Foto: Brenda Rae (Aminta), Peter Rose (Sir Morosus) (c) Bernd Uhlig
Bereits der Dresdner Uraufführungsdirigent, Karl Böhm, hatte mit Strauss‘ Einverständnis Kürzungen vorgenommen, Christian Thielemann hätte vielleicht noch weitere vornehmen sollen, denn so drängt sich das Zitat aus dem Vorspiel der Oper Ariadne auf: „Die Oper enthält Längen- gefährliche Längen!“
Die schweigsame Frau
Komische Oper in drei Aufzügen (1935)
Musik von Richard Strauss
Text von Stefan Zweig nach Ben Jonson
Sir Morosus Peter Rose
Barbier Schneidebart Samuel Hasselhorn
Henry Morosus Siyabonga Maqungo
Aminta Brenda Rae
Inszenierung: Jan Philipp Gloger
Dirigent: Christian Thielemann
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Staatsoper Unter den Linden, 9. Mai 2026
von Peter Sommeregger
Als nach knapp vier Stunden der Schlussvorhang fällt, hat sich das schon von Beginn nicht voll besetzte Haus bereits merklich geleert. Man wundert sich: Samstag Abend, am Pult Stardirigent und GMD Christian Thielemann, ein selten gespieltes Werk von Richard Strauss, und dann an den seitlichen Rängen komplett leere Reihen?
Neben den empfindlich gestiegenen Kartenpreisen liegt es wohl doch am Werk, das zu den seltener aufgeführten Opern des Erfolgskomponisten zählt, und das nicht ohne Grund. Die vom Schriftsteller Stefan Zweig nach Ben Jonson entworfene Geschichte um den Hagestolz Sir Morosus, der zum Schein mit einer sanften, schweigsamen Frau verheiratet wird, die sich danach als lärmendes Monster entpuppt, und ihn von weiteren Heiratsplänen kuriert, wirkt heute ziemlich altbacken. Daran ändert das vorzügliche Libretto Zweigs leider gar nichts, das immerhin schon gut 90 Jahre alt ist. Es beschwört ein Frauenbild und gesellschaftliche Verhältnisse, die so heute nicht mehr gegeben sind.

Die Handlung vom England des 17. Jahrhunderts in ein wokes Berlin der Gegenwart zu verlegen, folgt zwar dem geläufigen Trend, Stoffe um jeden Preis aktualisieren zu wollen, scheitert nicht nur hier aber krachend. Permanent wird gegen das Libretto agiert, und die harmlosen Scherze, inklusive Schrifttafeln mit dümmlichen Parolen, die sich Regisseur Jan Philipp Gloger erdacht hat, beschwören eher ein gestern, wenn nicht sogar vorgestern.
Dazu kommt, dass Strauss für diese Oper die zündenden, sofort im Gedächtnis haften bleibenden musikalischen Einfälle ausgeblieben sind. Das ist meisterhaft instrumentiert, aber verplätschert am Ende doch in Beliebigkeit. Und die Oper ist lang, zu lang. Die drei Akte dauern ohne Pause gut drei Stunden, mit den zwei Pausen erreicht der Abend Wagner-Format und bewirkt am Ende eine gewisse Erschöpfung des Publikums. Bereits der Dresdner Uraufführungsdirigent, Karl Böhm, hatte mit Strauss‘ Einverständnis Kürzungen vorgenommen, Christian Thielemann hätte vielleicht noch weitere vornehmen sollen, denn so drängt sich das Zitat aus dem Vorspiel der Oper Ariadne auf: „Die Oper enthält Längen- gefährliche Längen!“
Thielemann beweist erneut seine Stärke als Strauss-Dirigent, zaubert wunderbare Details aus der Partitur, lässt die Staatskapelle zur Höchstform auflaufen, und doch- siehe oben.

Die dankbare Rolle des Sir Morosus findet in Peter Rose einen gemütlichen, sonor singenden Interpreten, dem ein wenig der Biss, und die Gefährlichkeit fehlt. Agil und überzeugend der Barbier (hier Physiotherapeut) Schneidebart von Samuel Hasselhorn, der nicht nur beim Liedgesang bella figura macht. Siyabonga Maqungo als Morosus‘ Neffe Henry bleibt als Figur blass und singt auch etwas verhalten. Seine Ehefrau Aminta, die den alten Morosus zum Schein heiratet, wird von Brenda Rae mit spitzem Sopran gesungen, ihr komödiantisches Talent hält sich in Grenzen. Der Rest des Ensembles bleibt unauffällig.
Der Blick auf den Stand des Vorverkaufes für die nächsten Aufführungen ist bedenklich: zum Teil ist erst die Hälfte der Karten verkauft. Ins Repertoire wird diese Produktion also sicher nicht wachsen.
Peter Sommeregger, 10. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Konzert zum 90. Geburtstag von Zubin Mehta Staatsoper Unter den Linden, 3. Mai 2026
Benjamin Britten, The Turn of the Screw Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 21. April 2026
Richard Strauss, Die Schweigsame Frau, Barrie Kosky Bayerische Staatsoper