Foto: Christiane Karg (c) Gisela Schenker
Die Staatsoper Berlin lehrt uns das Gruseln und vertraut ganz auf die Macht der Musik. Das Eigentliche bleibt unsichtbar. Die Spannung schraubt sich bis zur letzten Minute immer höher. Wir werden hineingezogen in den Abgrund einer kranken Seele. Die Inszenierung beflügelt unsere Phantasie, das Grauen wächst.
Benjamin Britten
„The Turn of the Screw“
Musikalische Leitung: Finnegan Downie Dear
Inszenierung: Claus Guth
Bühne/Kostüme: Christian Schmidt
Prologue, Peter Quint: Andrew Dickinson
Governess: Christiane Karg
Miles: Nicolò Balducci
Flora: Regina Koncz
Mrs. Grose: Rosie Aldridge
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 21. April 2026
von Petra und Dr. Guido Grass
Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“ basiert auf der gleichnamigen Novelle von Henry James. Die Oper wertet nicht und ermöglicht eine offene Deutung der Handlung.
Geister oder schizophrene Wahnvorstellung?
Die Inszenierung von Claus Guth für die Staatsoper Unter den Linden von 2014 wählt einen sehr schlüssigen und überzeugenden Zugang. Immer tiefer werden wir in die Gedankenwelt der jungen Gouvernante hineingezogen. Das Idyll des Landsitzes, in dem sie allein für die Erziehung zweier Waisen sorgen soll, entpuppt sich mehr und mehr als Horrorhaus. Zunächst sind ihre Ängste und Selbstzweifel sehr verständlich, soll sie doch als junge Frau ein große Verantwortung übernehmen. Selbst repressiv erzogen, sucht sie zwanghaft nach vermeintlichen Vergehen. Ihre eigenen Bedürfnisse unterdrückend, wird sie zur Inquisitorin und wühlt in der Vergangenheit.
Die Musik Brittens weckt Zweifel und Furcht im Herrenhaus
Wir erleben einen spannenden Thriller. Hier passt alles zusammen und greift ineinander. Auf der Bühne schlichte, dunkelrote Wände, dunkelbraune Türen und etwas Holzvertäfelung. Mehr braucht es nicht, um die drückende Atmosphäre des alten Herrenhauses lebendig werden zu lassen. Verzichtet wird auf Bühnenbilder, die den Park oder den See darstellen. Hier leistet das Orchester ganze Arbeit. Mit einer Besetzung von nur 13 Musikern wird eine Klangkulisse vom Feinsten gezaubert. Unter der präzisen Leitung von Finnegan Downie Dear genügt dies völlig, tiefe Emotionen und plastische Bilder in uns zu erzeugen. Die Musik Brittens ist unglaublich dicht und komplex. Wenn sie jedoch so perfekt gespielt wird, fällt dies gar nicht auf. Man denkt und hört keine Zwölftonreihen, sondern lauscht dem Zwitschern der Querflöte am See oder den Kirchenglocken des Schlagwerks.

Immer schneller dreht sich die Schraube
Immer schneller dreht sich die Schraube der Drehbühne; neue Räume und Gänge tun sich auf und bleiben doch immer gleich, ohne Ausweg. Wir verlieren zusammen mit der Gouvernante die Orientierung in diesem Labyrinth.
Im zunehmenden Wahn halluziniert sie. Die Geister der verstorbenen Hausangestellten erscheinen ihr.
Alles steht und fällt natürlich mit dem Gesang. Den Prolog übernimmt mit besonders guter Textverständlichkeit Andrew Dickinson. Er singt auch eines der „Gespenster“, den verstorbenen Peter Quint.
Beide Gespensterrollen erscheinen nicht auf der Bühne, sondern werden über Lautsprecher in den Saal übertragen. Sie sind so nicht ortbar, überall und nirgends, als wären sie – wie bei der Gouvernante – nur in unserem Kopf.
Die Kinder erscheinen mal als dressierte Musterschüler und dann wieder als wilde Bande. Ist das Waisenkind Miles wirklich so harmlos? Laszive Gesten und Andeutungen lassen Zweifel aufkommen. Ist er verantwortlich für den Tod des Hausverwalters, der ihn möglicherweise sexuell missbraucht hat? Alles nur reine Spekulation.
Diese Ambivalenz verkörpert Niccolò Balducci. Sein Countertenor ist wie geschaffen für diese Rolle. Seine klare, aber tragende Stimme ist verführerisch, lieblich und rein oder malo und schlecht, Balducci beherrscht beide Klangfarben und beeindruckt uns mit seinem ganz besonderem Klang.
Christiane Karg leistet Wahnsinniges
Allen voran steht die Leistung von Christiane Karg als Gouvernante. Die Partie ist stimmlich wie musikalisch herausfordernd. Trotz nahezu durchgehender Bühnenpräsenz zeigt die Stimme keinerlei Ermüdung. Alle Facetten der Emotionen vermag sie zu vermitteln. Sie singt im zarten, verliebten Ton oder mit kräftigen emotionalen Ausbrüchen. Ob verunsicherte junge Frau vom Lande oder wahnsinnige Mörderin, beides nimmt man ihr ab.
Besonders beeindruckt auch ihre Schauspielkunst: Auf dem Boden liegend mit weit aufgerissenem Mund verharrt sie im stummen Schrei, erhebt sich in Zeitlupe, schwebend wie von Geisterhand. Die Geisterstimmen scheinen ihr zu entströmen.
Eine Wahnsinnsvorstellung, wir verlassen den Saal mit Gänsehaut.
Petra und Dr. Guido Grass, Köln, 24. April 2026
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Benjamin Britten, The Turn of the Screw ENO English National Opera, 11. Oktober 2024
Benjamin Britten: Der Tod in Venedig, Oper in zwei Akten Wiener Volksoper, 28. Mai 2022