Zwei Hochzeiten und ein Wasserfall – Strawinsky trifft auf Smetana

Strawinsky und Smetana, Stefan Vladar, Dirigent  MUK Lübeck, 31. Mai 2026

Jacob Scharfman, Andrea Stadel, Frederike Schult en und Alexander Fedorov Photo Andreas Ströbl

Ein selten aufgeführter Strawinsky und ein sehr oft gehörter Smetana – das 8. Symphoniekonzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle am 31. Mai 2026 bot beides in mitreißender Frische und herausragender Qualität. Großes Orchester, gemischter Chor, vier Solostimmen und eine ungewöhnliche Instrumentierung – Lübeck bot alles auf und bescherte einem begeisterten Publikum einen sehr besonderen Konzertsonntag.

Igor Strawinsky, Les Noces (Die Hochzeiten)

Bedřich Smetana, Má Vlast (Mein Vaterland) I-IV

Andrea Stadel, Sopran
Frederike Schulten, Mezzosopran
Alexander Fedorov, Tenor
Jacob Scharfman, Bariton

Sofja Gülbadamova, Karine Gilanyan, Florian Uhlig und Youngho Park, Klavier

Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Chor des Theaters Lübeck

Stefan Vladar, Dirigent, 31. Mai 2026

Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 31. Mai 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Aus der Hochzeit entsteht ein Lieblingskind

Princesse de Polignac, geborene Singer und Erbin des Nähmaschinen-Konzerns sowie Förderin von Igor Strawinsky saß gemütlich in ihrem Haus an der Pariser Avenue Henri-Martin, als die vier Klaviere für das Ballett „Les Noces“ angeliefert wurden. Dem entsetzten Diener entgegnete sie nur: „Dann bitten Sie sie herein“.

Für den berühmten Impresario der Ballets Russes, Sergej Djaghilew, war diese getanzte Bauernhochzeit mit vier Solostimmen, ebenso vielen Klavieren, einem Frauen- und einem Männerchor sowie vielfältigem Schlagwerk die schönste und reinste Arbeit mit seiner Kompanie. Der Komponist selbst sah „Les Noces“ laut Zeitgenossen als sein Lieblingskind.

Die Handlung dieser „russischen choreographischen Szenen mit Gesang und Musik“, wie die Tanzkantate korrekt heißt, ist einfach: Vier Bilder führen in das Haus der Braut und dann des Bräutigams, dann verabschiedet sich die Braut und schließlich geht es zum Hochzeitsmahl. Obwohl Strawinsky hier eine bäuerliche Feier seiner Heimat zeichnet, wird französisch gesungen; wer echte russische Folklore sucht, ist schlecht bedient, denn das Werk ist trotz des rustikalen Sujets ausgesprochen artifiziell gebaut. Natürlich spart Strawinsky auch hier nicht mit stolpernden, komplizierten Rhythmen, aber in den meisten Passagen ist das Werk ungemein mitreißend, drängt nach vorne, zieht die Hochzeitsgesellschaft ebenso wie das Publikum stürmisch mit. Es ist so ein bisschen wie „Sacre du Printemps“ ohne heidnische Rituale und mit glücklichem Ausgang, aber in sich musikalisch viel geschlossener als das Frühlingsopfer.

Der Beginn allerdings erinnert durch eine Verbindung eines durch Vorhalte archaisch klingenden Gesangs mit dem Schlagwerk an fernöstliche Schauspielmusik; man fühlt sich einige Takte lang nach Indonesien oder Japan versetzt. Andrea Stadel meistert die hochanspruchsvolle Partie der Braut bravourös, mit klarem, starkem Sopran, der sich auch problemlos gegen Chor und Schlagwerk durchsetzt. Brautmutter mit wunderbar weiblich-warmem Mezzosopran ist Frederike Schulten. Beide Damen überzeugen durch stimmliche Präsenz und ausgezeichnete Diktion.

Das gilt aber ebenso für die beiden Herren; der Tenor Alexander Fedorov gibt einen jugendlich leuchtenden bis virilen Bräutigam; zuweilen erinnert seine Partie an südamerikanische Folklore mit fesselnder Rhythmik. Die beiden Väter verkörpert Jacob Scharfman, der mühelos vom Falsett in seinen gewohnt tiefen und fülligen Bariton wechselt; Parlando-Passagen machen die Gestalten natürlich und greifbar.

Stefan Vladars tänzelndes, leichtes Dirigat formt einen packenden Duktus, dem man sich nicht entziehen kann. Damen und Herren vom Chor des Theaters Lübeck unter Leitung von Jan-Michael Krüger bilden die Hochzeitsgesellschaft; alle Stimmen sind ausgesprochen harmonisch austariert und übertönen trotz kraftvoller Präsenz nie die Solisten.

Stefan Vladar Photo Andreas Ströbl

Bei den vier Pianisten hat man nicht an hochkarätigen Musikern gespart, Sofja Gülbadamova ist dem Lübecker Publikum auch als hervorragende Interpretin bekannt, ferner spielen Karine Gilanyan, Florian Uhlig und Youngho Park.

