Das Rheingold und Die Walküre II: Eine Bilanz nach der Halbzeit

Halbzeitbilanz: Richard Wagner, Das Rheingold II, Die Walküre II  Bayreuther Festspiele, 4. & 5. August 2026

Fotos: Bayreuther Festspiele, Das Rheingold 2026 © Enrico Nawrath

Die Buhrufe für das gescheiterte szenische Konzept lassen allmählich etwas nach. Man schaut zusehends darüber hinweg. Die verdient emphatischen Bravostürme für die Sänger und den Dirigenten aber erinnern an goldene Zeiten. Da könnte man meinen, das Haus breche zusammen unter all dem Getrappel. So lautstarker Jubel bei einem Ring war an diesem Ort lange nicht mehr. Genauer gesagt, seit Thielemanns letztem Zyklus vor 20 Jahren.

Richard Wagner, Das Rheingold
                                    Die Walküre

Christian Thielemann, Dirigent
Festspielorchester Bayreuth

Marcus Lobbes und Nils Corte, Kuratorium / künstlerisch-technische Konzeption

Bayreuther Festspiele, 4. & 5. August 2026

von Kirsten Liese

Es war vermutlich von vornherein eine Schnapsidee, einer KI die Illustration des Bayreuther Jubiläumsrings anzuvertrauen. Auch wenn ich nach den vernichtenden Berichten über den Premierenzyklus noch Schlimmeres erwartete.

Aber nun soll jede Vorstellung ohnehin anders sein, und einen Vergleich vom ersten zum zweiten Zyklus könnte nur jemand ziehen, der beide Zyklen gesehen hat.

Vielleicht ist es aber auch ganz heilsam – um das noch vorauszuschicken – dass nun alle, die so große Hoffnungen in die KI setzen, einmal ernüchternd bilanzieren müssen, dass sie weitaus weniger kann, als ihr viele zutrauen. Gott bewahre, dass sie in der Medizin, in der Politik oder noch stärker in den Medien eingesetzt wird!

Denn offenbar ist diese Künstliche „Intelligenz“ noch nicht einmal über die Handlung der Ring-Tetralogie gut im Bilde, sonst hätte sie zumindest Alberichs Verwandlungen im Rheingold unter der Tarnkappe passender bebildert. Und damit die Möglichkeiten des Kinos genutzt, die in der Oper einen Mehrwert bieten.

Bayreuther Festspiele Das Rheingold 2026 © Enrico Nawrath

Nun gut: Alberichs Verwandlung in ein Ungeheuer übersetzte die KI immerhin noch in den Kopf einer monströsen Kreatur mit spitzen Zähnen, ein Zwitter zwischen Wolf und Krokodil. Die kleine Kröte aber, als die sich Alberich (seit Jahren eine Paraderolle: Jochen Schmeckenbecher) dann präsentiert, durfte man vergebens in einem abstrakten Musterbild suchen.

Und natürlich stimmt es, dass die Optik viel zu überladen und wenig sinnstiftend daherkommt. Mit allerhand Landschaften, Bildern, die wie abstrakte Malerei anmuten oder auch assoziativem Brainstorming, das etwa dann zutage tritt, wenn sich im Wälsungenakt der Walküre kurzzeitig ein schwarzweißes Porträt von Thomas Mann in die visuelle Kompilation einschleicht, der sich in seiner Erzählung Wälsungenblut von der Geschichte der inzestuösen Geschwisterliebe inspirieren ließ. Das ist noch ein verträgliches Beispiel.

Unpassender erscheint es, wenn beispielsweise kurz vor Siegmunds Tod ein Handwerker dabei zu sehen ist, wie er mit einem breiten Pinsel die ganze Bildfläche Rot anmalt.

Wo bleibt denn die Aufführungsgeschichte, auf die die KI Bezug nehmen sollte?

