Mahlers 5. Symphonie in Baden-Baden: „Ich hatte keine Gänsehaut“

Concertgebouworkest, Klaus Mäkelä, Daniel Lozakovich  Baden-Baden, Festspielhaus, 1. April 2026

Lozakovich Mäkelä_ RCO OFS (c) Michael Bode

Also sprach der Lebensmensch. Und sie liegt richtig, zumindest empfanden wir gleich, ob einer 5. Sinfonie von Gustav Mahler, die zwar sehr gut war, aber jegliche Magie vermissen ließ, die ein sehr gutes Konzert zum memorablen erheben kann.

Max Bruch (1838-1920) – Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26
Gustav Mahler (1860-1911) – Sinfonie Nr. 5

Daniel Lozakovich
Concertgebouworkest

Klaus Mäkelä, Dirigent

Baden-Baden, Festspielhaus, 1. April 2026

 von Brian Cooper

Der „Zirkus Karajani“ ist weitergezogen: Nach 13 Jahren Osterfestspielen in Baden-Baden sind die Berliner Philharmoniker wieder nach Salzburg zurückgekehrt. Dafür hat man am Festspielhaus mit dem Concertgebouworkest und dem Mahler Chamber Orchestra hochkarätige Nachfolger gefunden. (Das Wort „Ersatz“ verbietet sich allein schon ob der Weltklasse des Concertgebouworkest.)

Die Amsterdamer spielen in ihrer ersten Ostersaison als orchestra in residence drei Programme: Bachs Matthäus-Passion, Bruckners Achte und Mahlers Fünfte, letztere gekoppelt mit Bruchs g-Moll-Violinkonzert. Vom letztgenannten Konzert soll hier die Rede sein. Es war zwar ein sehr gutes, Solist Daniel Lozakovich überzeugend – und dennoch fehlte in der Sinfonie eine Dimension, die man durchaus von einem Klangkörper der Weltklasse erwarten darf.

Darf man? Nun, ganz bestimmt nicht immer. Denn auch ein Orchester besteht nur aus Menschen (wenn auch aus extrem begabten, die hart gearbeitet haben, um dort zu sitzen, wo sie sitzen), und man kann nicht jeden Abend memorable Magie verlangen.

Lozakovich Mäkelä_ RCO OFS (c) Michael Bode

Magie war es jedoch hier, die bei Mahlers Fünfter gefehlt hat. Sicher, es war eine sehr gute Darbietung: Schon die Trompete war perfekt – nicht nur die Töne sicher treffend, wofür man bei weniger bedeutenden Klangkörpern schon dankbar ist, sondern gestaltend. Das „kleine Hornkonzert“ im dritten Satz wurde von der wieder einmal grandiosen Katy Woolley regelrecht zelebriert. Das Holz klang durchweg unfassbar schön. Und auch wenn dem Beginn des zweiten Satzes sowie der Fuge im fünften ein wenig die Präzision, dem Adagietto in den höchsten Lagen der ersten Geigen die Perfektion in der Intonation fehlte, klangen die Streicher, allen voran die Cellogruppe, gewohnt prima. (Der Cellist Mäkelä wandte sich an diesem Abend auffallend oft nach rechts.)

Was also fehlte?

Die teils sehr zähen Tempi, etwa im Kopfsatz, haben nicht geholfen; noch ist kein Lenny vom Himmel gefallen. Und beim Adagietto möchte ich zu Tränen gerührt werden. Wenn das einige Tage zuvor (auf dem Sofa!) beim Hören der SACD in der Jansons-Aufnahme vom Oktober 2007 bzw. Januar 2008 mit demselben Orchester (RCO 08007) geschieht, dann ist es mindestens schade, dass sich Ähnliches im Konzert nicht einstellt.

