Don Carlo GRIGOLO-STIKHINA (c) Wiener Staatsoper Marcel Urlaub
Wiener Staatsoper, 10. September 2026
Giuseppe Verdi, Don Carlo
Foto: © Wiener Staatsoper / Marcel Urlaub
Kirill Serebrennikov lenkt in Verdis „Don Carlo“ oft vom Wesentlichen ab. Umso stärker treffen Günther Groissböck, Elena Stikhina, Étienne Dupuis und das Staatsopernorchester ins Mark. Vittorio Grigolo krönt den Abend an der Wiener Staatsoper mit Spinto-Glanz und jener Mischung aus Ego und Charisma, die polarisiert.
von Jürgen Pathy
Der erste Besuch in der Wiener Staatsoper in einer neuen Saison ist immer etwas Besonderes. Dass dieser mit Verdis „Don Carlo“ zusammentrifft, ist bis auf eine Ausnahme noch erfreulicher. Kirill Serebrennikovs Inszenierung wird mit Fortdauer auch nicht besser. Dass sie modern und sozialkritisch ist, stimmt schon. Die Verlagerung in ein Kostüminstitut ist nachvollziehbar, die offensichtliche Kapitalismus- und Umweltkritik ebenso. In Summe ist sie aber eines: Ablenkung pur. Denn bei der Umsetzung lenken viele Nebenschauplätze die Aufmerksamkeit auf Requisiten und Komparserie. Das Wichtigste verliert der russische Regisseur dabei fast aus den Augen: die Hauptdarsteller und die Musik.
Bei dieser hatte der reife Verdi in eine andere Kiste gegriffen. Die Musik gleicht dem Spätwerk eines Beethoven. Transzendental, außerweltlich und von Schmerz erfüllt. Drei Protagonisten stellen diesen Schmerz perfekt in die Auslage. Da wäre zum einen Günther Groissböck, der in jüngster Vergangenheit einiges an Kritik einstecken musste. Als König Philipp glaubt man ihm jedes Wort, wenn er singt: „Sie hat mich nie geliebt.“ Damit meint er Elisabeth, seine Gemahlin, und dem Niederösterreicher kommt eines zugute: seine regelmäßigen Ausflüge zum Liedgesang. Dieser Ausdruck und die Rollengestaltung ist überzeugend und macht wett, was manchmal nicht majestätisch klingt.

Genauso berauschend ist die Glut, die in der Stimme von Elena Stikhina loddert, wenn sie sich als Elisabeth ebenfalls nur nach einem sehnt. Laut Philippe Jordan, dem Dirigenten der Premiere 2024 und damaligen Musikdirektor der Wiener Staatsoper, sei bei „Don Carlo“ eines spürbar: die Todessehnsucht aller Beteiligten. Étienne Dupuis lässt diese als Posa ebenso spüren und überzeugt mit klaren Höhen sowie einem geschmeidigen Fluss seines hohen Baritons. Eve-Maud Hubeaux gibt eine solide Eboli – eine Partie, die allerdings an mir vorbeizieht, weil sie musikalisch nicht meinen Nerv trifft.
Im Graben setzt das Orchester der Wiener Staatsoper seine Akzente. Unter Pier Giorgio Morandi klingt es nicht ganz so süffig und schmerzerfüllt. Dafür sind die einzelnen Stimmen hervorragend wie eh und je. Die ersten Geigen holen fast immer die Kohlen aus dem Feuer. Der Solohornist pflegt eine Pianokultur, die man nur selten findet. Das berühmte Cellosolo in der vieraktigen Mailänder Fassung erinnert in seiner Intensität an „Schelomo“, eine hebräische Rhapsodie von Ernest Bloch. Dass die Flöten gelegentlich scharf klingen und die Noten nicht immer fließend ausklingen lassen, bleibt dabei ein kleiner Wermutstropfen. Ein Hoch auf dieses Orchester, dem man Rosen streuen muss.

Vittorio Grigolo prägt den Abend auf seine ganz eigene Weise. Als Don Carlo setzt der Spinto zu jenen tenoralen Höhenflügen an, für die man den exaltierten Italiener kennt. Dass seine Art polarisiert, verwundert nicht. Doch Grigolo besitzt neben Kraft und einem klaren Kern in der Stimme auch Legato und die Fähigkeit, sich für die zarten Zwischentöne dieses verletzten Thronfolgers zurückzunehmen. In solchen Momenten erinnert mich sein müheloser Fluss bisweilen an Luciano Pavarotti. Grigolo ist ein Ausnahmesänger, der sich halt allzu gerne in den Mittelpunkt stellt. Am Ende fällt der Applaus schwächer aus als verdient. Erst eine Handvoll Tifosi erzwingt einen zweiten und dritten Vorhang.
Jürgen Pathy, 12. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giuseppe Verdi, Don Carlo, Kirill Serebrennikov, Regie Wiener Staatsoper, 4. September 2026
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