CD/Blu-ray Besprechung:
Haydn 2032
No. 19 – Trauer
Giovanni Antonini, musikalische Leitung
Il Giardino Armonico
Alpha Classics, Alpha1101
von Dirk Schauß
Giovanni Antonini wählt für den 19. Band seiner Gesamtaufnahme Haydn2032 einen eignen Weg: eine seelische Inventur in Klanggestalt. Mit Il Giardino Armonico spannt er einen Bogen von den Schlachtfeldern des dreißigjährigen Krieges bis zu den Erschütterungen des modernen Terrorismus.
Den Auftakt macht die Sinfonie Nr. 52 in c-Moll – ein Werk von solcher Schroffheit, dass man die Funken sprühen hört. Antonini und seine Musiker spielen mit einer Unbeugsamkeit, die jede galante Perücken-Ästhetik im Keim erstickt. Hier gibt es keine gefälligen Kompromisse, sondern scharfe Kanten und dynamische Extreme.
Ein kluger Bruch folgt mit Arvo Pärts Da pacem Domine. Nach dem c-Moll-Gewitter wirkt die zeitlose Friedensbitte wie ein reinigendes Bad. Die Streicher wechseln radikal ihren Ton: Wo eben noch Zorn herrschte, breitet sich nun eine statische, überirdische Ruhe aus.
Die „Trauersinfonie“ Nr. 44 in e-Moll wird unter Antoninis Leitung zu einer Offenbarung des Widerstands. Statt resignativer Melancholie spürt man eine Trauer voller Wut und Aufruhr. Das Menuett als Kanon wirkt wie ein unentrinnbares Uhrwerk, das Finale eine gehetzte, dämonische Jagd.
Als Erdungspunkt dient Samuel Scheidts Paduana Dolorosa von 1621. Antonini zollt dem Frühbarockmeister eine Lesart, die jede Note mit Gewicht auflädt. Die Musik aus dem Schatten des großen Krieges korrespondiert auf verblüffende Weise mit Haydns dramatischer Sprache.
Den Schlusspunkt setzt die Sinfonie Nr. 108 in B-Dur. Nach all der Düsternis wirkt dieses helle Werk wie ein gleißender Sonnenstrahl, der durch schwere Wolken bricht.
Klanglich besticht das Album durch extreme Transparenz: charaktervoll quäkende Oboen, raue Naturhörner und Streicher von rhetorischer Klarheit. Giovanni Antonini erweist sich einmal mehr als leidenschaftlicher Deuter Haydns. Diese 19. Folge ist kein Jubiläums-Beifang, sondern ein flammendes Plädoyer für die anhaltende Relevanz dieser Musik.
Wer Haydn bisher für einen freundlichen Onkel hielt, wird seine Meinung revidieren müssen. Hier wird nicht nur musiziert – hier wird gelebt, gelitten und am Ende triumphiert.
Dirk Schauß, 10. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at