programm beim Menuhin Festival Gstaad einfließen?

Daniel Hope: Ich will auf jeden Fall irische Musik hier spielen. Und ich möchte gerne Lúnasa einladen. Das wäre einfach eine perfekte Verlängerung von der Geschichte.

Ich fühle mich in der irischen Musik wirklich zu Hause. Das klingt vielleicht klischeemäßig, aber es ist so. Man sitzt in einem Pub, hat ein Guinness, erzählt Geschichten – und plötzlich hat man ein Heimatgefühl.

Wunder-Geiger Daniel Hope in der Bar Razzia (ZH) Foto: Nicolas Zonvi

Der Klang, der einen „nicht mehr losgelassen hat“

klassik-begeistert: Sie haben über die Uilleann Pipes, den irischen Dudelsack, gesagt, sie klängen wärmer und dunkler als der schottische Dudelsack – und „viel weniger nach Schlachtfeld“. Ist das auch der Klang, den Sie als Geiger suchen?

Daniel Hope: Wenn du neben einem schottischen Bagpipe-Spieler stehst und er spielt volle Pulle, dann geht es in deine ganze Seele rein. Es ist unglaublich bewegend.

Bei den Uilleann Pipes ist es anders. Es zerreißt die Seele nicht. Es erfüllt deinen Körper mit einem positiven Klang. Eigentlich willst du damit tanzen. Das ist für mich der Unterschied.

klassik-begeistert: Warum ich das frage: Sie spielen auf einer Guarneri del Gesù. Warum Guarneri und nicht Stradivari? Kann man den Klang mit dem wärmeren Klang der Uilleann Pipes vergleichen?

Daniel Hope: Also, ob man überhaupt Instrumente miteinander vergleichen kann (er zögert) … Ich persönlich, der ich den großen Luxus habe, del Gesù zu spielen, würde nie etwas anderes nehmen.

Del Gesù ist nicht perfekt. Es ist nicht komplett vollendet. Es ist rau. Und deshalb sind diese Instrumente nicht perfekt – aber sie sind doch perfekt.

Diese Imperfektion ist für mich so schön. Aus etwas, was scheinbar nicht perfekt ist, hat er etwas außerirdisch Schönes kreiert. Und es gibt dem Geiger unfassbare Möglichkeiten, seine Stimme zu finden.

Danie Hope © Daniel Waldhecker

klassik-begeistert: Menuhin spielte ebenfalls auf Guarneri del Gesù. Hat der Klang Sie vielleicht schon früh geprägt?

Daniel Hope: Menuhin spielte mehrere Geigen – Guarneri und Strad. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum ersten Mal bewusst eine Geige gehört habe. Ich denke, so ungefähr mit drei. Gut möglich, dass es hier war. Zu dem Zeitpunkt hat er meines Erachtens del Gesù gespielt.

Aber du hast einen eigenen Klang, ganz unabhängig davon, welches Instrument du spielst. Die Instrumente mögen unterschiedlich klingen, aber deinen Klang hört man immer. Klang ist etwas Persönliches.

Deshalb kann ich mich nicht per se an einen del-Gesù- oder Stradivari-Klang erinnern. Aber ich kann mich an den Klang von Menuhin erinnern. An diesen unglaublichen Klang, der einen umarmt hat, mitgenommen hat und nicht losgelassen hat.

klassik-begeistert: Sie waren als Kind offenbar besessen vom Mendelssohn-Violinkonzert. Sie sollten Bach üben – stattdessen haben Sie Mendelssohn heimlich im Badezimmer geprobt. Was hat es damit auf sich?

Ich war besessen von dem Stück, seitdem ich es das erste Mal live gehört habe. Da war ich fünf. Pinchas Zukerman kam auf die Bühne – eine Erscheinung. Zubin Mehta hat dirigiert, das London Symphony Orchestra spielte. Bevor er überhaupt einen Ton gespielt hat, dachte ich schon: „Wow, wer ist das?“ Und dann dieser Klang, diese Musik. Ich war hin und weg und habe zu meinen Eltern gesagt: „Das will ich auch. Genau das will ich.“

Später in der Menuhin School wollte ich unbedingt Mendelssohn spielen. Und die haben mir Bach a-Moll gegeben. Mein Lehrer sagte: „Du kannst nicht Mendelssohn spielen, du bist nicht gut genug.“ Da war ich sauer. Also habe ich mir die Noten von meinem Roommate geborgt, mich im Badezimmer eingeschlossen und heimlich geübt. Ich wurde dabei erwischt und zum Schulleiter geschickt.

Als ich später die Schule wechselte, fragte mich mein neuer Lehrer: „Was willst du spielen?“ Ich sagte: „Mendelssohn.“ Er sagte: „Bitteschön, hier sind die Noten. Jetzt spiel.“ Ab diesem Moment begann diese Liebesbeziehung zu dem Stück, die bis heute dauert.

klassik-begeistert: Sie waren also durchaus eigensinnig. Wie ging Yehudi Menuhin damit um – war er ein autoritärer Lehrer?

