Anna Hüdepohl: „Das Akkordeon ist ein sehr geselliges Instrument“, Teil I    

kb im Gespräch mit Anna Hüdepohl Akkordeonistin, Teil I  klassik-begeistert.de, 2. August 2026

Foto: Copyright: Anna Hüdepohl, Foto von Helle Thede Johansen

Die aus Schleswig-Holstein stammende Akkordeonistin Anna Hüdepohl studierte klassisches Akkordeon in Aarhus, schloss ihr Studium 2006 mit dem Solistenexamen ab und lebt seitdem auf den Färöern im Nordatlantik. Neben ihrer Tätigkeit als Akkordeonlehrerin ist sie auch als Musikerin aktiv und veröffentlichte mehrere Alben. Im ersten Teil unseres Interviews spricht sie über den Unterricht an der färöischen Musikschule, Kettentanz und natürlich über ihr Album mit klassischer Musik für Akkordeon und Violine.   

Johannes Karl Fischer im Interview mit Anna Hüdepohl  

klassik-begeistert: Frau Hüdepohl, Sie sind Akkordeonistin und leben auf den Färöern. Was hat sie dorthin gezogen?

Anna Hüdepohl: Ich bin immer der Musik gefolgt – erst zog es mich nach Dänemark, um an der Musikhochschule in Aarhus klassisches Akkordeon zu studieren. Dort wurde ich 2004 Diplommusiklehrerin und habe dann noch zwei Jahre lang die Solistenklasse besucht, die ich 2006 abschloss.  Ich hatte immer ein festes Ziel vor Augen – ich wollte unbedingt von meiner Ausbildung leben und damit meinen Lebensunterhalt verdienen.

Einige Monate vor meinem Debütkonzert las ich eine Jobannonce in einer Fachzeitschrift. Das Färöische Musikschulsystem hatte drei neue Stellen ausgeschrieben, für Akkordeon, klassisches Schlagzeug und Kirchenorgel. Mir war sofort klar, dass ich mich für die Stelle bewerben musste, obwohl ich zu dem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, wo die Färöer-Inseln eigentlich lagen. Also bewarb ich mich, fuhr zwei Wochen nach dem Debüt über den Nordatlantik für ein Bewerbungsgespräch, und packte daraufhin kurzerhand meine sieben Sachen und mein Instrument in einen Umzugswagen und zog nach Tórshavn.

klassik-begeistert: Wie ist Musikschule auf den Färöern organisiert? Gibt es einen Mangel an Musiklehrkräften?

Anna Hüdepohl: Nein, ganz im Gegenteil! Das färöische Musikschulsystem ist eine staatliche Musikschule, die vom Land und den Kommunen finanziert wird. Die circa 90 Lehrkräfte sind im Land angestellt und werden an die vierzehn kommunalen Musikschulen im ganzen Land “entsendet”. Es werden fast alle Instrumente angeboten, und bei einer Einwohnerzahl von 55.000 Menschen gehen mehr als 2000 Kinder in die Musikschule. Die Kinder und Jugendlichen bezahlen für den Unterricht nur eine Anmeldegebühr am Anfang des Schuljahres.

Früher, als die Musikschule noch im Aufbau war, kamen viele Musiklehrer aus dem Ausland hierher (hauptsächlich Skandinavien und England), aber mittlerweile sind die meisten professionellen Musiker und Musiklehrer Färinger, die als Kinder in unserer Musikschule ausgebildet wurden und dann nach dem Musikstudium wieder nach Hause gezogen sind.  Es gibt mehr Bewerber aus dem In- und Ausland, als es Stellen gibt.

klassik-begeistert: Welche Rolle spielt Musik im Alltag auf den Färöern?

