Brünnhilde (Camilla Nylund) weckt Siegfried (Klaus Florian Vogt) © Brescia/Amisano – Teatro alla Scala
Richard Wagner
Götterdämmerung. Der Ring des Nibelungen, dritter Tag.
David McVicar, Regie
David McVicar und Hannah Postlethwaite, Bühnenbild
Emma Kingsbury, Kostüme
S. Katy Tucker, Videoprojektion
David Finn, Licht
Gareth Mole, Choreographie
Orchestra del Teatro alla Scala
Alexander Soddy, Dirigent
Teatro alla Scala, Mailand, 7. März 2026
von Dr. Rudi Frühwirth
Ohne Musik wäre die Handlung der “Götterdämmerung” wohl nur schwer erträglich oder verständlich. Der tiefe Fall des Helden Siegfried, die Demütigung der ihres Wissens beraubten Walküre, Siegfrieds Tod und die Aufopferung Brünnhildes am Ende sind mit den bloßen Worten eines gesprochenen Dramas nicht einsichtig zu machen. Erst das über Stunden ausgebreitete musikalische Geflecht, der ständige Widerstreit der Motive im Orchester und das Zusammenspiel zwischen Gesang und orchestralem Ausdruck lassen uns die tieferen Zusammenhänge verstehen.
Alexander Soddy gebührt das Verdienst, das Material der Partitur mit dem Orchester der Scala auf bestürzende Weise lebendig zu machen und zu uns sprechen zu lassen. Die Musik verschwimmt nie in einem bloß wohltönenden Klangfluss, stets ist sie vom Bestreben gezeichnet, die einzelnen Stimmen zu Wort kommen zu lassen und doch in den Gesamtklang einzubetten.
So geraten Siegfrieds Abschied von Brünnhilde, die Rheinfahrt und Siegfrieds Verwandlung im ersten Aufzug, Hagens Aufruf an Gibichs Heer, die Schwurszene und das Racheterzett im zweiten Aufzug, Siegfrieds letzter Gruß, der Trauermarsch sowie Brünnhildes feuriger Abschied im dritten Aufzug zu orchestralen Kristallisationspunkten, an denen die innere Handlung, die Entwicklung der Charaktere unmittelbar verständlich werden.
Der “Ring ohne Worte” ist also keine absurde Idee, aber ohne Unterstützung durch gesungene Worte bleibt die Grundidee der Tetralogie doch sehr im Allgemeinen verhaftet. Die Scala hat eine Besetzung aufgeboten, wie man es sich kaum besser wünschen konnte und wie man sie in der Scala erwartet.
Die großen Gegenspieler sind Camilla Nylund als Brünnhilde und Günther Groissböck als Hagen. Nylund hat vielleicht nicht das außergewöhnliche Volumen einer Birgit Nilsson, ist aber gesanglich und darstellerisch stets höchst präsent. Ihre Verzweiflung an Siegfrieds vermeintlichem Verrat und die Wandlung zur rachedürstenden Frau im zweiten Akt sowie der Schlussgesang werden zu großen Höhepunkten.

Groissböck hat nach der Walküre wieder zu seiner gewohnten Form zurückgefunden und stattet die Rolle des Hagen mit bewundernswerter Stimmgewalt aus. Sein geträumter Dialog mit Vater Alberich zu Beginn des zweiten Aufzugs gibt ihm Gelegenheit, seine Motive klar auszusprechen.
Johannes Martin Kränzle singt Alberich deutlich anders als Ólafur Sigurdarson im “Siegfried”, aber genau so eindrücklich.
Vogt ist in der “Götterdämmerung” ebenso glaubhaft wie als junger Siegfried und bewältigt die Rolle mühelos, wenn man von den notorisch schwierigen Ausflügen zum hohen C absieht. Sein letzter Gruß an Brünnhilde vor dem Tod ist der Augenblick, in dem Siegfried sich seiner selbst endlich vollkommen bewusst wird. Vogt singt den Gruß zart und doch ungemein ausdrucksvoll.

Die undankbaren Rollen des Schwächlings Gunther und seiner lenksamen Schwester Gutrune sind Russell Braun und Olga Beszmerta anvertraut, die auch die dritte Norne singt. Als Waltraute war Nina Stemme vorgesehen. Auf Grund ihrer Indisposition sprang Christa Mayer erfolgreich ein, neben ihrem Auftritt als erste Norn. Szilvia Vörös ergänzte das Terzett als zweite Norn.
Auch die Rheintöchter waren schön anzusehen und anzuhören.
David McVicar, Hannah Postlethwaite und Emma Kingsbury lassen die Gibichungen als exotischen Stamm erscheinen, mit Totempfählen und bizarren Masken in der Hochzeitsszene. Im Hintergrund des Bühnenbilds ist im zweiten Akt ein reich geschmückter Totenkopf, nicht unähnlich dem Kopf Fafners im “Siegfried”. Der Interpretationslust des Publikums wird also genug Material geboten.

Die Inszenierung von David McVicar ist stimmig und einfallsreich. Das Zusammenspiel von Chor und martialisch agierenden Tänzern im zweiten Akt macht die Szene mit Hagen lebendig und energiegeladen. Nach Siegfrieds Tod leert sich die Bühne rasch, die Eltern Sieglinde und Siegmund trauern an der ausgestreckten Leiche, schließlich kommt der Wanderer hinzu und bricht gramvoll zusammen.
In der Schlussszene geht Brünnhilde mit dem Athleten, der ihr Ross Grane darstellt, gemeinsam ins Feuer. Walhall erscheint, Wotan stürzt mit dem zerbrochenen Speer leblos die Treppe zur Burg hinunter. Nach dem Untergang Walhalls tanzt Vater Rhein mit seinen Töchtern und dem wiedergewonnen Gold – so meine Deutung des rätselhaften Schlusses.
Die Musik klingt aus, ein paar Sekunden Stille, und dann bricht der hochverdiente Beifall aus.
Die Götter sind Geschichte, die Tetralogie ist zu Ende.
Dr. Rudi Frühwirth, 8. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Klaus Florian Vogt, Siegfried
Russell Braun, Gunther
Günther Groissböck, Hagen
Johannes Martin Kränzle, Alberich
Camilla Nylund, Brünnhilde
Olga Bezsmerta, Gutrune und Dritte Norn
Christa Mayer, Waltraute und Erste Norn
Szilvia Vöros, Zweite Norn
Lea-Ann Dunbar, Woglinde
Svetlina Stoyanova, Wellgunde
Virginie Verrez, Floßhilde