Ich hatte mir die semi-szenische Konzeption durchaus interessant, aber gänzlich anders vorgestellt in dem Sinne, dass man wie bei einer Diaschau Szenenbilder aus zahlreichen historischen Produktionen analog der prächtigen Bühnenmodelle von Wieland Wagner Anfang der 1950er Jahre zu sehen bekäme, die in der Villa Wahnfried im Keller besichtigt werden können. Und gerne auch Nachbildungen oder großformatige Fotos der Bühnenbilder von Chéreau, dem Regisseur des Jahrhundertrings, Alfred Kirchner, Jürgen Flimm, Tankred Dorst und meinethalben auch Frank Castorf. Das wäre immer noch hundertmal besser gewesen als so verkorkste Inszenierungen wie die von Castorf oder Valentin Schwarz.

Bayreuther Festspiele Das Rheingold 2026 © Enrico Nawrath

Aber dazu hätte es eines gezielten Auftrags an einen Filmemacher bedurft. Der hätte die Bildfolgen gezielter auf die Musik abstimmen –  und im Idealfall mit dem Dirigenten Hand in Hand arbeiten können.

Stattdessen ließen sich allenfalls hier und da einzelne Requisiten, Details oder Szenenfotos aus vergangenen Aufführungen in dem visuellen Wust entdecken, dies aber teils schwer erkennbar angesichts großer Unschärfen.

Nun hatte Bayreuth schon immer einen Werkstattcharakter, was die Frage aufwirft: Inwieweit können Marcus Lobbes und Nils Corte, die für die künstlerisch-technische Konzeption zeichnen, in den noch verbleibenden Aufführungen der zweiten und dritten Runde den Aspekt der Aufführungsgeschichte noch stärker ins Zentrum rücken? Haben Sie auf so grundlegende konzeptionelle Dinge überhaupt Einfluss?

Einen Vorteil hat das semi-szenische Setting zumindest: Die Sänger stehen meist im Zentrum der Bühne und sind gut zu hören, der Kontakt zwischen Bühne und Graben ist ideal.

So oder so schreibt dieser einmalige Jubiläumsring musikalisch Geschichte. Dafür steht allen voran der Name des Dirigenten, Christian Thielemann. Der durchlebt die Parabel um Macht und Liebe mit dem Bayreuther Festspielorchester hoch emotional, packend in den dramatischen Momenten, berührend und unendlich zärtlich im Lyrischen, wie es aktuell in der Wagnerrezeption einmalig ist. Und das bei hohen Temperaturen, die aus dem Festspielhaus eine Sauna machen.

Bayreuther Festspiele 2026 Das Rheingold, © Enrico Nawrath

Allein schon das Vorspiel zur Walküre mit seinen stürmischen Bewegungen in den Celli, die mit einem Mal so leise werden, dass man die Ohren spitzen muss, um sie überhaupt noch zu hören, habe ich in gefühlt zehn Thielemann-Ringen so unheimlich noch nicht gehört. Der Graben mit seiner besonderen Akustik hat daran freilich seinen Teil: Anderswo würde man dieses vier- oder fünffache (?) Pianissimo gar nicht mehr hören. Und das ohne optische Ablenkung. Bei den Vorspielen immerhin bleibt der Vorhang geschlossen, als würde Thielemann sagen: Die gehören mir. Wenn die Celli von diesem dynamischen Nullpunkt aus wieder bedrohlich Fahrt aufnehmen, rast das Herz.

Neue Hörerlebnisse auch im Vorspiel des Rheingolds. Da durfte man nach den Wellenbewegungen des Wassers in den Streichern über ein Klarinettensolo staunen, das forscher klang als noch zuletzt in den Vorstellungen unter dem Dirigenten an der Berliner Staatsoper, um nicht zu sagen: Es tönte richtig keck.  Und auch die Ambosse hatten ein selten gehörtes Gewicht, hell, und intensiv im Vordergrund, dass man sich vor dem inneren Auge vorstellen mochte, wie die Nibelungen das Gold schmieden, das in der Videoprojektion kaum sichtbar wird.

Bayreuth Walküre (c) Enrico Nawrath

Nur wer von tiefer Liebe für Wagners Musik erfüllt ist, vermag sie derart klangsinnlich, feinfühlig und berührend zu dirigieren. Bei Thielemann spürt man das von der ersten bis zur letzten Note. Es würde mich nicht wundern, wenn er die Musik auswendig dirigiert wie zuletzt die Meistersinger und den Tristan in Dresden.