Anna Hüdepohl: Die älteste färöische Musik ist rein vokal, weil es hier früher keine Instrumente gab. Die Menschen sangen Balladen und Heldensagen und tanzten dazu Kettentanz.  Einige Balladen haben über hundert Strophen. Durch die mündliche Überlieferung hat übrigens die färöische Sprache überlebt, die erst im 19. Jahrhundert zur Schriftsprache weiterentwickelt wurde. Die Tradition des Singens und des Kettentanzes ist Volkskultur und immer noch präsent im täglichen Leben. Sie wird in Vereinen gepflegt und an Schulen gelehrt.  Viele singen in Chören oder spielen Musikinstrumente, ob als Laien oder professionell.  Unsere Musikschule macht es möglich, dass jedes Kind Zugang zu qualifiziertem Musikunterricht hat, ganz unabhängig vom Einkommen der Eltern.

klassik-begeistert: Wie läuft Ihr Musikunterricht auf den Färöern ab?

Anna Hüdepohl: Ich habe etwa dreißig Akkordeonschüler im Alter von acht bis achtzehn Jahren. Ich unterrichte chromatisches Knopfakkordeon. Im Gegensatz zum traditionellen Akkordeon mit Bässen und Akkorden in der linken Hand lernen meine Schüler von Anfang an das Einzeltonmanual. Das bedeutet, dass sie links einzelne Töne spielen, genauso wie in der rechten Hand. So haben sie die Möglichkeit, alle Arten von Musik zu spielen, auch klassische Musik. Später lernen sie dann auch das traditionelle Manual mit Bässen und Akkorden.  Alle Kinder bekommen eine halbe Stunde Einzelunterricht und spielen darüber hinaus einmal in der Woche im Orchester.

Copyright Anna Hüdepohl, Foto: Aura Mydnir

Ich habe drei kleine Schülerorchester, die nach Alter gestaffelt sind. Aus praktischen Gründen besetze ich die  Gruppen nur mit Akkordeons. Ich spiele oft die Bassstimme, und ein Kollege, der viele Jahre auch unser Sinfonieorchester dirigiert hat, leitet die Proben. Manchmal machen die Schüler auch Kammermusik mit anderen Instrumenten, zum Beispiel Streichern.  Das Akkordeon ist ein sehr geselliges Instrument, das in vielen Musikstilen und Instrumentenkombinationen zum Einsatz kommen kann.  Ich finde es wichtig, dass die Kinder gemeinsam musizieren. Das motiviert sie viel mehr, als wenn sie nur einmal pro Woche alleine zum Unterricht kommen.

klassik-begeistert: Sie sind ja auch als Konzertakkordeonistin tätig und haben 2022 ein Album mit Musik für Violine und Akkordeon veröffentlicht. Woher kam die Inspiration für diese Zusammenarbeit?

Anna Hüdepohl: Angelika Hansen und ich lernten uns 2007 an der Musikschule kennen und spielen seitdem als Duo “Anna & Angelika”.  Violine und Akkordeon passen sehr gut zusammen, aber für diese Konstellation gibt es keine fertigen Stücke oder Arrangements.  Als die Musik, die wir spielen, komponiert wurde, gab es mein Instrument noch gar nicht. Oft wählen wir Stücke, die für Klavier und Geige geschrieben wurden, und arrangieren sie neu.

Beim Arrangieren für mein Instrument fühle ich mich ziemlich frei in meinen musikalischen Entscheidungen, obwohl ich natürlich den musikalischen Stil und Ausdruck des Komponisten berücksichtige.  Ich nehme alles auseinander und baue es auf meine Weise wieder zusammen, wobei ich mich immer frage, wie der Komponist es wohl selber für mein Instrument geschrieben hätte.

Einige Klavierstimmen, wie zum Beispiel der Satz aus der Mozart-Sonate, kann man direkt auf dem Akkordeon umsetzen. Bei späteren Werken, zum Beispiel aus der Romantik, geht es nicht mehr so einfach. Ich finde es spannend, ein Musikstück so umzustrukturieren, dass es klingt, als wäre es für mein Instrument gemacht!  In der Coronazeit haben wir viel zusammen geübt und uns entschlossen, ein Album mit unseren schönsten Stücken aufzunehmen. Es ist bei unserem Musiklabel TUTL erschienen, und wir erhielten dafür 2023 den Faroese Music Award.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Anna Hüdepohl lesen Sie 4. August 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

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