Cédric Pescia bittet Bach zum Tanz

CD/Blu-ray Besprechung: Johann Sebastian Bach, The French Suites,  Cédric Pescia  kklassik-begeistert.de, 2. April 2026

Cédric Pescia hat mit diesem Album einen stillen, poetischen Innenraum geschaffen. Eine sehr persönliche Lesart, die im Katalog der Bach-Aufnahmen ihren festen Platz verdient, weil sie daran erinnert: Die größte Kunst entfaltet sich oft gerade in der Beschränkung und in der Ruhe.

CD/Blu-ray Besprechung:

Johann Sebastian Bach
The French Suites

Cédric Pescia, Klavier

La Dolce Volta, LDV130.1

von Dirk Schauß

Wer sich auf die Französischen Suiten von Johann Sebastian Bach einlässt, betritt kein prunkvolles Kathedralenschiff und keine gelehrte Studierstube. Er betritt ein privates Gemach – einen intimen Kosmos, in dem Musik nicht für die Ewigkeit oder den Fürstenhof, sondern für das unmittelbare Erleben am heimischen Tasteninstrument geschaffen wurde.

Genau diesen häuslichen, familiären Charakter hat Cédric Pescia zum Leitmotiv seiner neuen Einspielung beim Label La Dolce Volta gemacht. Er spielt nicht im sterilen Glanz eines Konzertsaals, sondern in der geschützten Atmosphäre seines eigenen Studios auf seinem persönlichen Steinway von 1901. Das Ergebnis ist eine Aufnahme, die weit entfernt ist von jeder Effekthascherei. Pescia lässt die Töne atmen und gibt ihnen jene menschliche Wärme zurück, die in mancher allzu präzisen, metronomischen Deutung verloren geht. Hier wird nicht doziert – hier wird erzählt.

Statt der üblichen numerischen Reihenfolge (erst die drei Moll-, dann die drei Dur-Suiten) wählt Pescia eine kluge eigene Dramaturgie: Suite Nr. 3, 6, 1, 4, 2 und 5. Dieser Wechsel zwischen Licht und Schatten schafft einen natürlichen Spannungsbogen und lässt die Vielfalt der europäischen Tanzformen – von der Allemande bis zur Gigue – als organisches Ganzes erscheinen. Pescia erweist sich dabei als Meister der leisen Töne. Sein Anschlag ist von kristalliner Klarheit, seine Phrasierung frei von Mätzchen. Man spürt in jedem Takt: Hier steht der Komponist im Zentrum, das eigene Ego bleibt an der Studiotür.

In der Courante der h-Moll-Suite zeigt sich sein Ansatz besonders schön. Während manche Kollegen auf scharf konturierte Rhythmik setzen, wählt Pescia einen lyrischen, fließenden Legato. Das wirkt nie schwammig, sondern zeugt von großer innerer Ruhe – ein gemessenes Schreiten statt gehetztem Lauf. In der d-Moll-Allemande verweilt er hingebungsvoll auf einzelnen Noten, als fiele es ihm schwer, sie loszulassen. Diese Ausdruckskraft berührt, ohne ins Sentimentale abzugleiten.

Wer Bachs Musik puristisch mag und das Haltepedal skeptisch beäugt, könnte in der Es-Dur-Allemande vielleicht die Stirn runzeln. Doch wer könnte dieser arglosen, harfenartigen Schönheit widerstehen?

Trotz aller Innerlichkeit vergisst er nie, dass es sich um Tanzmusik handelt. Wo die Partitur es verlangt, zieht er das Tempo an und lässt virtuose Funken sprühen. Die Courante und Bourrée der E-Dur-Suite tanzen mit ansteckender Lebensfreude, die Gigue der c-Moll-Suite kommt mit rhythmischer Energie daher, und die abschließende G-Dur-Gigue springt förmlich aus den Lautsprechern. Pescia findet die ideale Balance zwischen der Schwere der Sarabanden und der Leichtigkeit der Galanterien – ein ständiges, gesungenes Wechselspiel der Stimmungen.

Die natürliche, unaufdringliche Klangästhetik von La Dolce Volta unterstützt diese Haltung vortrefflich. Die Aufnahme speist ihre Ausstrahlung aus ihrer Schlichtheit. Sie ist kein Monument, sondern eine Einladung zur Einkehr – ideal für jene Momente, in denen man keine großen Bach-Architekturen sucht, sondern die diskrete Beredsamkeit kleinerer Formen.

Cédric Pescia hat mit diesem Album einen stillen, poetischen Innenraum geschaffen. Eine sehr persönliche Lesart, die im Katalog der Bach-Aufnahmen ihren festen Platz verdient, weil sie daran erinnert: Die größte Kunst entfaltet sich oft gerade in der Beschränkung und in der Ruhe.

Dirk Schauß, 2. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Johann Sebastian Bach, Isabelle Faust, Violine Bonn, Kreuzkirche, 12. September 2024

Goldberg-Variationen, Johann Sebastian Bach, Víkingur Ólafsson, Pianist Wiener Konzerthaus, 4. November 2023

Johann Sebastian Bach: Cello-Suiten No. 4 – 6, Jan Vogler, Violoncello, Elbphilharmonie, 27. April 2022

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