Dmitry Golovnin, Asmik Grigorian und Christopher Maltman im Bühnenbild von Zemlinskys “Eine Florentinische Tragödie” © Wiener Staatsoper/Marcel Urlaub
PREMIERE ++++ EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE/HERZOG BLAUBARTS BURG ++++ Wiener Staatsoper, 3. Oktober 2026
Vasily Barkhatovs originelles Regiekonzept verbindet Zemlinskys „Florentinische Tragödie“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ zu einem psychologischen Beziehungsdrama. Christopher Maltman, Asmik Grigorian, Dmitry Golovnin, Florian Boesch und das Orchester unter Alain Altinoglu sorgten für eine musikalisch großartige Produktion. Die Regie ist fast durchgehend schlüssig; das Ende des “Blaubart” überzeugte mich nicht ganz.
Wiener Staatsoper, 3. Oktober 2026 PREMIERE
Alexander Zemlinsky
Eine Florentinische Tragödie
Text: Oscar Wilde, in der deutschen Übersetzung von Max Meyerfeld
Guido Bardi: Dmitry Golovnin
Simone: Christopher Maltman
Bianca: Asmik Grigorian
Béla Bartók
Herzog Blaubarts Burg (A kékszakállú herceg vára)
Text: Béla Balázs
Herzog Blaubart: Florian Boesch
Judith: Asmik Gregorian
Orchester der Wiener Staatsoper
Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Inszenierung: Vasily Barkhatov
Bühne: Christian Schmidt
Kostüm: Stefanie Seitz
Licht: Alexander Sivaev
Video: Roland Horvath
von Dr. Rudi Frühwirth
Regisseur Vasily Barkhatov hat sich mit der Neuproduktion von Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ einen lang gehegten Wunsch erfüllt. In seinem Konzept verschmelzen die beiden Einakter zu einem zweiaktigen Drama über Liebe, Eifersucht und die erbarmungslose Erforschung des Anderen.
Im ersten Akt versuchen die Eheleute Bianca und Simone, ihre in die Brüche gegangene Beziehung zu kitten, indem sie einen Paartherapeuten zu Hilfe rufen. Dieser schlägt ein Rollenspiel vor, in dem er den Part von Guido Bardi übernimmt, einem von Biancas früheren Anbetern. Geschickt weiß er Simones Eifersucht zu wecken. Immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Realität, und als sich Bianca dem Therapeuten an den Hals wirft, wird aus dem Spiel blutiger Ernst: Simone erwürgt den fiktiven Nebenbuhler, und die Eheleute sinken einander in die Arme, voll Bewunderung für ihre Stärke und Schönheit. Die Therapie war erfolgreich, der Preis ein Menschenleben.

Alain Altinoglu und das Staatsopernorchester brachten Zemlinskys rauschhafte Musik mit ihrer höchst raffinierten Instrumentierung zu betörender Geltung. Christopher Maltman als Simone dominierte Zemlinskys Einakter szenisch wie stimmlich. Sein mächtiger Bariton meisterte die anspruchsvolle Partie glänzend, sicher und ausdrucksvoll in allen Lagen. Neben ihm wirkte Dmitry Golovnin als Guido Bardi etwas blass; seinem hellen Tenor mangelte es trotz klarer Intonation und Artikulation etwas an Durchschlagskraft. Asmik Grigorian gab der kleinen Rolle der Bianca vor allem darstellerisches Profil; gesanglich wurde ihr kaum etwas abverlangt.
Die Bühne von Christian Schmidt zeigt eine in typisch italienischer Eleganz ausgestattete Wohnung, die sich ebenso wie die Kostüme von Stefanie Seitz perfekt in das Regiekonzept einfügt: mondänes Großbürgertum anstatt florentinischer Renaissance. Die gehobene Sprache von Oscar Wildes Tragödie und Max Meyerfelds Übersetzung wäre in diesem Umfeld anachronistisch. Im Rollenspiel dagegen dient sie der Selbstinszenierung und der ironischen Distanzierung von den eigenen Gefühlen.

Bartóks Einakter, also der zweite Akt des Dramas, beginnt nach der Pause dort, wo der erste Akt geendet hat. Noch liegt der tote Nebenbuhler auf dem ehelichen Bett, als der implizierte sexuelle Akt vorüber ist. Sein Blut tropft von den Wänden, so wie im ersten Akt der Wein aus dem Becher getropft ist. Nun fällt Judith die Rolle der Therapeutin zu. Gnadenlos erforscht sie die Schattenseiten des Charakters ihres Angetrauten, nicht bereit, sich ihm hinzugeben, solange er nicht die letzten Winkel seiner Seele ihrem prüfenden Blick preisgegeben hat. Hier scheint mir Barkhatovs Regiekonzept allerdings an seine Grenzen zu stoßen. Das dunkle, in ungeahnte psychologische Tiefen vorstoßende Libretto von Béla Balázs wie auch Bartóks unvergleichliche, aufwühlende Musik finden auf der Bühne keine passende Entsprechung.
Die Darstellung des Tränensees als leeres Kinderzimmer lässt den Zuschauer ratlos zurück. Seltsam ist dann auch der Schluss. Blaubart zeigt Judith die abgelegten Kleider seiner drei früheren Frauen, der Frau des Morgens, der des Mittags und der des Abends. Judith wird zur Frau der Nacht erklärt, und friedlich schlüpfen die beiden unter die eheliche Bettdecke, nachdem noch rasch der tote Guido unter dem Bett verstaut worden ist. Eine Antiklimax, die mich etwas enttäuscht zurückgelassen hat.
Hohes Lob verdient hingegen Barkhatovs Personenführung, unter der Asmik Grigorian als Judith und Florian Boesch als Herzog Blaubart zu darstellerisch äußerst beeindruckenden Leistungen auflaufen. Dass sie daneben auch höchstes sängerisches Niveau aufweisen, versteht sich fast von selbst. Die stets präsente dramatische Ausdruckskraft von Grigorians Sopran weist Judith als die treibende Kraft hinter der Handlung aus. Der lyrische Duktus von Florian Boesch wiederum macht Blaubart als den verletzlichen Menschen hörbar, als einen Menschen mit dem Bedürfnis nach Liebe.

Unter der Stabführung von Alain Altinoglu ließ das Orchester überwältigende Klänge hören. Detailreich modellierten Dirigent und Instrumentalisten die feinsten psychologischen Regungen der Protagonisten, gewaltig erklangen die Bläserakkorde nach dem Öffnen der fünften Tür. Insgesamt war eine großartige Leistung ohne Schwachpunkte zu bewundern.
Am Schluss belohnte jubelnder Beifall die Ausführenden gleichermaßen. Leises Missfallen am Regieteam verstummte bald, und der Abend schloss mit einhelliger Zustimmung und zahlreichen Hervorrufen.
Dr. Rudi Frühwirth, 4. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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