Gerade die Kombination der Klaviere mit dem umfangreichen Schlagwerk erinnert fast durchweg an Carl Orff; er, Béla Bartók und Olivier Messiaen haben sich nachweislich von diesem Stück inspirieren lassen. Manchmal klingt das Ganze wie Carmina Burana auf französisch in russischer Szenerie.

Bei der Premierenfeier von „Les Noces“ 1923 auf einer Barkasse auf der Seine sprang Strawinksy übrigens durch einen Kranz, Picasso gestaltete eine Skulptur aus Kinderspielzeug und Jean Cocteau gab einen schrägen Kapitän, der immer „Wir sinken“ sagte. Man muss aber weder Absinth noch sonstige Drogen – wir wissen nicht, was die Herren Künstler damals zu sich nahmen – genießen, um sich von diesem tönenden Wirbelwind berauschen zu lassen.

Für diesen ersten Konzertteil gab es schonmal begeisterten Applaus, der deutlich länger ausgefallen wäre, wenn die Chormitglieder nicht schon die Bühne verlassen hätten.

Weit mehr als die „Moldau“ – und die zum Dahinschmelzen!

Smetanas „Vaterland“-Zyklus, und vor allem die „Moldau“, gehört zu den Werken, die man eigentlich mehr als genug gehört hat. Gerade das komponierte Portrait des längsten tschechischen Flusses ist fast täglich auf den sogenannten Kultursendern zu hören; da schaltet man oft schon innerlich oder de facto ab.

Was aber GMD Stefan Vladar und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck da an märchenhaften Klangwelten zaubern, ist grandios. Man gibt die Teile I bis IV, also die stolze Festung Vyšehrad, dann natürlich die Moldau (Vltava), weiter das leidenschaftlich-dramatische Šárka und schließlich das lebenssprühende „Aus Böhmens Hain und Flur“ (Z českých luhů a hájů). Im persönlichen Gespräch erläutert der Dirigent, dass die Reduktion der sechs Teile auf vier dem ursprünglichen Entwurf geschuldet sei; Tábor und Blaník entstanden ja drei Jahre später. Glücklicherweise verfügen alle Einzelstücke jeweils über ein prachtvolles Finale, und so funktioniert auch diese Auswahl entsprechend.

Von den Solo-Instrumenten, aber auch vom gesamten orchestralen Klang her ist der Zyklus von ausgesuchter Finesse; das gilt für eine sehr differenziert gestaltete Dynamik und ebenso für die Behandlung der Tempi. Wie schon mehrfach beobachtet, wirken auch sehr oft aufgeführte Werke durch die Lübecker unter Vladar wie restaurierte Gemälde, die endlich einmal wieder ihre eigentliche Strahlkraft wirken lassen dürfen.

Wann hat man das Majestätische in „Vyšehrad“ so aufragend und glänzend gehört, wann die erschütternde Sage der Rächerin Šárka so aufrüttelnd, die in ihrer klanglichen Haltung schon fast die Größe einer spätromantischen Oper erreicht, wann die böhmische Landschaft so von ergreifender Liebe zu Natur und Ursprünglichkeit durchwoben?

Und ja, diese „Moldau“ erscheint so, als hörte man sie zum ersten Mal. Es sind wundervolle Finessen, wie minimales Innehalten bei der Bauernhochzeit, als würde die Braut dem Betrachter ein sanftes Augenzwinkern zuwerfen. Die Johannis-Stromschnellen (natürlich ist es kein wirklicher Wasserfall) durchpaddeln die Lübecker so, dass man glaubt nass zu werden; das ist mindestens Wildwasser III.

Stefan Vladar und Orchester Photo Andreas Ströbl

Smetana schaffte es, ähnlich wie Beethoven, Kindermelodien zu genialen Schöpfungen werden zu lassen, ob es die „Alle meine Entchen“-Melodie der „Moldau“ ist oder das heimelig vertraute Thema aus „Hain und Flur“. Auch wenn man selbst kein Tscheche ist, sind es diese, wie glückliche Kindheitserinnerungen ins Bewusstsein dringenden Melodien, Themen, Märchenbilder und Farben, die in aller Aufrichtigkeit und fernab jeglicher Klischees eines vermitteln: Heimat. Es ist ein Aufgehoben- und Zuhausesein in Klangwelten, die, wenn sie so meisterhaft wiedergegeben werden, wie an diesem letzten Maientag in Lübeck, man nicht mehr vergisst.

Kein Wunder, dass es zahllose Bravo-Rufe gibt und man am liebsten alles nochmal von Anfang an gehört hätte.Großartig!

Dr. Andreas Ströbl, 31. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Das Konzert wird am 1. Juni um 19.30 Uhr am selben Ort wiederholt.

7. Symphoniekonzert, Frank Martin und Schubert MUK, Lübeck, 13. April 2025

6. Symphoniekonzert, Weinberg und Dvořák MUK Lübeck, 24. März 2025

5. Symphoniekonzert MuK, Lübeck, 10. Februar 2025

 

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