Exklusivinterview mit Petra Lang: „Ich freue mich auf ein entspannteres Leben“

Exklusivinterview mit Petra Lang – Teil 2  klassik-begeistert.de 21. September 2022

Foto: Petra Lang © Ann Weitz, Düsseldorf

von Jolanta Łada-Zielke

Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir über die Motivation von Studenten und Studentinnen, die sich für den Fachbereich Gesang bewerben und über ihre Karrieremöglichkeiten.

 

klassik-begeistert: Bis Ende der Neunziger gab es noch keine speziellen Therapeuten für Musiker, die ihnen halfen, Hemmungen und Lampenfieber zu überwinden. Wenn jemand talentiert war, aber beim Vorsingen nur zwanzig Prozent davon zeigte, was er konnte, riet man ihm ab, diesen Beruf auszuüben.

Petra Lang: In meiner Generation war das auch so, aber ich würde klar unterscheiden: wer singen muss und ein inneres Feuer dazu spürt, wird es schaffen. Ich hatte nie Zweifel an mir, bin auf die Bühne gegangen und habe gesungen. Als ich sehr jung war, trat ich als Diana in Glucks „Iphigenie in Tauris“ in Basel auf, wo ich zwanzig Minuten lang im Schnürboden hing und eine Art Plastikbusen anhatte. Dann kam ich runter in den Nebel, sodass man mich nicht sah und sang zwei Phrasen. Ich war total darauf fokussiert, bis ein Kollege, auf meinen Plastikbusen drückend, sagte: „Petra, ich bewundere dich, wie du da oben sitzt, weil ich an deiner Stelle beim Runterkommen den Text vergessen hätte“. Das war sehr nett gemeint, aber ich fing an zu denken: was passiert jetzt, wenn ich meinen Text vergesse? Ich habe eine ganze Weile gebraucht, mich aus dieser Gedankenschleife zu befreien.

klassik-begeistert: Wie haben Sie das geschafft?

Petra Lang: Ich habe autogenes Training und Progressive Muskelentspannung gelernt und aktiv in meinen Tagesablauf eingebunden. Dabei habe ich gelernt, einen anderen Fokus zu kreieren, bis ich das nächste Mal auf die Bühne kam. Es hilft, sich auf einen einzelnen Muskel zu konzentrieren. Wenn man das schafft, befreit man sich von anderen Gedanken. Natürlich ist das auch eine Sache der Bewertung: was denken jetzt die Leute Schlechtes über mich? Das muss ich kognitiv bearbeiten. Aber die Hauptsache ist, worauf ich mich fokussiere. In dem Moment, wenn das Negative kommt, muss ich mich auf etwas anderes konzentrieren, um aus diesem Gedanken heraus zu kommen. Am besten mache ich das schon viel früher. Das bringe ich auch meinen Studenten bei, und sie haben immer weniger Angst davor, was die Menschen über sie denken. Selbst scheue Asiatinnen, die sich nicht trauten, darüber zu sprechen, kamen schließlich damit klar. Aber manche Kollegen übertreiben, indem sie ohne die Anwesenheit ihres Coachs in der Vorstellung nicht singen können.

klassik-begeistert: Mich überraschte ein Brief eines Studenten an Sie, dessen Professor von ihm verlangte, Falsett zu singen.

Petra Lang: Der Lehrer hat tatsächlich angefangen, mit allen Studenten in der Höhe ab dem doppeltgestrichenem F Falsett zu verwenden. Dabei muss man tierisch Luft puschen, sonst würde man nie nach oben kommen. Dieser Professor hat nur ein Jahr lang in der deutschen Provinz gesungen, dann eine Professur bekommen. Er unterrichtet seit über zwanzig Jahren, hat aber keinen Sänger ausgebildet, der heute wirklich professionell solistisch singt. Mit fehlen wirklich die Worte dafür.

Falsett ist bei Männerstimmen verwendbar. Deswegen kann zum Beispiel ein Bassbariton hohe Töne erreichen. Ich habe mitbekommen, dass Johan Botha es so machte und habe mit ihm darüber diskutiert. Er sagte, er braucht das, um die Stimme wirklich schlank zu kriegen. Seine Karriere hat gezeigt, dass das bei ihm funktionierte. Ich mache das speziell bei den Tenorstimmen, weil sie mit dem Falsett leichter und spannungsfrei nach oben kommen. Aber sie müssen lernen, Falsett in Kopfstimme zu führen und diese mit ihrer Vollstimme zu verbinden. Dann haben sie keine Angst mehr vor der Höhe. Bei Frauen ist das anders, ein lyrischer Koloratursopran kann das so nicht nutzen.

klassik-begeistert: Eine Königin der Nacht kann das nicht verwenden?

Petra Lang: Nein, das geht überhaupt nicht. Die Sängerin sollte jeden Ton mit Stimmlippenkontakt erzeugen. Auch wenn man die richtigen Tonhöhen herstellt, werden das die Zuschauer auf lange Sicht nicht kaufen, weil die Tragfähigkeit eines überlüfteten, falsettierten Tones ohne Stimmlippenkontakt schwächer ist als mit einem Stimmlippenkontakt erzeugten Klang.

klassik-begeistert: Wie sehen Sie die heutigen Chancen der Gesangsstudenten, beruflich Fuß zu fassen?

