In Wien setzt Bogdan Roščić weiter auf die Alte Operngarde

Spielzeitvorschau Wiener Staatsoper 2026/27  klassik-begeistert.de, 8. September 2026

 

Vor drei Tagen startete die Wiener Staatsoper mit Verdis Dauerbrenner Don Carlo in die neue Spielzeit. Das Haus am Ring lässt auch in dieser Saison mit den gewohnten Opernklassikern wie La Traviata, Tristan und Isolde oder Der Rosenkavalier wenig anbrennen, doch setzt Direktor Bogdan Roščić neben der alten Operngarde weiterhin mächtig auf Regietheater-Inszenierungen. Ein Überblick der kommenden Spielzeit.

von Johannes Karl Fischer

Die Premieren

An den meisten Opernhäusern sind zeitgenössische Werke inzwischen Pflichtteil des jährlichen Premierenprogramms, und mit Animal Farm hatte die Wiener Staatsoper sich in der vergangenen Saison diesem Trend angeschlossen.

Nicht so in der Spielzeit 26/27: Mit Ariadne auf Naxos, Un Ballo in Maschera und Pique Dame klappert Bogdan Roščić dieses Mal auch bei den Premieren die Opernklassiker ab.

Bellinis I Capuleti e Montecchi und Berlioz’ La Damnation de Faust sind zwar nicht ganz so Stangenrepertoire wie Verdi und Strauss, dürften aber das klassisch gestimmte Publikum auch nicht gerade auf die Palme bringen. Einzig Eine florentinische Tragödie (in Kombination mit dem deutlich bekannteren Werk Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók) ist eine etwas weiter hergeholte Wahl, so stand dieses Werk des Wiener Urgesteins Alexander von Zemlinsky letztmals am 14. Mai 1917 auf dem Spielplan dieses Hauses.

Roščićs Regietheater-Revolution schreitet voran

Doch halt, ihr Meister, nicht so geeilt: Mit Lydia Steier, Nikolaus Habjan und Barrie Kosky sind gleich drei prominente Vertreter des Regietheaters am Werk der Premieren-Klassiker. Langweilig wird es auf dem Stehplatz und bei den Post-Opern-Kaffee-Runden also erstmal nicht. Auch der Bieito-Tristan, bei dem die Regie-Buhs bereits bei der Generalrobe begannen, ist wieder zurück auf dem Spielplan, ebenso der Serebrennikov-Parsifal und, zur Saisoneröffnung, dessen nicht weniger umstrittener Don Carlo.

Diese Regietheater-Revolution des Staatsopern-Spielplans ist wohl ein Verdienst des aktuellen Direktors, so mussten unter seiner Amtszeit u.a. die Zeffirelli-Carmen, die Gielen-Butterfly und der Schenk-Fidelio deutlich moderneren Inszenierungen weichen.

Don Carlo(s) auf französisch und italienisch

Für den Don Carlo(s) Fanclub wird es eine ganz besondere Spielzeit, denn neben der vieraktigen italienischen Fassung kommt im Jänner auch noch die fünfaktige französische Fassung (Regie: Peter Konwitschny) ins Haus am Ring. Das weniger experimentierfreudige Opernpublikum kann sich immer noch auf einige der bewährten Dauerbrennerinszenierungen freuen: Gleich acht Inszenierung im klassischen Stil, darunter vier von Otto Schenk (Andrea Chénier, Der Rosenkavalier, Die Fledermaus und L’elisir d’amore) stehen nach wie vor und obligatorisch auf dem Programm.

Apropos Rosenkavalier…bei aller Liebe zu dieser Oper und zu dieser Inszenierung, ein wenig in die Jahre gekommen ist das Strauss-Repertoire schon. Arabella, Ariadne, Rosenkavalier und Salome sind’s dieses Jahr, alles wunderbare Werke, aber müsste nicht eigentlich ein so traditionsreiches Strauss-Haus wie die Wiener Staatsoper auch mal dessen weniger gespielte Werke pflegen? Warum nicht mal eine Liebe der Danae, eine Ägyptische Helena oder eine Schweigsame Frau? Seien wir ehrlich, solange Andreas Schager (in Wien dieses Jahr: Tristan und Isolde) noch singt, hat die Richard-Strauss-Welt eine vorerst wohl einmalige Gelegenheit, den Midas in Liebe der Danae mit einem von dieser Partie nicht maßlos überforderten Tenor zu besetzen. München hat’s vorgemacht.

Netrebko, Yende und Kaufmann dürfen nicht fehlen

Bei den Gesangsbesetzungen fällt vor allem eines auf: Neue Inszenierung, neue Stimmen, die Premieren kommen weitgehend ohne die ganz großen Sängernamen aus. Beim Fidelio letztes Jahr ging das nicht so wirklich auf, und es bleibt spannend, wie Marina Rebeka bei der Maskenball-Premiere sich dann gegen ihre Direktkonkurrentin der Wiederaufnahme gerade einmal drei Monate später, Anna Netrebko, schlagen wird. Und überhaupt:

Kein Christian Thielemann, kein Philippe Jordan, kein Adam Fischer. Verabschiedet sich also Bogdan Roscic doch ein wenig mehr von der Alten Operngarde, als es die Werkliste im Spielplan vermuten lässt? Oder reichen am Ende Namen wie Jonas Kaufmann, Michael Volle und Pretty Yende, um die immer noch rekordverdächtige Auslastung dieses Hauses aufrechtzuerhalten?

Johannes Karl Fischer, 7. September 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, Don Carlo, Kirill Serebrennikov, Regie Wiener Staatsoper, 4. September 2026

Richard Wagner, Das Rheingold Wiener Staatsoper, 6. Juni 2026

Richard Wagner, Die Walküre Wiener Staatsoper, 7. Juni 2026

Richard Wagner, Siegfried (1876) Wiener Staatsoper, 10. Juni 2026

Richard Wagner, Götterdämmerung, Wiener Staatsoper klassik-begeistert, 15. Juni 2026

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