„Man soll nicht denken, dass eine 25-Jährige jetzt schon anfangen soll, Wagner zu kreischen“

Interview: kb im Gespräch mit Petra Lang, Sopranistin  klassik-begeistert.de, 31. Mai 2026

Die Notenausgabe von Wagner-Arien

Ein „Must-Have“ für Sopranistinnen auf dem langen Weg zum Wagner-Singen

Richard Wagner, Arien für Sopran und Klavier,
herausgegeben von Petra Lang, unter der Mitarbeit von Adrian Baianu,
@ Schott Music GmbH & Co.KG, Mainz 2026

ISMN 979-0-001-16760-4

Bei der Veröffentlichung von Noten lohnt es sich, jemanden zu konsultieren, der diese Werke praktisch aufführt. Bei der Herausgabe einer Sammlung von Richard-Wagner-Arien für Sopran mit Klavierbegleitung hat der Schott-Verlag Petra Lang als Expertin um Mitarbeit gebeten. Die berühmte Wagner-Sopranistin erzählt im Gespräch mit Jolanta Łada-Zielke über die Entstehung dieses Albums, sowie dessen Inhalt und Zweck.

klassik-begeistert: Frau Lang, als wir das letzte Mal miteinander sprachen, bei den Bayreuther Festspielen 2022, haben Sie gerade beschlossen, sich der pädagogischen Tätigkeit zu widmen. Ist diese Sammlung der Wagner-Arien eine Folge dieser Entscheidung?

Petra Lang: Die Idee von diesem Album ist vom Schott-Verlag gekommen, der mir vorgeschlagen hat, ein Vorwort dafür zu schreiben. Als ich erfahren habe, dass es um Wagner-Arien geht, habe ich in deren Repertoire-Vorschläge eingegriffen. Schließlich haben wir dieses Projekt gemeinsam entwickelt. Es gab dabei viel editorische Arbeit, und wir mussten ständig kontrollieren, dass wir wirklich am Urtext bleiben. Wir wollten möglichst wenig von der Gesamtausgaben-Partitur und dem damit verbundenen Klavierauszug verändern, aber eine einfache Spielbarkeit ermöglichen. Die Vorgabe des Verlags war, das Ganze in die Form einer Sammlung zu bringen. Dazu sind im Online-Anhang weitere Informationen hinzugefügt worden, die hilfreich sein könnten beim Zugang und der Umsetzung dieses Repertoires.

klassik-begeistert: In welcher Karrierephase sollen Sopranistinnen stehen, die diese Sammlung nutzen können?

Petra Lang: Sie ist sicher nicht für jede Sängerin gedacht. Die Kolleginnen, mit denen ich zusammenarbeite, verwenden für das Rollenstudium den Klavierauszug. Dieses Album ist eine Art Einführung in das Wagner-Repertoire, die eine Übersicht der Partien und damit eine Orientierung geben soll.  Das war die Idee der Mitarbeiter des Schott-Verlages, der ich sehr gerne gefolgt bin. Dieses Album kann vielleicht Sängerinnen helfen, sich einen Überblick über die Wagner Sopran-Partien zu verschaffen.

Es geht nicht darum, Nachwuchssängerinnen zum Singen von dramatischen oder gar hochdramatischen Rollen zu verführen, sondern ihnen eine Chance zu geben, sich mit Zeit mit diesem Repertoire zu beschäftigen.  Das habe ich am Anfang auch so gemacht, ohne Hintergedanken, dass ich damit sofort auf die Bühne gehen und die ganze Partie singen muss. Das Singen von Wagner-Partien erfordert, neben einer entsprechenden stimmlichen Disposition, eine Vorbereitung und ein spezielles Training, die über eine größere Zeitspanne zu einer Entwicklung mit einer muskulären Koordination führen, die zu der für dieses Repertoire benötigten Stamina führen. Deshalb findet man in dieser Sammlung die Arie von Ada aus „Die Feen“. Diese kann von einer Sängerin gesungen werden, die beispielweise von einer Fiordiligi kommend beginnt, sich mit dem Strauss’schen Repertoire zu beschäftigen. Gleiches gilt für die Arie der Isabella aus „Das Liebesverbot“.

klassik-begeistert: Man hätte erwarten können, dass die Arien chronologisch angeordnet wären, von „Das Liebesverbot“ bis „Die Götterdämmerung“, doch das erste Stück in dieser Sammlung ist Evas Arie aus „Die Meistersinger“: „O Sachs! Mein Freund!“

Petra Lang: Diese Arie steht am Anfang, weil sie zur im Vergleich „lyrischsten“ Partie gehört.

Petra Lang © Ann Weitz, Düsseldorf

klassik-begeistert: Das war also das Kriterium für die Reihenfolge: vom lyrischsten zum dramatischsten, welche „Starke Scheite“ von Brünnhilde ist?

