„…wirst du auch böse sein?“ – Tobias Kratzer malt einen nachtschwarzen „Macbeth“

Giuseppe Verdi, Macbeth  Hamburgische Staatsoper, Premiere, 12. September 2026

Fotos: Macbeth (c) Monika Rittershaus

Hamburgische Staatsoper ++++Premiere +++++ 12. September 2026

Giuseppe Verdi, Macbeth

Kartal Karagedik, Bariton
Nino Machaidze, Sopran
Alexander Vinogradov, Bass
Dovlet Nurgeldiyev, Tenor
Colin Aikins, Tenor
Mariana Poltorak, Sopran

Chor der Hamburgischen Staatsoper
Tomáš Hanus, Dirigent
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Tobias Kratzer, Inszenierung

von Dr. Andreas Ströbl

„Man sollte ja auch in der Unerwartbarkeit nicht erwartbar werden“, postuliert Tobias Kratzer zur Saisoneröffnung 2026/27 der Hamburgischen Staatsoper mit Verdis „Macbeth“ am 12. September 2026. Doch ist die Produktion auch ein „Opernthriller“, wie im Vorfeld angekündigt?

Düstere Seelen – düstere Welten

Wer von einer Inszenierung des Hamburger Opernintendanten und Regisseurs Tobias Kratzer aufsehenerregende Effekte, Video-Einspielungen und ungewöhnliche Querverweise erwartet, liegt grundsätzlich nicht falsch. Sein „Macbeth“ allerdings geht eine ganz andere, theaterbasale Richtung. „Ist doch schön, wenn es keinen typischen Kratzer gibt! Das wäre ja langweilig!“, bekannte Pressesprecherin Tanja Franke im persönlichen Gespräch auf der Premierenfeier. In der Tat befragt Kratzer hier das Musiktheater „auf seine ganz elementaren Grundlagen [und die] Verwandtschaft mit der klassischen Tragödie“ wie er im Programmheft-Interview bekennt.

Die Bühne von Rainer Sellmaier erinnert sehr dezent in ihrem Stufenaufbau an ein antikes Theater, die Holzbauweise ebenso diskret an Shakespeares „Globe Theatre“. Entsprechend der finsteren, blutrünstigen Handlung und gemäß der fordernden Frage von Anstifterin Lady Macbeth an ihren Marionetten-Gatten, „…wirst du auch böse sein?“, herrscht in allen vier Akten eine nachtschwarze Düsternis. Man ist an die Grundstimmung der Macbeth-Adaption „Das Schloß im Spinnwebwald“ im Schwarzweiß-Film von Akira Kurosawa aus dem Jahre 1957 erinnert, wohl auch an die hoffnungslose Atmosphäre von Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ von 1980. Michael Bauer setzt das Licht sparsam und stimmungsvoll-unbehaglich ein. Nur die grelle LED-Leiste an der unteren Proszeniumskante, die mit blendender Gnadenlosigkeit die einzelnen Szenen voneinander differenziert, darf künftig gerne die Hälfte der Lux-Zahl betragen. Oder soll das ein Hinweis auf das Geblendetsein durch die eigene Machtgier symbolisieren? Falls ja, hätte ein Bruchteil davon genügt. Wahrscheinlich dafür wird es beim Schlussapplaus einige Buh-Rufe setzen.

Fotos: Macbeth (c) Monika Rittershaus

Grundsätzlich aber ist diese Inszenierung klar, stimmig und erfreulich reduktiv-konsequent. Es gibt ein paar leitmotivische Requisiten, aber hier geht es um die Menschen und das, was sie tun. Dass die Leichen der beiden Mordopfer Duncan und Banco die gesamte Zeit unübersehbar auf der Bühne liegen (Banco wird sich zeitweise zur Gespenst-Erscheinung erheben), macht klar, dass eine Verdrängung hier nicht möglich ist, was ja schließlich auch zum Wahnsinn des Mörderpaares führen wird.

Die scheinbare heile Welt zu Beginn bei den netten Macbeths von nebenan mit dem Spielzeugauto, das zum Monster-Roboter mutiert, und der mit Pritt-Stift zusammengebastelten Papierkrone für den hier intelligent dazuerfundenen Sohn des Paares (es geht ja immer um den Erhalt der Dynastie) erscheint zum Schluss hin nochmals als Vision eines verlorenen Traumes von Normalität und familiärer Harmonie.

Beeindruckend ist der langanhaltende Regen aus dem Schnürboden, der die nachtdunkle Atmosphäre noch unangenehmer macht. Er prasselt unerbittlich wie das unentrinnbare Schicksal auf alle nieder, Lebende wie Tote. Im Publikum haben wohl aus Angst vor Erkältung einige Herren ihre Baseball-Kappen, Wollmützen und Hüte aufbehalten.

Gemischte solistische Leistungen

Kartal Karagedik in der Titelrolle singt fast durchweg etwas verhalten; erst bei der mitreißenden Finalarie, „Pietà, rispetto, amore“, erblüht sein fülliger Bariton zu echter Größe und enthüllt die Resignation des Usurpators angesichts eines verpfuschten Lebens und einer mehr als wackeligen Machtstellung, die nur auf Mord und Intrige basiert. Die dynamische Feinarbeit ist aber großartig, zumal in den Piano-Passagen.