Daniel Hope: Ja, er war autoritär. Aber konstruktiv. Er war fordernd, aber er wollte das Beste.

Wenn du es versucht hast und es nicht geschafft hast, war er nicht sauer. Er sagte: „Dann musst du es noch einmal machen. Geh wieder üben. Probier das.“ Das war wahnsinnig inspirierend.

Daniel Hope, Gstaad © Bailey Davidson

klassik-begeistert: Sie spielen im Festivalzelt in Gstaad nun das Violinkonzert von Edward Elgar. Das ist auch kein Zufall – oder?

Daniel Hope: Nein. Das ist das Stück, das ich mit 16 zu ihm gebracht habe. Der Austausch mit ihm darüber ist mir bis heute präsent. Menuhin selbst hatte es als 16-Jähriger noch mit Elgar eingespielt.

Deshalb wollte ich das mit unserem Gstaad Festivalorchester unbedingt machen. Dazu Alexander Shelley (Anm. d. Red.: Alexander Shelley ist Dirigent), den ich seit vielen Jahrzehnten kenne. Er lebt fast in derselben Straße in London, in Highgate, wo Menuhin gelebt hat. Somit kommen sehr viele Elemente bei diesem Konzert im Festivalzelt zusammen.

„Für mich ist es eine Art Nachhausekommen“

klassik-begeistert: Wie ist es eigentlich zur Intendanz in Gstaad gekommen?

Daniel Hope: Ich habe mich beworben. Mein Vorgänger hat nach 24 Jahren aufgehört. Ich habe das in der Presse gelesen und den damaligen Präsidenten angerufen.

Dann gab es mehrere Runden, ich musste ein Konzept entwickeln, mehrmals herkommen. Es war ein langwieriger Prozess. Und irgendwann hat sich der Verwaltungsrat für mich entschieden.

klassik-begeistert: Ist Gstaad Ihre erste Verantwortung für ein Festival in dieser Größenordnung?

Daniel Hope: Das ist bei Weitem der größte künstlerisch-administrative Posten, den ich je hatte. Aber seit 25 Jahren gestalte ich Programmreihen bei Festivals in der ganzen Welt. Es ist also eine natürliche Erweiterung – und trotzdem eine große Herausforderung.

Aber ich liebe das. Ich bin bei jedem Konzert dabei, begrüße das Publikum, kenne die Künstler persönlich und habe sie selbst eingeladen.

„Family Matters“ ist unser Thema dieses Jahr. Für mich ist es eine Art Nachhausekommen.

Daniel Hope © Raphael Faux

Genauso gibt es im wahrsten Sinne des Wortes einen Community-Spirit unter den jungen Künstlern. Jugendorchester, Festivalorchester, Next Generation – der Nachwuchs ist ein wahnsinnig wichtiger Teil unserer Academys.

klassik-begeistert: Das wirkt nicht so, als wäre Gstaad für Sie nur ein normaler „Job“?

Daniel Hope: Absolut nicht! Es ist so viel mehr als ein Job. Es ist wirklich eine emotionale Bindung. Jeden Sommer seit meinem zweiten Lebensjahr war ich hier. Ich kenne alle Hotels, alle Restaurants, alle Säle, alle Berge.

Ich habe hier Fahrradfahren, Skifahren und Schwimmen gelernt. Und wir haben sogar die gleiche Wohnung zurückbekommen, die wir damals hatten, als ich Kind war. Meine drei Kinder wachsen jetzt mehr oder weniger in derselben Umgebung auf wie ich damals in den 70er-Jahren.

Da hat auch Menuhin gelebt. Das Haus gibt es aber leider nicht mehr. Ansonsten leben wir in Zürich.

klassik-begeistert: Wie sieht es mit der Finanzierung des Menuhin Festivals Gstaad aus? Ist die Schweiz diesbezüglich noch das Schlaraffenland, wie viele denken?

Daniel Hope: Schlaraffenland würde ich nicht sagen. Aber wir haben eine fantastische Community von Sponsoren, Mäzenen und Stiftungen. Wir sind sicherlich zu 80, 85 Prozent privat finanziert.

Und da muss man sagen: In der Schweiz ist man in einer sehr glücklichen Lage, weil die Leute, die Geld für Kultur ausgeben, Kultur haben wollen. Nicht nur hier in Gstaad, generell bei den Sommerfestivals und Orchestern. Und wenn wir die Subventionen an den Opernhäusern sehen, dann ist die Welt noch, noch!, in Ordnung.

Natürlich wird gekürzt. Aber trotzdem hat die Schweiz noch diesen Wunsch nach Kulturverständnis, der zum Beispiel in Deutschland teilweise wirklich in Bedrängnis zu kommen droht – obwohl es in Deutschland immer noch gut ist.

klassik-begeistert: Vielen Dank, Herr Hope, für Ihre Zeit und das Gespräch.

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