Petra Lang: Ja, das Kriterium war, das Ganze sukzessiv aufzubauen und immer „eine Schippe draufzulegen“. Deshalb folgt auf die Arien von Elisabeth und Elsa erst dann die Ballade von Senta. Es wäre gut, wenn man über entsprechende Kenntnisse über diese Partien verfügen würde, anstatt zu denken: OK, wenn ich keine leichte Höhe habe, kann ich vielleicht die Sieglinde singen, nur weil diese Partie tiefer liegt. Aber die Sieglinde sangen früher meist Sängerinnen, die vielleicht einmal eine Brünnhilde aufführen wollten. Herbert von Karajan hat einmal in Salzburg eine lyrischere Sopranistin als Sieglinde besetzt, was dazu führte, dass diese Partie heute, meiner Meinung nach, manchmal viel zu leicht besetzt wird. Deshalb steht die Sieglinde im Arien-Album an späterer Stelle.

klassik-begeistert: Ich vermute, dass es bei Wagners früheren Werken – „Das Liebesverbot“, „Die Feen“ – einfacher war, die Arien zu selektieren, als bei den späteren, in denen er bereits seine „unendliche Melodie“ einsetzte?

Petra Lang: Wir haben uns bemüht, keine „Konzertschlüsse“ hinzuzufügen, sondern das Notenmaterial der Gesamtausgaben-Partitur zu verwenden, um das Werk des Komponisten nicht zu verändern. Es wurde einzig der Auftakt im Elisabeth Gebet in „Tannhäuser“ ergänzt. Wir haben den Auftakt der Singstimme vorausgenommen, so dass es organischer wirkt. Die vorgestellten Arien, sei es in der Printausgabe oder im Online-Format, sollen auch einen einfachen Zugang für die Nutzung bei Vorsingen ermöglichen.

klassik-begeistert: Gab es in der Vergangenheit Abweichungen vom Original des Komponisten?

Petra Lang: Ja. Es gibt beispielsweise im Liebestod die traditionell gebräuchliche Version „Wogen“ statt „Sind es Wolken wonniger Düfte?“ Wir waren bemüht dies musikwissenschaftlich sauber zu dokumentieren und haben uns an die Gesamtausgabenpartitur mit entsprechenden Fußnoten gehalten.

klassik-begeistert: In Klavierauszügen ist die Notenschrift oft sehr dicht. In dieser Ausgabe hingegen ist alles übersichtlich, gut lesbar und umfasst 3–4 Notensysteme pro Seite.

Petra Lang: Dies war auch eine Vorgabe vom Schott-Verlag. Der Hauptgrund für solche Verteilung ist vermutlich auch die digitale Verfügbarkeit dieses Notenmaterials. Mittlerweile arbeite ich mit diesem Album am Computer und finde, dass das wirklich sehr bequem auch mit Doppelseiten zu lesen ist.

klassik-begeistert: Der Code für dieses Online-Anhang befindet sich auf der dritten Seite und zwar in drei Sprachen verfügbar. Inwiefern soll er Sängerinnen die Arbeit erleichtern?

Petra Lang: Da gibt es Übersetzungen, sowie eine szenische Einführung in die Arien. Ich habe ein paar Erläuterungen dazu vorbereitet, zum Beispiel wie man an die Arien herangehen kann oder welche Strategie man beim Aufbau der ganzen Partie anwenden könnte. Verschriftlichungen der Aussprache nach dem internationalen phonetischen Alphabet (IPA) finden sich ebenfalls im Online-Anhang.

klassik-begeistert: Können bereits Gesangsstudentinnen diese Sammlung nutzen, etwa zu Übungszwecken?

Petra Lang: Im Studium singen Frauen häufig Elisabeth oder Elsa. Senta ist nicht nur die Ballade, sondern auch eine ganze dramatische Partie. Junge Sopranistinnen können sich bei stimmlicher Eignung langsam einen Zugang zu Stilmitteln dieses Repertoires erarbeiten. Man soll das nicht missverstehen und denken, dass eine 25-Jährige jetzt schon anfangen soll, „Wagner zu kreischen“. Selbst eine junge Sopranistin, deren Anlage vielleicht erahnen lässt, dass sie sich in ein dramatisches Fach entwickeln könnte, sollte sich ihm langsam, systematisch und mit Bedacht nähern. Deshalb haben wir diese Ariensammlung genau so zusammengestellt.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jolanta Łada-Zielke, 31. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Exklusivinterview mit Petra Lang – Teil 1 klassik-begeistert.de 19. September 2022

Exklusivinterview mit Petra Lang – Teil 2 klassik-begeistert.de 21. September 2022

Interview: kb im Gespräch mit ART’N’VOICES klassik-begeistert.de, 17. Dezember 2025

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