Von seiner Gattin, die Nino Machaidze verkörpert, erwartet man mehr Dämonie; die Sopranistin ist eigentlich zu lyrisch für diese Rolle ausgerichtet, der Verdi eine durchaus „hässliche“ Färbung zugestand. Ihr kühles Timbre passt zwar gerade in den Höhen gut zur Rolle, aber man erschauert kaum vor ihr, zumal in der Wahnsinnsszene. Variationen in der Stimmfärbung sind kaum wahrnehmbar.

Fotos: Macbeth (c) Monika Rittershaus

Alexander Vinogradov ist ein kraftvoller, freundlicher Banco; der Bass legt mehr Beachtung auf eine virile Jugendlichkeit als auf markige Tiefe.

Solistischer Glanzpunkt des Abends ist die Arie „O figli, o figli miei!“ von Hoffnungsträger Macduff, die Dovlet Nurgeldiyev mit seelenvoller Wärme in jedem einzelnen Ton direkt in die Herzen singt. Der häufig gespendete Szenenapplaus fällt hier folglich und berechtigt am begeistertsten aus.

Tenor Colin Aikins als Malcolm und die Sopranistin Mariana Poltorak in der Rolle der Vertrauten von Lady Macbeth sind Mitglieder des Internationalen Opernstudios und liefern überzeugende Leistungen ab.

Überzeugender, fülliger Verdi-Klang

Eine ausgesprochen gescheite Idee ist, die Hexen aus der Reduktion auf ein Trio zu lösen und sie vom Chor singen zu lassen. Darstellerisch und von der stimmlichen Intensität her sorgt der Chor der Hamburgischen Staatsoper unter seiner Leiterin Alice Meregaglia mehrfach für Gänsehautmomente. Wuchtig, aber passend zum Libretto jeweils dynamisch auch fein differenziert, erzeugen die starken Stimmen gemeinsam mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Dirigent Tomáš Hanus satten Verdi-Klang mit der typischen Italianità, die auch bei den härtesten Szenen immer wieder eine gewisse Brechung hin zu einem, in der überwältigenden Schönheit des Klangs, Erträglichen des Schrecklichen schafft. Lyrische Flöten, klagende Klarinetten und pralles Blech wirken diese Verdi-Klangwelt mit all ihren Gegensätzen und Spannungen im Stimmungswandel. Der Dirigent wird übrigens demnächst sein Debut an der New Yorker „Met“ feiern können.

Kratzer verzichtet beim Finale mit dem vorrückenden Wald von Birnam auf die tarnenden Äste; das macht nichts, hat man oft genug gehabt. Aber Macduff verliert seine Unschuld, indem er das Kind von Macbeth tötet. Das ist ebenso grausam, wie aus der Natur bekannt. Lange glaubte man an die Mär von der „Arterhaltung“, aber die Spezies ist den männlichen Individuen völlig egal, ja eher hinderlich, denn Bären, Großkatzen, manche Wale, Nagetiere oder Kleinräuber und die uns am engsten verwandten Primaten töten sehr oft die Nachkommen besiegter oder verdrängter Artgenossen, damit nur die eigene DNS überlebt. Es geht immer nur ums Ego, da ist Kratzers Maduff keinen Deut besser als der getötete Machthaber.

Fotos: Macbeth (c) Monika Rittershaus

In der Desillusionierung bitter, aber ehrlich. Das Ganze ist so vielleicht weniger ein Thriller, als vielmehr die schonungslose Schilderung von Menschen und ihren Handlungen, wenn sie die Menschlichkeit in ihrer Egomanie vergessen oder nie erlernt haben. Die Düsternis des Seins spiegelt sich in der der Seelen und umgekehrt. Macbeth kann sein eigenes Abbild in einer Szene nicht mehr ertragen und verhängt den Spiegel.

Beim beschließenden Beifall hört man immer wieder einzelne Bravo-Rufe, aber das hat man in der Hamburger Oper auch schon entschiedener erlebt. Chor und Orchester bzw. deren Leiter ernten zu Recht den meisten Applaus. Nehmen wir, wie erwähnt, die „Buhs“ als Reaktion auf die Blendungen, die Inszenierung hat sie nicht verdient.

Dr. Andreas Ströbl, 13. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Macbeth Hamburgische Staatsoper, PREMIERE, 12. September 2026

Giuseppe Verdi, Macbeth Hamburgische Staatsoper, PREMIERE, 12. September 2026

Giuseppe Verdi (1813-1901), Macbeth Nationaltheater München, 5. Juli 2026

Giuseppe Verdi, Macbeth, Musikalische Leitung Riccardo Muti Teatro Regio Torino, 26. Februar 2026

Giuseppe Verdi, Macbeth Opernhaus Zürich, 14. November 2025

Giuseppe Verdi, Macbeth  Deutsche Oper Berlin, 23. November 2024, Premiere

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