Auch was die Sänger anlangt, ist dieser Jubiläumsring ein Fest. Zwei Protagonisten gilt dabei meine ganz besondere Hochachtung: Michael Volle und Klaus Florian Vogt.

Groß und profund bei Stimme ist Volles Wotan, textsicher und –verständlich, schön im Timbre, agil in allen Lagen und bewegend als ein in seinem Handeln von Zwängen bestimmter, wirklich trauriger Gott.  Bei allem Zorn, den er an den Tag legt, um Brünnhilde für ihren vermeintlichen Ungehorsam zu strafen, hört man aus seinem Schlussgesang doch den großen Schmerz heraus, von seinem „herrlichen, kühnen Kind“ Abschied zu nehmen.

Vogt zählt wiederum zu den wenigen heutigen Sängern, die über eine markante, unverwechselbare Stimme verfügen und über schier endlose Reserven. Insgesamt 12 Vorstellungen mit ihm als Loge, Siegmund und Siegfried sind angesetzt, und bislang gelingt ihm das sagenhaft gut. Mit großer Strahlkraft ohne den geringsten Anflug von Ermüdung bewältigt er seine Parts im zweiten Zyklus unverändert sicher in allen Registern. Und vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, bringt die knabenhafte Helligkeit seines Tenors in Verbindung mit dem starken Anteil an Kopfstimme es mit sich, dass er sich mühelos und unangestrengt durch die hohen Register bewegen kann. Und weniger Verschleiß zu befürchten hat als jemand, der sich stets angestrengt durch die Höhen stemmt. Als Loge gefällt er besonders gut, da erinnert er mit seinem Timbre und exquisiter Textverständlichkeit  ein wenig an Peter Schreier.

Bayreuth Walküre (c) Enrico Nawrath

Mit Camilla Nylund als Brünnhilde und Christa Mayer als Erda versammelt Thielemann auf der Bühne zwei weitere bewährte Weggefährtinnen seit vielen Jahren.

In der Höhe an den lauteren Stellen wird das Vibrato bei Nylund schon mal ausladender, aber alles in allem meistert sie ihre Partie höchst respektabel mit der gebotenen Durchschlagskraft und lyrischer Empfindsamkeit in so spannungsvollen leisen Momenten wie dem „War es so schmählich“ in der Auseinandersetzung mit ihrem Göttervater.

Elza van den Heevers Sieglinde gefällt mir nicht ganz so gut, zwar sicher und schlank in der Mittellage, aber in den Spitzen doch recht steif und spitz. Dagegen empfiehlt sich die grandiose Anna Kissjudit mit ihrem dunklen, vollblütigen, großen Mezzo als eine von Bayreuths schönsten Frauenstimmen, eine Fricka zum Fürchten.

Bayreuther Festspiele Die Walküre 2026 © Enrico Nawrath

Auch alle übrigen Figuren, etwas unterschiedslos und zum Verwechseln ähnlich gekleidet (prachtvolle Silberkostüme: Pia Maria Mackert) sind bis hin zu den Rheintöchtern und kleineren Rollen wie Froh und Freia vorzüglich besetzt.

Die Buhrufe für das gescheiterte szenische Konzept lassen allmählich etwas nach. Man schaut zusehends darüber hinweg. Die verdient emphatischen Bravostürme für die Sänger und den Dirigenten aber erinnern an goldene Zeiten. Da könnte man meinen, das Haus breche zusammen unter all dem Getrappel. So lautstarker Jubel bei einem Ring war an diesem Ort lange nicht mehr. Genauer gesagt, seit Thielemanns letztem Zyklus vor 20 Jahren.

Kirsten Liese, 6. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner Die Walküre II, Christian Thielemann Bayreuther Festspiele, 5. August 2026

Richard Wagner, Die Walküre, Klaus Florian Vogt, Christian Thielemann Bayreuther Festspiele, 28. Juli 2026

https://klassik-begeistert.de/richard-wagner-das-rheingold-ii-christian-thielemann-bayreuther-festspiele-4-august-2026/

Richard Wagner, Das Rheingold, Christian Thielemann Bayreuther Festspiele, 27. Juli 2028 PREMIERE

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