Lozakovich Mäkelä_ RCO OFS (c) Michael Bode

Und wissen Sie, was der Lebensmensch gesagt hat? „Es war toll, aber es hat mich nicht berührt. Ich hatte keine Gänsehaut.“

Dass Klaus Mäkelä Mahler – und auch Bruckner – „kann“, hat er häufig genug unter Beweis gestellt. Seine Sechste in Amsterdam war das Beste, was ich von ihm an Mahler gehört habe. Da war er gerade als artistiek partner verkündet worden, der 2027 der achte Chefdirigent wird. Schon damals prasselte teils erschreckend unfaire Kritik auf ihn ein. Muss man wohl aushalten; menschlich ist das mindestens bedauerlich. Aber wir schreiben 2026, und es ist somit Zeit für eine kleine Mahler-Bilanz, wenngleich eine, die nur persönliche Eindrücke widerspiegelt. Denn Mahler ist, neben Strauss und Bruckner, so etwas wie die Visitenkarte der Amsterdamer.

Vieles bleibt bisher als „nur“ sehr gut in Erinnerung: Eine Zweite mit den Osloern in der Elbphilharmonie, von der der geschätzte Kollege Dr. Andreas Ströbl noch heute schwärmt, wird sich mir längst nicht so sehr ins Gedächtnis einbrennen wie jene mit Simon Rattle und dem BRSO vor anderthalb Wochen an selbiger Stätte. (Übrigens ist der schon 71.) Eine Erste in Essen ist eine von vielen exzellenten in meinem Hörerleben, eine Dritte in Amsterdam ebenfalls. Ich freue mich schon auf die Neunte mit dem Chicago Symphony Anfang 2027, ebenso auf die Siebte im kommenden Herbst mit dem Concertgebouworkest.

Lozakovich Mäkelä_ RCO OFS (c) Michael Bode

Dessen Chefdirigent also wird Herr Mäkelä nächstes Jahr. Halten wir fest: Niemand ist der perfekte Dirigent, schon gar nicht mit 30, „perfekt“ war ohnehin nur Carlos Kleiber. Klaus Mäkelä hat beeindruckende Fähigkeiten, und die Chemie mit dem Orchester stimmt. Insofern muss man sich keineswegs Sorgen machen, das Concertgebouworkest liegt bei ihm in guten Händen. Die Zeit wird zeigen, wohin sein weiterer Weg führt. Vieles an dieser Fünften war auch phänomenal, zum Beispiel der Schluss. Aber insgesamt klang es wie ein sehr gutes Abokonzert, und nicht nach Festspielen.

Daniel Lozakovich (c) Lyodoh Kaneko

Daniel Lozakovich, der am Tag des Konzerts 25 wurde, spielt nicht nur unglaublich schön Geige, sondern spielt auf einer unglaublich schönen Stradivari. Seine Darbietung des g-Moll-Konzerts von Bruch war beseelt von nachdenklichem Spiel, das mitunter – etwa im Adagio – an einen nebelverhangenen Tag im Bergischen Land erinnerte. In den lyrischen Passagen fühlte man sich an die alten Meister wie Kreisler oder Heifetz erinnert. Diese Stellen, wie auch die virtuoseren Passagen, wurden von Klaus Mäkelä und dem Orchester höchst einfühlsam begleitet.

Lozakovich Mäkelä_ RCO OFS (c) Michael Bode

Die „Stellen, wo das Orchester mal bisschen was tun darf – selten genug in diesem Konzert“ (Konrad Beikircher) gerieten zu genau jenem, was sie vor allem in den Tutti des Kopf- und Finalsatzes sind: süffige, mitreißende Romantik.

Als Zugabe spielte der junge Schwede eine kreislerisch-sarasateske Variationen-Zugabe auf das einschlägige a-Moll-Thema von Paganini. Sehr lang, sehr virtuos. Das Publikum lag ihm zu Füßen.

Brian Cooper, 2. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Junge Weltstars: Daniel Lozakovich Violine, Tarmo Peltokoski Dirigent Bremer Konzerthaus Die Glocke, 26. Februar 2026

Daniel Lozakovich, Rotterdam Philharmonic Orchestra/Tarmo Peltokoski Konzerthaus Dortmund, 10. Oktober 2025

 

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