Auf den Punkt 94: Der große PR-Text-Realitäts-Check

Auf den Punkt 94:  Der große PR-Text-Realitäts-Check  Elbphilharmonie, Großer Saal, 4. Juni 2026

Foto: Frank Peter Zimmermann © Irène Zandel

Tōru Takemitsu / How Slow the Wind
Ludwig van Beethoven / Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61
César Franck /  Sinfonie d-Moll FWV 48

NDR Elbphilharmonie Orchester
Kazuki Yamada / Dirigent

Frank Peter Zimmermann /  Violine

Elbphilharmonie, Großer Saal, 4. Juni 2026

von Jörn Schmidt

Mit manchen Texten, die PR-Agenturen zu Programmheften beisteuern, tue ich mich schwer. Manchmal ist der Text nichtssagend, dann wieder wurde für meinen Geschmack zu dick aufgetragen. Daran habe ich mich bereits zwei Mal in meiner Kolumne abgearbeitet (Folgen 41 und 84, wenn es Sie interessiert). Hinter den Kulissen gab´s da flugs Feedback, das Thema hat emotionalisiert. Heute daher eine neue Folge zum Thema.

Vorweg: Es gibt auch PR-Texte, die hervorragend sind. Weil die Agenturen den künstlerischen Anspruch ihrer Klienten inhaltsreich auf den Punkt bringen. So wie zum heutigen Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

Ausgewählt habe ich den jeweils – nach meinen Geschmack, natürlich – gelungensten  Satz. Gelungen, weil der Künstler mit wenigen Worten charakterisiert wird. Dabei erfreulich sachlich formuliert ohne triefende Übertreibungen. Also habe ich mir das Konzert des  NDR Elbphilharmonie Orchesters heute durch die PR-Brille angehört. Fanden Anspruch und Wirklichkeit zueinander?

Programmheft-Text zu Frank Peter Zimmermann  (Auszug)

Frank Peter Zimmermann gilt weltweit als herausragender Geiger seiner Generation – gefeiert  für seine uneitle Musikalität, technische Brillanz und geistige Tiefe.

Mit Beethovens Violinkonzert hat Frank Peter Zimmermann zum ich weiß nicht wievieltem Male gezeigt, dass er ein großartiger Geiger ist. Für mich macht sein Spiel aus, dass er in poetischen Spannungsbögen denkt. Dabei aber nie Details überspringt – sondern glühend zum Klingen bringt. Geht Zimmermann dabei uneitel vor? Auch das würde ich bejahen, sein Spiel ist bei aller Brillanz fast immer schnörkellos. Check✔️

Programmheft-Text zu Kazuki Yamada (Auszug)

Die Zeit, die er eng mit Seiji Ozawa zusammenarbeitete, hat die Bedeutung dessen unterstrichen, was Yamada sein `japanisches Gefühl` für klassische Musik nennt.“

Was genau das japanische Gefühl für klassische Musik ist, das verrät das Programmheft nicht, gibt aber einen wichtigen Hinweis. Es ist das, was auch Seiji Ozawa ausgezeichnet hat. Der 2024 verstorbene japanische Dirigent wurde verehrt für seine unerbittliche technische Präzision und seine tiefe emotionale Verbundenheit zu den geliebten Werken. Dabei stets uneitel und ehrfurchtsvoll. So verstanden zeichnet den japanischen Zugang zu einem Werk aus, mit kontrollierter Emotion, Respekt und Disziplin zu überwältigen.

Der 47 Jahre alte Kazuki Yamada hat sicher viel von Seiji Ozawa gelernt. Ozawa führte übrigens den Spitznamen Hunderttausend-Volt-Dirigent. Yamadas Dirigierstil ist ebenfalls großes Kino, aber, natürlich, individuell anders. Die Bewegungen ausladend, und irgendwie auch kollegial-einladend – aber hatte jemand den Stecker gezogen…?

Kazuki Yamada conducting the City of Birmingham Symphony Orchestra (c) Andrew Fox

Zunächst suchte Yamada mit Zimmermann den kammermusikalischen Austausch. Derlei Rücksichtnahme konnte Yamada bei César Francks Sinfonie ablegen, das äußerte sich auch im Klangbild. Alles eine Nummer größer – Detailgenauigkeit, Musizierlust und expressiver Ausdruck. Man erkennt, dass ihm die französische Klangästhetik liegt.  Allerdings fehlte mir das, was ich gerne einen beißenden Zugriff nenne – einfach mal gegen den Strich dirigieren. Alles in allem aber: Check✔️

Kein Programmheft-Text zum NDR Elbphilharmonie Orchester

Ich habe gleich drei Mal durch das online-Programmheft gescrollt, um sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe. Aber tatsächlich, kein PR-Text zum eigenen Klangkörper. Das ist klasse, denn erstens sagt man ja nicht ganz zu Unrecht, dass Eigenlob zuweilen üble Gerüche entfalte. Und zweitens ist das für mich eine willkommene Gegenprobe – was würde ich texten, säße ich beim NDR in der freundlichen PR-Abteilung und müsste das Orchester in einem Satz zusammenfassen? Hier mein Versuch, notiert unmittelbar nach dem heutigen Konzert:

Dem NDR Elbphilharmonie Orchester gelingen Sternstunden, wenn altersweise Dirigenten am Pult stehen – man denke nur an Hans Schmidt-Isserstedt, Günter Wand und Christoph von Dohnányi.

Einverstanden?

Fazit

Es gibt sie noch, die guten Pressetexte. Und es ist gar nicht so einfach, das hinzubekommen.

Jörn Schmidt, 5. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Auf den Punkt 41: Hang loose, James Elbphilharmonie, Großer Saal, 23. Januar 2025

Auf den Punkt 84:  Teamgeist-Downsides in der Elbphilharmonie Elbphilharmonie, 19. März 2026

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