Petra Lang: Es ist interessant zu schauen, wer von allen Gesangsstudenten der deutschen Musikhochschulen diesen Beruf dann wirklich ausübt. Ein Berliner Professor sagte mir vor Jahren, dass nur vier Prozent Absolventen des Gesangsfachs eine Solokarriere machen. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, ob er das angemessen findet. Was machen dann die restlichen sechsundneunzig Prozent? Es kommt noch die finanzielle Verantwortung dazu, weil Steuergelder für die Ausbildung dieser Menschen zur Verfügung stehen. Das Problem scheint jedoch niemanden zu interessieren, die Evaluierung dafür findet vermutlich nicht statt. Die enttäuschten jungen Absolventen, die in ihrer Solokarriere gescheitert sind, hätten etwas anderes beruflich machen können und Gesang als wunderbares Hobby ausgeübt. Deshalb frage ich, was bringt es, so viele Gesangsstudenten aufzunehmen.

klassik-begeistert: Unter den Kandidaten zum Gesangsstudium sind deutlich mehr Frauen als Männer. Ein Professor aus Krakau behauptet, die Motivation der Frauen sei häufig der Wunsch, das Selbstwertgefühl dadurch zu verbessern.

Petra Lang: Vielleicht sieht es so in Europa aus. Als ich in Darmstadt zu unterrichten anfing, habe ich vierzig Probestunden gegeben: drei für Deutsche, zwei für Amerikanerinnen, und der Rest war für die KandidatInnen aus Asien. Ich fragte sie, warum sie Gesang studieren wollen, weil ich keine Voraussetzungen dazu gesehen habe. Je nachdem, aus welchem asiatischen Land sie kamen, sagten sie: „Wenn ich ein Diplom des abgeschlossenen Studiums aus Deutschland habe, steigt meine Position auf dem Heiratsmarkt“. Die anderen Asiatinnen sagten, man wird sie in ihrer Umwelt höher schätzen, auch wenn sie nicht beruflich singen werden. Immerhin ist Gesang das einzige Fach, das sie ohne sprachliche Voraussetzungen studieren können. Wenn man Ingenieur oder Jurist werden möchte, muss man Deutsch und English fließend sprechen. Für ein Musikstudium brauchen sie das nicht, es reicht, wenn sie nur ein bisschen singen können. Bei dem Instrumentenspielen konkurriert man mit Menschen, die sich schon seit Jahren damit beschäftigen.

klassik-begeistert: In  Polen gibt es ein Sprichwort: „Jeder darf singen, aber nicht jeder kann es“…

Petra Lang: Bei der Aufnahmeprüfung zum Gesangsstudium denkt man oft, dass eine gute Stimme dazu reicht. Ich glaube, man sollte überlegen, welchen Sinn es hat, solche Menschen auszubilden. Manche asiatischen Studenten wollen unbedingt in Europa Karriere machen und denken, dass ihnen dies ein in Deutschland abgeschlossenes Studium ermöglicht. Dies ist ein Missverständnis. Mir gefällt jedoch die Denkweise einiger meiner koreanischen Studentinnen, die in ihre Heimat zurückkehren wollen und dort vielleicht eine Chorstelle finden. Ihre Fähigkeiten reichen für Solo nicht aus, und sie sind sich dessen wohl bewusst. Sie schließen die Möglichkeit nicht aus, in einem Chor in Deutschland zu singen, aber eigentlich wollen sie nach Korea zurückkehren und alles dahin mitbringen, was sie hier von der deutschen Kultur gelernt haben. Solche Ideen unterstütze ich vollkommen. Aber wenn gar kein Talent zum Singen vorhanden ist, hat es keinen Zweck, diese Person auszubilden.

klassik-begeistert: Wo und wann finden Ihre nächsten Workshops statt?

Petra Lang: Nächstes Jahr im Juni machen wir einen großen Meisterkurs im Richard Strauss Institut in Garmisch-Partenkirchen während der Richard-Strauss-Tage. Der andere Workshop wird beim Festival junger Künstler Bayreuth geplant. Im Juli führe ich den Meisterkurs bei Eva Lind in Tirol und im September im Orff–Zentrum München. Die Kurse in München, Garmisch und Bayreuth wenden sich an junge Studierende in der Studiums-Endphase und an junge Sänger im Anfangsengagement. Kurs- und  Übernachtungskosten übernimmt der Veranstalter. Beim Kurs in Tirol gibt es 8 Plätze. Außerdem bauen wir, mein Mann und ich, unser Haus um, damit wir auch bei uns zu Hause Kurse organisieren können. Wir planen zwei Studios mit Übungsräumen und Küche einzurichten. In erster Linie bereiten wir das für meine Studierenden vor, um ihnen eine Chance zu geben, intensiv weiter zu arbeiten. Viele Sänger kommen zu mir, die wirklich arbeiten möchten.

klassik-begeistert: Und welche Partien singen Sie nach den Bayreuther Festspielen?

Petra Lang: Ich gehe jetzt mit Freude ins Charakterfach. Mit 60 kann man nicht mehr 15-jährige Mädels darstellen, das wäre doch lächerlich. Corona hat mir den Abschied von Lieblingsrollen leichter gemacht, obwohl es nicht ganz einfach war. Jetzt ist aber die Zeit, langsam in die Mütterrolle zu gehen (lacht), was auch für die Stimme gesund ist. Außerdem muss ich nicht mehr auf mein Gewicht und die Figur achten. Ab jetzt wird mein Leben entspannter, und ich freue mich sehr darauf.

Herzlichen  Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Jolanta Łada-Zielke für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weitere Informationen über Petra Lang sowie die Möglichkeit, ihr Fragen zu stellen, auf der Seite:

https://www.petralang.com/Klangpaedagogik/PetraLangKlang

Exklusivinterview mit Petra Lang – Teil 1 klassik-begeistert.de 19. September 2022

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